Aus Stein und Eis
„Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen, bis du davon tot umfällst. Oder du kannst es vorziehen, das bisschen Ungewissheit zu genießen.“
Man sagte oft, Menschen werden für ihre Neugierde bestraft. Mir war jedoch immer viel wichtiger alles zu erfahren, als mich vor der möglichen Strafe zu fürchten. Der Blick in die Augen meiner Freundin genügte, um mir zu zeigen, wie groß ihre Frucht vor fremden Menschen war. In diesem Moment konnte ich meine Gefühle nicht einordnen. Einerseits war da die Neugierde, die mich dazu verleitete mich in jene Richtung zu drehen, in welche Angela mit ihrem Blick deutete. Andererseits zweifelte ich daran, dass jemand uns verfolgen wollte. Welchen Nutzen hatte diese Person davon? Eigentlich war ich eine stink langweilige Person, die an guten Tagen etwas Sinnvolles tat. Da hatte kein Stalker einen Nutzen davon.
„Da Bella. Er sieht die ganze Zeit zu uns. Oh Gott, was wenn er uns weh tun will?“ Meine im normalen Zustand ruhige Freundin begann vor Angst zu stottern. Ich verdrehte die Augen, weil ich nicht dachte, dass uns jemand verfolgte. Der Lake Union Garden war in der Nähe des Hafens, dort verkehrten nunmal Menschen und wenn dich jemand wissbegierig ansah, dachtest du, er will dir weh tun. Das war doch völlig normal. Ich wollte gar nicht wissen, wie ich die Menschen anstarrte, wenn ich neugierig zu ihnen sah.
„Bella, das ist mein völliger Ernst. Er schaut schon wieder zu uns hin!“ Sie begann sich unauffällig verhalten zu wollen, scheiterte aber kläglich, da sie in regelmäßigen Abständen einen Blick hinter meine Schulter warf. Da würde sogar ein Nicht-Stalker bemerken, dass etwas nicht stimmte.
„Angela, Süße, du musst dich beruhigen. Keiner will dir wehtun. Es ist alles okay!“ Ich nahm ihre Hand in meine und drückte diese zärtlich.Ich hatte mich doch umgesehen, da war einfach niemand, keiner sah uns irgendwie schräg oder eigenartig an. Die Presseleute verfolgten mich manchmal auf Schritt und Tritt, aber daran war ich gewöhnt. Ich glaubte für diese Menschen war ich auch zu langweilig, um von mir Fotos schießen zu wollen. „Du kannst mir glauben!“ Sie lehnte sich nach rechts, sodass sie beinahe auf die Decke fiel und dann riss sie ihre Augen auf.
„Er ist weg. Bella, er ist einfach verschwunden. Das macht es nur noch verdächtiger.“ Sie flippte vollkommen aus in diesem Moment, registrierte das aber nicht einmal, so vertieft war sie in ihrer Angst und Furcht vor neugierigen Fremden. Vor meinem inneren Augen trat ein Bild auf, dass ich versucht hatte zu ignorieren in den letzten Tagen. Funkelnd grüne strahlende Smaragde, mit deren Glanz man Berge bewegen könnte, wenn man es darauf anlegte. Um meine Freundin zu beruhigen, stand ich auf und machte ein paar Schritte in die Richtung, in die Angela vor einigen Minuten noch gestarrt hat. Ich blicke mich extra konzentriert um, damit sie Ruhe gab mit ihrer Paranoia.
„Siehst du, es ist niemand da, der dich ausspioniert, Ang.“ Das sagte ich lauter als beabsichtigt und meine Freundin legte sich den Zeigefinger auf die Lippen und gab ein gedehntes „Psssst“ von sich. Als ich mich verwirrt umsah uns sie beinahe fragen wollte, was sie denn plötzlich schon wieder hatte, lief sie auf mich zu, packte mich an der Hand und zog mich wieder zu unserer Picknickdecke zurück. „Sei doch nicht so laut.“ sie sah wieder hin und her und beugte sich geheimnisvoll zu mir. Als hätte sie mir Staatsgeheimnisse anzuvertrauen. „Diese Typen, Spione und Stalker, sie können überall sein. Sie haben Connections zu vielen Personen. Du hast keine Ahnung!“ Der Gesichtsausdruck der sich anschließend auf ihrem Gesicht absetzte, war so irrsinnig komisch, dass ich mit Mühe und Not meinen Lachanfall unterdrückte. Ihre weit aufgerissenen Augen, der skeptische Blick, die geröteten Wangen. Sie passte mit dieser Mimik perfekt in einen Horrorstreifen. Als sie mein Grinsen bemerkte, sah sie mich mit erhobener Augenbraue an und machte einen kleinen Schmollmund.
„Du nimmst mich nicht ernst, oder?“ Sie schien ernst besorgt zu sein. „Isabella, solche Menschen können morden, ohne dass es ihnen leid tut. Du verstehst nicht, wie gefährlich es heute ist auf der Straße zu sein. Da lauern verdächtige Menschen herum, von denen du nicht weißt, ob sie psychisch labil sind. Ich fasse es nicht, dass du lachst.“ Ich konnte mich nicht einkriegen, von meinem Lachenanfall. Sie hörte sich so an, wie mein Vater als ich den neunten Bodyguard der Reihe nach zum Teufel geschickt hatte. Seinen verzweifelten Gesichtsausdruck konnte ich auch nie vergessen. Ich hatte etwas gegen Typen, die behaupteten, dass eine Frau ihren Schutz brauchte. Wir befanden uns nicht im Mittelalter, wo die Frauen kaum Rechte hatten und von ihren Männern abhängig waren. Heute gab es Entscheidungsfreiheit für alle- und ich entschied, dass ich keinen Bodyguard brauchte. Nachdem ich meinem Vater, wie eine liebliche Tochter, die ich war, bewies, dass kein Bodyguard gut genug war für mich war, hatte er es schließlich aufgegeben, mich überreden zu wollen. Zumindest bis jetzt, wer weiß was kommen konnte.
„Angela, wie oft sind meine Versuche gescheitert, meinem Dad weismachen zu wollen, dass nicht die ganze Welt versuchen würde seiner Tochter weh zu tun, nur weil er ein Senator ist. Und nicht der einzige wohl bemerkt. Was ist mit der Präsidententochter? Mit Stars, berühmten Anwälten, Ärzten. Wer will denn einer Isabella Swan was antun?“ Meine Freundin sah mich vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf verständnislos.
„Es hat keinen Sinn mit dir darüber zu diskutieren, Bella!“ Sie nahm meine Hände und sah mich besorgt an. Ich kannte diesen Blick viel zu gut. „Wir machen uns alle nur Sorgen um dich, aber du verstehst das anscheinend nicht. Entweder beherrschst du so gut Karate, dass wir uns wirklich keine Sorgen machen sollten, oder du bist einfach lebensmüde.“
Ja, weil diese Sorgen unberechtigt waren. Mein paranoider Vater verseuchte mit seiner Krankheit meinen ganzen Umkreis. Nun war auch meine Freundin verseucht. Fast hätte ich gelacht, wie kindisch sie sich benahmen.
*
"Paranoia - das heißt doch nur, die Wirklichkeit realistischer zu sehen als andere." - Strange Days
„Kannst du einen verdammten Ball auch zurückschießen?“ fragte ich leicht angesäuert, weil ich stundenlang auf dem Tennisplatz stand, mit Jessica trainierte, die es anscheinend aufgegeben hatte einen Ball zurückschießen zu wollen. Es pisste mich so richtig an, aber ich widerstand dem Drang sie so richtig anzumotzen deswegen. Auf meiner unwiderstehlichen a lá Swan Art. Sie funkelte mich richtig sauer an und setzte sich Mitten auf ihrer Tennisplatzhälfte hin. Ich tigerte einige Runden auf meiner Hälfte herum, machte ein paar Entspannungsübungen um die starken Schmerzen in meiner Rückengegend zu lindern. Ich wollte Jessica so was von zum Teufel schicken. Sie spielte normalerweise nicht so schlecht Tennis. Welche verdammten Probleme hatte sie heute? Es war ja nicht so, dass ich sie nicht bei jeder Sache unterstützte, wo ich nur konnte. Würde sie mir ihr Problem mit dem Tennis erklären, würde ich mich mit Sicherheit überwinden und ihr helfen. Aber sie zog es vor einfach auf dem gepflegten Rasen zu sitzen und mich mit ihren Blicken zu erdolchen. Ja gut Fräulein, dann war es halt so. Sie war meine Freundin und ich liebte sie, aber wegen ihr hatte ich diese schrecklichen Rückenschmerzen, die so gar nicht in meinen heutigen Plan passten.
Es war nur ein Tag vergangen, nach der Angela-Paranoia-Sache und schon passierte die nächste Situation, die mich aus der Bahn warf. Was hatte ich jemandem angetan, dass mich dieser Mann da oben so bestrafte? In den letzten Wochen lief alles schief, was nur schieflaufen konnte. Ein Ding der Unmöglichkeit, das eben alles schief ging, schien sich mit 99.999999 % in Erfüllung zu gehen. Bei meinem Glück war das auch kein Wunder.
Ich hörte Jessicas übertriebenes Seufzen, spürte ihren Blick sich in meinen Rücken bohren und als ich mich zu ihr drehte, sah ich, dass sie den Tränen nahe war. Himmel, so hatte ich es gar nicht gemeint. Sie weinte jetzt nicht ernsthaft wegen mir? Gooooott! Ich entschied mich also eine gute Freundin zu sein und setzte mich neben sie. Langsam stupste ich sie mit meiner Schulter an und sah sie an.
„Also, was ist los?“ Noch bevor ich meine Entschuldigung in Gedanken formulieren konnte, sprang Jessica wie von einer Biene gestochen auf und warf ihren Tennisschläger aggressiv auf den grünen Rasen.
„Du wagst es mich zu fragen, was mit mir los ist? Du fragst das wirklich?“ Ihr Wangen nahmen einen dunklen Rotton an und ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammen gekneift. „DU, Isabella. Du bist mein Problem. Schon seit unserer Kindheit muss ich mir anhören, wie perfekt du bist. Wie wunderschön. Wie stolz doch alle auf dich sind. Wie gutmütig und liebevoll du bist. Zuckersüß, smart, wohlerzogen und kultiviert.“ Jessica schrie mich an und konnte tatsächlich seelenruhig auf dem Rasen sitzen und sie anschauen, als würde sie mir das Blau des Himmels erklären. Was war falsch mit mir? Hatte ich mir den Kopf angestoßen? Wieso verteidigte ich mich denn nicht?
„Aber sie haben alle keine Ahnung. Ich kenne dich viel besser als alle anderen. Du machst einen auf unnahbar und unschuldig, total süß und scheinheilig. Tief in dir drinnen bist du nicht besser, als wir anderen.“ Meine Beine entschieden sich ihren Dienst doch zu erledigen und mir war es möglich mich zu erheben. Ich wusste nicht woher die innere Ruhe, die sich durch Jessicas Worte nicht stören ließ, kam, aber ich war dankbar dafür. Mein Temperament schien sich eine Pause zu gönnen und das fand ich gut. Denn im Normalfall hätte ich mich verteidigt, weil alles was sie sagte verdammte Lügen waren. Sie kannte mich so schlecht.
„Was, tust du jetzt auf gutmütig und verteidigst dich nicht? Oder ist dir plötzlich klar geworden, dass alles was meinen Mund verlassen hat, die Wahrheit ist?“ Jessica begann hysterisch zu lachen und ich meinen Kopf zu schütteln. Was antwortete man denn auf solche Fragen? Die Freundin, von der man geglaubt hatte, dass sie es mit Haut und Haaren war, warf einem etwas an den Kopf, von dem sie wusste, dass es nicht stimmte. Sie wusste es verdammt nochmal. Erwartete sie, dass ich jetzt ausraste? Ich würde es nicht tun, denn ich hatte Niveau und meinen Stolz. Das was Jessica offensichtlich fehlte.
„Ich werde nicht mehr Tennis spielen, vor allem nicht mit dir“ Sie warf mir abschätzende Blicke zu, die ich wortlos ignorierte. Angela hatte gesagt, dass Jessica komisch drauf war, vielleicht hatte sie ihre Tage oder so. Woher sollte ich wissen was sie plötzlich gegen mich hatte.
„Mein Dad kann mich mal und seine neue Schlampe auch. Ich werde nie wieder das tun, was mir jemand sagt. Mein Schatzi, James, hat so Recht.“ James? Wer war James? Jessica drehte sich um und lief los soweit ihre Beine sie trugen. So schnell verschwand sie, dass ich nicht einmal blinzeln konnte.
Gefüllte fünf Minuten stand ich da, versuchte verzweifelt zu realisieren – zu verstehen-, was das vorhin war. Wieso Jessica mir solche Dinge unterstellte. Wieso sie plötzlich einen solchen Hass gegen mich hegte? Welche Perfektion meinte sie? Ich war überhaupt nicht perfekt, nur geduldig. Könnte sie in mein Innerstes sehen, dann würde sie solche Dinge nicht zu mir sagen. Aber gut, ich zog es vor ihr ihre Worte nicht übel zu nehmen, obwohl sie mich tief verletzten, sich wie ein Pfeil in mein Herz bohrten und mir die Luft wegnahmen.
Ich sammelte ihren und meinen Tennisschläger auf und lief zu den angegrenzten Garderoben. Dort angekommen riss ich das Schließfach mit der Nummer 22 auf und schleuderte die zwei Tennisschläger mit Gewalt hinein. Ich hatte es satt. So verdammt satt, mir verschiedene Vorwürfe und verletzende Worte anzuhören. Meine Mutter und Jessica konnten mit ihren verhassten Worten und ihren unberechtigten Vorwürfen rein gar nichts erreichen. Renee hatte meine Liebe schon seit Jahren verloren. Ich hegte keinerlei Gefühle für sie. Ich konnte nicht einmal mit Stolz zu ihr hinaufsehen, noch weniger sie verstehen oder mich mit ihr unterhalten. Sie hatte rein gar nichts von mir verdient. Sogar wenn ich ihr meinen Hass jeden Tag zum Frühstück gab, dann hätte sie ihn verdient. Aber wie sollte ich sie hassen? Wie sollte man eine Mutter hassen, auch wenn sie noch so schlecht und gefühllos war, auch wenn sie mich permanent verletzte, mir andauernd das Herz brach und ihre Gefühle nicht zeigen konnte, die sie vielleicht auch nicht hatte.
Ich konnte Renee nicht verstehen, konnte nicht nachvollziehen, warum sie ihre Familie in Stich gelassen hatte? Was gab es so Mächtiges, für das man seine Familie vernachlässigt und kaum noch zuhause ist?
Meine Nägel fanden den Weg in die Tür des Schließfachs und dort bohrte ich sie hinein. Ich wollte den Schmerz, der mein Herz betäubte und gleichzeitig beherrschte, einfach hinausschreien. Wollte kratzen, beißen, den Verstand verlieren. Wie konnte eine Mutter ihrem Kind so etwas zutrauen? Wie konnte sie sich an mich lehnen und ihre Bedürfnisse über meine stellen? Ich hatte nicht verlangt geboren zu werden. Wie konnte sie mich als Spielball benützen, um mich herumzuschubsen, wie sie es wollte. Mal wollte sie Mutter sein, dann wieder nicht. Man konnte es sich nicht aussuchen, wann man Mutter war und wann man das Kind einfach zu seinem Vater schubste und erwartete, dass jemand auf es aufpassen würde.
Ich wollte Renee so hassen. Ich wollte sie hassen, für all den Schmerz den sie mir bereitet hatte. Aber noch mehr wollte ich sie für das hassen, was sie meinem Dad angetan hatte. Sie hatte ihn immer benützt, für ihre Spielchen und ihre Allüren; wie eine Puppe, die man pflegte und mit ihr spielte, bis sie einem zu langweilig wurde, dann schmiss man sie einfach weg. Gequält von meinen Gedanken, von meiner Vergangenheit, die ich unbedingt vergessen wollte, schloss ich meine Augen und versuchte zu vergessen. Ich hieß dem Schmerz in diesem Moment willkommen, weil er der einzig wahre Freund für mich war, heimtückisch und gemein, der mich heimsuchte, wenn ich es am wenigsten erwartete, aber er kam immer regelmäßig. Immer Ende August und blieb den ganzen September lang bei mir, machte mir Gesellschaft und kehrte dann wieder in die Tiefe meines Herzens zurück, wo er die übrigen zehn Monate verbrachte, wie ein schüchternes, kleines Mädchen.
Jessica?! Ihre Bemühungen mir Schmerzen und Traurigkeit zu bereiten, mich zu quälen und zu kränken, scheiterten kläglich, weil ihr da meine Mutter zuvor gekommen ist. Den Schmerz, den mir Renee bereitet hatte, konnte von keinem anderen übertroffen werden. Jessicas Vorwürfe erinnerten mich nur an die Unliebe meiner Mutter, deshalb rührten sie mich zutiefst. Alles, das ich zu verdrängen versucht hatte, kam auf die Oberfläche und ich ließ mich, meine Hände vor meinem Gesicht geschlagen, damit keiner, obwohl keine Menschenseele anwesend war, meine Tränen sah, auf den Boden gleiten. Mein schmerzerfülltes Schluchzen hallte in der hintersten Ecke der Garderobe wider und erinnerte mich daran, dass ich noch menschlich war, dass ich Gefühle, auch wenn sie noch so schmerzhaft waren, zulassen musste, damit ich nicht in meinem Schmerz untertauchte. Ich ließ diese Tränen zu, versuchte sie nicht zu verstecken, erlaubte mir einmal schwach zu sein; erlaubte meinem Körper sich diese Entspannung zu gönnen; erlaubte meinem Herz diesem Schmerz willkommen zu heißen und ließ mich einfach gehen.
Gegen Renee war ich immun, ihre gemeinen Worte konnten mich nicht verletzen, denn meine Mauer, die Renee aus meinem Leben ausgesperrt hatte, war unzerstörbar für sie. Alles was ich war, meinen Glauben und meine Weltansicht, die hatte ich Charlie zu verdanken. Er war immer da und war mir niemals in den Rücken gefallen. Nicht einmal. Deshalb verletzte es mich auch, wenn ich ihn enttäuschte, weil er für mich meine beiden Elternteile darstellte. Er hatte Renees Mutterrolle auf sich genommen, aber auch seine eigene Vaterrolle nie vernachlässigt. Er war perfekt, der Vater, den man ständig zufrieden stellten wollte, weil er es verdient hatte. Weil er seinen Job, seine Familie und – was am wichtigsten war – seine Kinder, nie im Stich gelassen, sowie es Renee immer und immer wieder tat, auch heute noch. Sie wollte nur meine Zuneigung gewinnen, damit sie das Dad unter die Nase reiben konnte, aber das würde ich nicht zulassen. Ihre Zugeständnisse konnte sie sich anderswo holen, ich hatte keine Lust, Renee zufrieden zu stellen, nicht im Geringsten.
Ein polterndes Geräusch, ein Fluchen und ein Schatten am verdunkelten Milchglas war der Reihe nach zu hören und zu sehen. Das war es, was mich aus meinen selbst bemitleidenden Gedanken in die Realität, die noch so grausam sein konnte, zurückholte. Diese Geräusche hatten so menschlich geklungen, so männlich. Nein, das konnte nicht sein, ich bildete mir das alles nur ein, weil ich mir innerlich wünschte in diesem Moment nicht allein zu sein. Mein Herz rutschte in meine Hose und ich wollte mir die Furcht, die ich fühlte und in meinen Venen pulsierte, nicht eingestehen. Ich ließ es dabei, dass es vielleicht eine Katze war. Vor einer Katze hatte ich keine Angst.
Es gab keinen Grund für jemanden mich zu verletzen. Keine Tat, kein Wort, kein Ereignis, das jemanden reizen konnte, mich zu verfolgen und zu verschrecken. Es war nichts. Da war nichts. Es war mein Verstand, das mir einen Streich spielte. Obwohl ich mir das einreden wollte, begann ich hektisch an meiner Kleidung herumzuzerren und sie schnellst möglich auszuziehen. In meinem BH und Panties bekleidet stand ich da und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Plötzlich fühlte ich mich so müde, ausgelaugt und unfähig auch einen Gedanken zu fassen. Meine Emotionen drohten mich zu übermannen, doch ich setzte fort meine Kleidung anzuziehen und hatte es satt zu weinen, wollte es nicht; konnte es nicht.
Fertig angezogen sperrte ich drei Minuten später die Tür der Garderoben ab, da mir der Trainer – Embry- den Schlüssel anvertraut hatte, wenn ich mittwochs allein trainierte. Ich kontrollierte erneut, ob ich die Tür auch verlässlich verschlossen hatte und nickte mir selbst zu, da ich diese Aufgabe erfolgreich bestanden hatte. Danach hob ich meine Sporttasche auf und legte sie mir über die Schulter, auch wenn sie noch so schwer war. Ich würde sie alleine tragen, weil ich es konnte. Sowie ich den Schmerz aller geliebten Menschen auf mich nehmen wollte, wie Emmett es mir gesagt hatte. Ich bemerkte auch selbst, dass der süße Knuddelbär damit Recht hatte. Das Einzige, das mich am Trip nach New York City erfreute, war die Tatsache, dass ich dort meinen Bruder sehen konnte. Meine Baseballcap zog ich mir tief ins Gesicht damit man meine dunklen Augenringe nicht sehen konnte. Meine Lider waren schwer und meine Augen geschwollen, wie ich in dem kleinen Spiegel im Innenraum meines Schließfachs feststellen musste.
Ich lief langsam in Gedanken versunken eine Straße entlang, deren Name ich nicht kannte, sie aber eine Seitenstraße des Tennis Court war, wo ich trainierte. Ich lenkte nach rechts ab, als ich an der Kreuzung ankam, wo ich die Kreuzung zur der Straße gelangte, die mich zum Montlake Boulevard NE führte. Es war Zeit der Dämmerung und der Himmel nahm die ungewöhnlich graue Farbe an. Viele Menschen waren in dieser Gegend nicht anzutreffen, doch in diesem Moment war ich sowieso lieber allein. Spätestens zuhause hatte ich viele Menschen, mit denen ich mich auseinandersetzten musste. In deren Gesichter ich sah und ihnen jemanden anderen vorstellte; jemanden, den sie gern sahen, weil er wie per Fernbedienung sich ihre Sorgen anhörte und ihnen zur Seite stand. Immer wieder beschloss ich eine gute Person zu sein, die sich keine Schwäche erlaubte, die aus Stein und Eis war, damit sie jedem die Zufriedenheit gab, die benötigt wird.
Meine eigenen Schuhe gab quitschende Geräusche von sich, sie waren angenehm und ohne Absätze, klassisch und schmerzlos zu überstehen. Aber die klappernden Geräusche, die in meinen Ohren laut genug waren, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, gehörten eindeutig zu jemanden anderen. Mein Herz begann laut in meiner Brust zu pochen und mir wurde beinahe übel von dieser Intensität meines Körpers. Ich suchte nach Möglichkeiten, wie ich dieser Situation heil entkommen konnte. Aber wieso entkommen? Es ist nur jemand, der zufällig dieselbe Richtung, wie ich hatte. Kein Grund um in Panik auszubrechen. Ich drehte meinen Kopf leicht über die Schulter und konnte mir keine Gestalt ausmachen. Eine unangenehme Gänsehaut machte sich wie ein Film auf meinem Körper breit und war hartnäckig, dass ich sie einfach nicht abschütteln konnte, auch wenn ich mir immer und immer wieder einredete, dass niemand mich verfolgte.
Als die Nacht nun endgültig einbrach, wollte ich schreien. Ich bekam eine riesige Angst, die sich tief in meine Knochen fraß, sodass ich stolperte und mein Körper unkontrolliert zu zittern begann. Eigentlich könnte ich Richard – unseren verlässlichen Chauffeur - anrufen, er würde mich abholen, wo und wann auch immer. Aber ich wollte nicht ausgelacht werden, wegen meiner weiterentwickelten Paranoia. Bei Gelegenheit wollte ich Angela speziell dafür danken.
Um nicht endgültig durchzudrehen, stopfte ich mir die Ohrstöpseln meines I-Pods in die Ohren. Ich wusste nicht woher ich diesen Mut nahm, denn auch wenn mir der Stalker die Kehle durchschnitt, würde ich ihn nicht hören. Der kleine Gedanke, dass dieser Stalker sich genauso allein in dieser Welt fühlte, wie ich, nahm mir etwas die Angst. Vielleicht wäre es ein Vergnügen einfach zu sterben, um dem ganzen Schmerz und dem bösen Schicksal zu entkommen. Einfach nicht mehr zu existieren, wie ein Zombie, vor Schmerz und Unglück zerfressen. Was hatte ich schon zu verlieren?
Meinen Dad und Emmett, stellte ich fest. Ich sah sie in meinen Gedanken auf meinem Begräbnis, in so dunklen Anzügen gekleidet wie die Nacht selbst, die mich verschlucken wollte. Ich saß Dad, der die Arme vor seinem Bauch überkreuzt hatte und seine stummen Tränen. Mein Bruder neben ihn, versuchte seinen Schmerz einzustecken, um für andere da zu sein. Als Emmett seinen Arm um meine Schulter legte, vervollständigte sich das Bild vor meinen Augen. Es war nicht mein Begräbnis. Es war der Tod, der wie eine Lawine alles mit sich fortriss. Ich sah mich selbst, als frisch 13-Jährige sich an meinem Bruder klammern. Den Schmerz meines Vaters zu sehen, weil er seine Tochter auf so eine tragische Weise verloren hatte, brach alle Dämme in mir und ich begann noch heftiger zu weinen.
Linda, Linda, Linda, schrie mein Verstand. Das warum folgte. Das Warum, das ich mir schon seit vier Jahren gestellt hatte, unaufhörlich und unendlich. Ohne es zu realisieren lief ich bei einer roten Ampel über die Straßen. Ohrenbetäubendes Quietschen der Reifen war zu hören, als ich wie angewurzelt stehen blieb und die Augen schloss. Doch nichts folgte. Kein Schmerz, kein Aufprall, nicht einmal ein Geräusch. Ich dachte, ich wäre im Himmel. Doch es folgte ein ruckelndes Geräusch und ich öffnete meine Augen wieder. Vor mir stand ein schwarzer BMW-Jeep und ich brauchte meine Zeit, bis ich realisierte, woher ich dieses Fahrzeug kannte. Erst als ein grauhaariger Mann, in einem dunkelblauen Anzug ausstieg und auf mich zulief, erkannte ich die Ähnlichkeit. Blind vor den Tränen, die ich vergossen hatte, versuchte ich etwas zu erkennen.
„Bella, Bella, mein Augenlicht, was ist passiert?“ Diese Stimme war so wohltuend und so vertraut, es war die Stimme, die ich so oft in meiner Vergangenheit gehört hatte, die zu dem Mann gehörte, der meine beiden verstorbenen Großväter ersetzte. Jetzt weinte ich nur noch mehr. Er lief auf mich zu und nahm mich in seine Arme. Meinen Kopf legte ich auf seine Schulter ab und begann hemmungslos zu schluchzen. Kurz als ich meine Augen öffnete, weil das Hupen der anderen Autos zu hören war, sah ich die Konturen eines Menschen auf der anderen Straßenseite, doch Richard zog mich mit sich und schob mich in den Wagen. Er fragte gar nichts, sagte gar nichts, saß einfach hinter dem Steuer und fuhr mich nach Hause. Das zuhause, in dem man sich am wenigsten zuhause fühlen konnte.
*
„Es sind die vorgefaßten Meinungen, die es den Völkern so schwer machen, einander zu verstehen, und die es ihnen so leicht machen, einander zu verachten.“ ~ Romain Rolland
Menschen waren gekommen und wieder gegangen. Lichter hatten mein Zimmer beleuchtet und die Dunkelheit hatte sich wieder ausgebreitet, wie ein Feind, der mich verschlucken wollte; mitreißen; fortziehen, irgendwohin, wo es nichts gab außer Dunkelheit und Nichts. Nach diesem Nichts sehnte ich mich am meisten; ich wollte meine Sinne betäuben; nichts fühlen, nichts sehen, nichts schmecken, nichts riechen, einfach nicht da sein.
Ich wollte nicht auf diese Weise existieren.
Das war nicht das Leben, das ich mir gewünscht hatte. Ich hatte nicht viel verlangt, nie. Eine freundliche, zusammenhaltende Familie, ein kleines Haus am Strand oder im Wald, Gesundheit und Zufriedenheit. Es wäre genug gewesen. Ich wollte kein Geld, das einem nichts brachte außer Ärger und Unglück. Menschen hatten wegen dem Geld Kriege geführt, aber das war umsonst, denn wenn du kein gesundes Familienverhältnis hast, keine Gesundheit, keine innere Ruhe, dann war das ganze Geld der Welt nur eine Farce, mit der du leichter dein Glück vorspielen konntest. Das Leben reicher Menschen glich einem Kabarett, es war nichts anderes als Schauspiel. Für die wenigen, die sich nicht von der Menge der Reichen mitreißen ließen, war das Leben schwer. Sie wurden als schlechte Beispiele dargestellt, mit denen man die Menschen abschrecken wollte. Skandale und Eskapaden in den Medien lenkten uns doch nur von der wahren Katastrophe ab. Von den Ungerechtigkeiten, die heute noch herrschten, obwohl wir doch annehmen konnten, dass Kriege um Rohstoffe, die Kolonialisierung der Welt und all die abschreckenden Beispiele in der Geschichte unserer Menschheit, einfach nur das waren – Geschichte.
Dieser Kampf um den Reichtum und um die Macht würde nie aufhören. Die Schlacht um das Bessersein würde solange bestehen, wie es uns auf dieser Welt geben wird. Die ganzen Probleme begannen mit der Entwicklung des Menschen und diese Probleme würde es immer geben, je länger es uns gab, desto mehr wuchs der Kampf um das Bessersein.
Ich wollte nie besser sein. Ich wollte einfach ich selbst sein.
Nachdem ich Jessicas Worte in der Nacht endlos lang durchgekaut hatte, stellte ich fest, wie schlecht ich auf sie gewirkt haben musste. Ich konnte nicht leugnen, dass mich ihre Art mir das alles ins Gesicht zu schleudern, verletzt hatte. Aber sie wollte kein Teil dieses Machtkampfes mehr sein. Sie wollte ein Leben nach ihren Vorstellungen führen. Dafür war ich froh für sie. Sie musste kein Teil dieses Machtkampfes sein. Sie konnte irgendwohin ziehen, wo sie keiner kannte und würde unentdeckt bleiben. Ich hingegen hatte seit meiner Kindheit damit zu kämpfen, dass mein Leben nicht privat blieb. Beinahe jeden Traum, den ich mir selbst oder jemanden anderen, erfüllt hatte, blieb nicht unentdeckt.
Als ich noch ein Kind war, wurde von meinen Fortschritten beim Ballett geschrieben. Damals wurde soviel von Lindas Hilfe bei den krebskranken Kindern erzählt und wie stolz alle waren. Menschen sahen sie mit einem gewissen Glanz in den Augen, den ich auch erleben wollte. Sie bejubelten und beklatschten sie. In meiner Erinnerung war jedoch das stolze Auftreten meines Vaters eingebrannt, als seine Anhänger nach den Wohltaten seiner Tochter fragten. Ich nahm mir damals vor, meinen Dad mächtig stolz zu machen, aber ich stellte es mir niemals so schwer vor, wie es in der Realität bedauerlicherweise war. Als ich jedoch begann Tennis zu spielen und zu gewinnen, was für die Menschen viel wichtiger war, sprengte das die Medien, denn jedes Jahr um die gleiche Zeit wurde davon berichtet.
Mir war jedoch nie wichtig gewesen, in den Medien zu sein. Ich wollte lieber unentdeckt bleiben. Den Menschen in den Staaten der dritten Welt helfen, ohne, dass ich dafür in die Medien kam, weil ich wirklich helfen wollte. Nicht wegen dem Ansehen.
Zwischen dem Ansehen und dem Wunsch, etwas zu tun was man wollte, gab es einen schmalen Grad zu gehen. Ich wollte auf beiden Stühlen sitzen und wusste jedoch, dass ich am Ende von beiden fallen würde.
*
So wie er kam, so ging er auch. Ja, der bittersüße Schmerz, der zwischen süßer Erinnerung und bitteren Verlust schwankte. Nun, er verschwand nicht vollständig, aber er wurde erträglich. Ich wusste, dass kein Individuum sein ganzes Leben geleitet von Schmerz verbringen konnte. Aber es gab nichts anderes für mich. Es gab die kurzfristige Freude, wenn ich unter Menschen war, die mir gut taten, aber wenn ich allen – in meinen vier Wänden eingeschlossen – war, dann kehrte dieser Schmerz verlässlich zurück. Ich entwickelte mich zu einem Zombie, das wusste ich, aber es war nicht leicht, sich zu ändern, auch wenn man daran kaputt ging.
Ich konnte die Vergangenheit so schwer ruhen lassen.
An jedem Donnerstag verschwand der Schmerz vollständig, ohne Widersprüche und Hartnäckigkeit; es fühlte sich an, als wäre er von einem Staubsauger aufgesaugt worden und meine Brust wurde leicht, sodass ich fast schweben konnte. Es fühlte sich an als würde ich den Boden gar nicht berühren. Ich fühlte mich wie eine Fee, nun eine einsame und manchmal traurige, aber die meiste Zeit glückliche Fee. Weil ich etwas Gutes tat.
Ich stand nun wieder – wie am jeden Donnerstag - vor dem Overlake Medical Tower auf der 116ten Straße im Bellevue, Seattle – nicht sehr weit von meinem Zuhause. Ich sah das hohe Gebäude, das sich so hoch in den Himmel hinaus erstreckte, fasziniert an, als hätte ich es zum ersten Mal erblickt. Dieses Krankenhaus zog mich immer wieder in seinen Bann. Es gab gut ausgebildete Ärzte, freundliche Krankenschwestern, gut aussehende Bettpfleger und verzweifelte, kranke Patienten, die jemanden brauchten, der sich um sie kümmerte und mit ihnen lange, ausführliche Gespräche führte. Die einsamen Pensionisten und kleine, unschuldige Kinder weckten mein Mitgefühl immer wieder aufs Neue. Sie rührten etwas in meiner Brust, was mich näher zu Linda brachte. Wenn ich in die Augen, der mit einem Bein im Grab stehenden Personen sah, dann sah ich dem Tod in die Augen; stand dem Tod so furchtlos und eiskalt gegenüber, wie er mir gegenübergestanden hatte, als er das Leben meiner Schwester aus ihrem Körper aussaugte und ich ihren toten Körper an meinem gedrückt hatte, in der Hoffnung, sie würde noch leben. In der Hoffnung der Tod würde sich umentscheiden und ihr das Leben zurückschenken, auch wenn es nur aus Mitgefühl wäre. Aber er tat es nicht. Er saugte ihr das Leben aus – ohne Rücksicht auf mich zu nehmen; auf mich, die sie mit einem leeren Loch ließ, dort wo mein Herz sein sollte.
Ich wollte Linda so nahe wie möglich sein.
Ich betrat die Eingangshalle und sah mich um. Viele Kaffeeautomaten standen in den Ecken herum und ein Informationsbereich, wenn man diesen Raum passierte, kam die Rezeption, wo William saß und in seinem Computer etwas hektisch hineintippte.
„Hi, William“ murmelte ich, als ich vor dem Tresen stand und mit meinen Fingerspitzen ungeduldig auf das Holz klopfte.
„Guten Tag, Miss Swan. Wie geht es ihnen denn heute?“ seine blauen Augen blitzten mir entgegen und er lächelte mich freundlich an. „Ihre Kinder sind im Hof, Miss Swan. Sie bekommen ein kleines Theaterstück aufgeführt von einem sehr kreativen Mann.“ Ich lächelte ihn ebenfalls freundlich an für diese Information.
„Danke, William“ nuschelte ich und lief leise pfeifend und gut gelaunt durch die riesige Glastür, ging rechts um die Ecke und stand vor hohen Glasfenstern, die den Hof umschlossen. Von hier konnte ich das kleine Theater ungestört betrachten. Die Kinder saßen auf Plastikstühlen in einigen Reihen aufgeteilt um die schmale Bühne, wo ein Clown gerade mit seinem überdimensionalen Plastikarsch wackelte. Seine feuerroten Haare standen in einem Dreieck von seinem Kopf ab. Die bunte Kleidung, die er trug, war in so vielen unterschiedlichen Farben, sodass keine Farbe mehr miteinander zusammenpasste, das machte ihn umso lustiger. Die zwei lustigsten Dinge an ihm waren jedoch seine Schuhe in der XXL-Größe und sein aufgemaltes Gesicht mit der süßen roten Schaumstoffnase. Ich schob die Tür auf die Seite und leise ein, um die Kinder nicht zu stören.
Ich nahm auf einem Sessel in der letzten Reihe Platz und ließ den Clown seinen Job fertigmachen. Seine Tricks waren witzig und brachten die Kinder oft zum Lachen und mir entlockten sie ein Schmunzeln. Für einen Moment sah mich der Clown intensiv an und auf meinem Armen bildete sich eine angenehme Gänsehaut. Ich überlegte, dass es doch nicht geschadet hätte, eine Strickjacke mitgenommen zu haben, aber ich war einfach zu stur und ließ andere Meinungen nicht zu, vor allem wenn sie von Renee kamen. Lieber fror ich!
Der Clown suchte sich gerade einen Freiwilligen aus, der ihn bei seiner Arbeit unterstützen konnte und ich war tief in Gedanken versunken.
„Kommen Sie“ raunte er mir mit einer Stimme zu, die unbeschreiblich war. „Seien sie meine Freiwillige!“ Wenn er mich so ansah, mit diesen Augen, deren Farbe man wegen der bunten Schminke auf seinem Gesicht, nicht erkennen konnte, hätte ich zu allem „Ja“ gesagt. Er nahm mich mit auf die Bühne, die nur aus wackeligem Holz bestand und überlegte einen Moment, was er tun wollte, in dem er seine schlanken, langen Finger auf seinen Kinn legte. Ich analysierte diese Geste. Seit wann fühlte ich mich so wohl in der Anwesenheit von Clowns? Ich dachte als Kind immer, sie wären so unheimlich.
„Wie heißen Sie?“ rief er mir zu und sah mich einen Moment still an, sah zu den Kindern, die zu jubeln begannen. Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoss und ich rot wurde. Schüchtern wandte ich meinen Blick zu den Kindern und zwinkerte ihnen verschwörerisch zu.
„Isabella.“ antwortete ich. Mein Blick wanderte zum Clown, der begeistert schmunzelte.
„Nur Bella!“ kam es von unseren Zuschauern und ich lächelte. Es war das, was ich immer zu ihnen sagte, wenn sie mich nach meinem Namen fragten. Als ich zu dem Verdächtigen sah, der das ausgesprochen hatte, stellte ich fest, dass es sich dabei um Chelsea handelte. Mein liebstes Mädchen. Ich warf ihr einen Luftkuss, fühlte mich so leicht und unbeschwert. Kichernd wandte ich mich an den Clown und sah ihn auffordernd an.
„Nun, Isabella!“ Es gab etwas, wenn er meinen Namen aussprach; wie er meinen Namen aussprach, als würde er ihn auf der Zunge zergehen lassen. „Ich gebe dir eine Münze, du musst sie hochwerfen und irgendwohin verstecken, wo ich sie schwer finde. Ich werde die Augen schließen, damit dies auch fair ist.“ Er legte den Kopf schief und reichte mir eine Silbermünze. Ich stellte schnell fest, dass es sich bei dieser Ausgabe um eine Münze handelte, die auf beiden Seiten den selben Aufdruck hatte - das Profil einer Frau. Clowns und ihre Tricks!
„Okay!“ grinste ich ihn an. „Bereit, Rotschopf?“ fragte ich ihn noch breiter grinsend als zuvor. Ich fand so langsam Gefallen an dieser Clown-Sache. Provokant hoch ich eine Braue in die Höhe, als er sich ein schiefes Grinsen bereitlegte und anschließend die Augen schloss. Ich schlich mich langsam zu ihm hin. Die Kinder lachten, als ich mit meinen Händen vor seinem Gesicht herumwedelte, um festzustellen, ob er wirklich nichts sah oder uns etwas vorspielte. Es konnte ja wieder irgendein ausgefallener Clown-Trick sein. Ich gab den Kindern ein Okay-Zeichen mit meinem Daumen und sie begannen wieder zu kichern. Anschließend entfernte ich mich wieder vom Clown und drehte ihm halb den Rücken zu. Ich überlegte nicht sehr lange – vielleicht hätte ich das tun sollen-, aber ich steckte die Münze in meinen Ausschnitt, deutete den Kindern, mit dem Finger wo die Münze war und sie schnappten etwas entsetzt nach Luft, bevor sie erwartungsvoll die Luft anhielten.
„Okay, du kannst die Augen wieder aufmachen, Mr. Tricky!“ Selbstgefällig stand ich da, mit den Händen in die Hüften gestemmt und sah ihn wieder provokativ an, als wollte ich ihm sagen, dass er die Münze niemals finden würde.
„Hm!“ gab er gedehnt von sich, griff sich wieder an den Kinn, fuhr extra langsam mit seinen Fingern darüber und beobachtete mich. Dann griff er sich plötzlich mit seinen Fingerspitzen an die Schläfen, schloss die Augen und begann irgendwelche suspekten Laute von sich zu geben, dass ich mir die Hand auf den Mund presste, um nicht laut loszulachen. Die Kinder hingegen konnten ihren Lachanfall nicht zurückhalten und prusteten los.
„Oh......Ich sehe die Münze.......Ich sehe sie deutlich..........Hm.........interessant, faszinierend, einfallsreich!“ Er öffnete seine Augen, ließ seine Hände sinken und wandte den Blick direkt an mich. Er grinste charmant. Ich wusste nicht, wie ich einen Clown charmant finden konnte, aber ihn fand ich charmant.
Er schritt auf mich zu, langsam, ohne Eile, ließ meinem Blick nicht los; wie ein Puma umwarb er mich, drehte sich um mich, als wäre ich seine Beute und blieb anschließend direkt vor mir stehen. Mit erhobenem Haupt sah ich ihm in die Augen; zum einen, weil er viel größer war als ich und ich den Blick nicht abwenden wollte, auch nicht konnte; zum anderen, weil ich nicht schüchtern sein und mich verraten wollte.
So nah kam er mir, dass seine Nasenspitze beinahe meine Stirn berührte. Er legte dan Kopf schief, begann an meinem Haar zu schnuppern, erst auf der einen, dann auf der anderen Seite. Dann stemmte auch er die Hände in die Hüften, sah mir auch selbstzufrieden in die Augen und ließ den Blick in meinen Ausschnitt wandern.
„Kalt, kalt, total kalt!“ murmelte ich, um ihn irre zu führen, damit er die Münze nicht fand. Doch auf seinem Gesicht zauberte sich ein unwiderstehliches Lächeln und er blitzte mich aus diesen Augen an. Diese Augen, die mir so bekannt erschienen; grün, eigentlich smaragdgrün, mit einem faszinierenden Glanz in ihnen. Mein Blick richtete sich auf sein Gesicht und ich versuchte ihn mir ohne das ganze Make-Up vorzustellen. Die Erkenntnis traf mich wie eine harte Ohrfeige ins Gesicht.
„Warm, Isabella, total warm!“ nuschelte er an meiner Stirn. Mein ganzes Blut begann in meinen Venen zu kochen und ich bekam Hitzewallungen.
„Gut, Sie haben gewonnen!“ Ich musste schnell weg von hier. Es erschien mir, als würde er mir die Luft zum Atmen wegnehmen und ich kam mir wieder eingeengt vor. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Lachen, weil ich ihn wiedergetroffen hatte und eigentlich glücklich sein sollte. Weinen, weil er der erste Dominostein in der letzten Woche war, der gefallen und den Domino-Reflex ausgelöst hatte.
Es schienen Minuten zu vergehen, während ich das Kinn reckte und ihn mit einem giftigen Blick ansah. Sein Blick hatte sich auch verändert, er wurde ernster – erwachsener – und lächelte nicht mehr so spitzbübisch.
Unsere Blicke führten einen gefährlichen Kampf aus; mein Blick musste ihm deutlich das Warum in meinem Kopf zeigen, denn er schien sich mit mir durch Blicke zu unterhalten. Sein Blick schien sich tief in mein Innerstes zu bohren und als ich ihm gewährte, den Schmerz zu sehen, den seine Fragen heraufbeschwört haben, wandte er den Blick auf den Boden. Durcheinander begannen die Kinder zu schreien und liefen von allen Seiten weg. Ich drehte mich nach ihnen um, wollte feststellen was passiert ist, das sie vertrieben hatte. Diese Feststellung kam aber von selbst, als es vom Himmel wie aus allen Eimern zu schütten begann. Mein Brustkorb hoch und senkte sich schwer und ich wandte den Blick auf ihn, er hatte den Blick auf mich gerichtet und schien einen Kampf mit sich selbst zu führen. Unsere Augen woben ein Band zusammen, das eigentlich auf Vertrauen und Freundschaft beruhen sollte. Ich fühlte mich in diesem Moment keiner Person näher – ähnlicher-, als ihm. Mein weißes T-Shirt war vollkommen durchnässt und meine abgenutzte und löchrige Jeans auch. Ihm rannte das ganze Make-up, das nicht wasserfest war, über das Gesicht und seine Kleidung war mit Sicherheit auch durchnässt. Was auch kein Wunder war, denn es begann sogar zu donnern und der Regen verstärkte sich nur noch.
„Ich.....“ hauchte ich schwach und sah zur Glastür, aus der ich gekommen war. Er riss sich die Perücke vom Kopf und nickte mir zu.
„Du solltest reingehen, sonst wirst du krank!“ sagte er zu mir und wandte sich wieder auf seine kleine Bühne zu, um einige Kisten und Sachen aufzusammeln.
Er begann damit und tat so, als würde es nicht regnen, benahm sich vollkommen normal und ruhig. Ich brachte es aber nicht über das Herz ihn allein alles aufräumen zu lassen, also gesellte ich mich zu ihm und half ihm.
„Du solltest wirklich reingehen, Isabella!“ rief er mir lauter als beabsichtigt zu und nahm mir die aneinander geknoteten Tücher aus der Hand, zeigte einladend auf die Glastür und erdolchte mich mit seinem Blick.
„Nein, werde ich nicht!“ murmelte ich stur und riss ihm die Tücher aus der Hand. Trotzig schob ich die Unterlippe vor und setzte mit meiner Aufgabe, zu der ich mich selbst bewogen hatte, fort. Er stand einige Sekunden im Regen da und beobachtete mich. Zusammen räumten wir alles schneller auf, als er es allein geschafft hätte. Verdammter Sturkopf, darin ähnelten wir uns aber sehr. Wenn es etwas über Edward wusste, dann war es seine Sturheit und Ehrlichkeit.
Die Kisten trugen wir in eine Ecke des Hofes, die vom Regen geschützt war, die Plastiksessel und die Holzbühne ließen wir dort, wo sie waren. Gemeinsam drückten wir auf die vom Regen geschützte wand und ich begann zu lachen, fuhr mir über das tropfend nasse Haar und lehnte den Kopf gegen die Wand. Sein Seitenblick brannte sich in meine Wange und ich drehte den Kopf zu ihm. Er grinste auch. Er war der Erste, der begann die Melodie von „Singing in the Rain“ zu summen und ich lächelte breiter, beobachtete ihn dabei, wie er sich mit seinem Ärmel über das verschmierte Gesicht wischte.
„I´m singing in the rain, just singing in the rain. What a glorious feelin´, I´m happy again; I´m laughing at clouds; So dark up above; The sun´s in my heart......“ Entweder war es seine rauchige, wohltuende Stimme, die meine Gänsehaut nur noch verstärkte und es unter meiner Haut nur so kribbeln ließ, oder das kühle Nass des Wetters und der zusätzliche kalte Wind. Berauscht sah ich zu ihm, meine Augen fielen mir beinahe zu und ich sah ihn an, während sich seine Lippen langsam aufeinander zubewegten. Er brach ab, sah zum Himmel hinauf, lächelte, ich tat es ihm gleich und musste feststellen, dass ich die letzten Worte meinem Mund entwichen, ohne es zu realisieren. „And I´m ready for love“ nuschelte ich. Mein Blick wanderte zum Mann neben mir, der mich genauso entsetzt ansah, wie ich ihn. Jeder von uns versuchte in diesem Moment irgendwo anders hinzusehen, nur nicht einander in die Augen.
„Bella? Kommst du nicht zu uns?“ Chelsea stand an der Schiebetür und sah mich an, sie hatte nur ihr Patientengewand an und winkte mich zu sich zu. Ich sah zu Edward, der seinen Blick auf seine lustigen lila Schuhe gerichtet hatte.
„Bis bald, Ed-Edward!“ hauchte ich schwach, bevor ich auf Chelsea zulief. Er blieb bewegungs- und regungslos dort stehen, wo er war, ich spürte jedoch seinen Blick in meinem Rücken. Chelsea streckte mir die Hand entgegen, die ich lächelnd ergriff, bevor ich den Blick auf den Hof wandte und mir Edward ein letztes Mal ansah.
*
Chelsea war nach zwei Gute-Nacht-Geschichten eingeschlafen, hielt meinen Zeigefinger aber immer noch mit ihrer zierlichen Hand umschlossen. Von ihrem dichten blonden Haar, das sie vor einem halben Jahr hatte, als sie eingeliefert wurde, blieb nur ein Handvoll über. Ich liebte Chelsea, wie die kleine Schwester, die ich nie hatte und es ließ mich immer traurig werden, wenn ich sie, wie ein kleines Mädchen in ihrem zärtlichen Alter von viereinhalb mit einem Fuß unter der Erde war. Ich wollte sie daraus verzweifelt rausziehen. Es war schon ziemlich spät am Abend, als ich beschloss nach Hause zu gehen. Mein Dad wusste, wo ich meine Donnerstage verbrachte, also musste ich mich nicht hetzen, schneller nach Hause zu kommen.
Die Kinderstation war ungewöhnlich ruhig und ich schlich mich langsam davon, damit ich kein Kind verschreckte oder aufweckte. Nach einem zärtlichen Kuss auf Chelseas Stirn verließ ich die Kinderstation und fuhr mit dem Aufzug in das Erdgeschoss. Den Gedanken an Edward hatte ich den ganzen Abend lang in eine Ecke meines Gehirns verdrängt. Als mir das Bild von ihm in diesem lustigen, nicht zusammenpassenden Outfit in den Sinn kam, begann ich zu lächeln.
„Angenehme Nacht, William“ grüßte ich den Empfangsherrn, den ich schon seit Jahren kannte, wie er mich.
„Ihnen gleichfalls Miss Swan“ lächelte er mich an und winkte. „Soll ich ihnen einen Regenschirm besorgen, Miss Swan?“ fragte er mich freundlich und ich schüttelte vehement den Kopf. Ich freute mich auf den Regen und wollte wieder nass werden und im Regen tanzen, bis meine Fußsohlen schmerzten, denn meine Schuhe waren sowieso total vom Wasser durchtränkt und quietschten verdächtig, so beschloss ich barfuß im Regen zu tanzen.
„Vielen Dank, das ist aber nicht nötig!“ Ich drückte die Glastür des Krankenhauses und gelangte in die kühle Seattler Nachtluft.
Das abwechselnde Plätschern des Wassers auf dem Beton war das einzige Geräusch, das zu hören war. Unter dem Schutz des Krankenhauses zog ich mir noch meine Schuhe aus und band die Schnürsenkel zusammen und hängte meine Chucks über meine rechte Schulter auf. Dann streckte ich lächelnd meine Zehen aus und setzte sie dem Regen aus. Ich begann wegen meiner bescheuerten Idee zu lachen. Anschließend trat ich vollständig in den Regen, genoss den Moment in dem ich wieder klitschnass wurde. Mein Herz erfüllte sich mit einer unbeschreiblichen Freude und ich grinste so breit wie die Sonne, die heute vom Regen abgelöst wurde. Womit das wohl zu tun hatte? Hach, darüber wollte ich nicht nachdenken.
An einem Tag weinte ich, am anderen lachte ich. Ein komisches Wesen.
Ich fing erneut mit meinem Lieblingssong an und summte ihn so laut ich konnte, fing an zu pfeifen und zu hüpfen und die Hände in die Höhe zu halten, mich im Kreis zu drehen. Genießerisch schloss ich die Augen und hielt mein Gesicht gen den Regen.
„I´m singing in the rain..........“ nuschelte ich zum wiederholten Male und wanderte um die Ecke. Ich konnte problemlos in fünfzehn Minuten zuhause sein, denn das Overlake Medical Tower war nicht sehr weit von meinem Haus entfernt. Meine Verrücktheit nahm einen Ausmaß an, an dem ich anfing sogar zu tanzen, was ja meine liebste Beschäftigung war. Ich begann meine Beine zu bewegen, nahm meine Schultern mit und ließ meine Hüfte kreisen. Die Schritte, die ich in den Wochen zuvor eingeübt hatte, beschloss ich jetzt aufzuführen. Ein Pech für meinen Dad, dass ich auf der Straße noch tanzen konnte. Er hatte mir das Tanzstudio verboten und auch unseren Tanzsaal zuhause, aber er würde die Musik und mich niemals trennen können. Wir waren die besten Freunde. Der Regen prasselte unnachgiebig auf meinen Körper hinab und durchnässte das letzte Fleckchen Stoff, das es bisher nicht erreicht hatte.
Erst als der Regen aufhörte auf mich zu durchnässen, das Rauschen des Regens aber noch in meine Ohren drang, hob ich meinen Kopf hinauf und sah die halbrunde Hälfte eines gelben Regenschirms, die mir über den Kopf gehalten wurde.
„Deine Freude ist ansteckend!“ die Gänsehaut, die sich auf meinem Körper ausbreitete, wenn ich diese Stimme hörte, schien beinahe normal zu sein. „Und du tanzt wunderbar, sehr professionell und eingeübt. Aus dem Herzen heraus und mit soviel Liebe, die man sich gar nicht vorstellen konnte, wenn man es nicht selbst miterlebte.“ Ich schloss genießerisch die Augen und saugte diesen rauchigen Klang auf.
„Spionierst du mich etwa aus?“ fragte ich unschuldig und nichtsahnend. Er wanderte schon wieder um mich herum und stellte sich vor mich hin, hielt den Regenschirm aber unaufhörlich über meinem Kopf.
„Wenn das so wäre?“ seine Augen glühten wieder, seine Haare standen in allen Richtungen ab und dieses freche, selbstzufriedene Grinsen kehrte auf seinem Gesicht wieder zurück.
„Nun ja, dann würde ich dir eine knallen!“ ich ging an kindisch zu grinsen und er schüttelte auch ungläubig den Kopf.
„Darf ich dich ein Stückchen begleiten?“ fragte er mich unnötigerweise, da er mich ohnehin begleitete.
„Das tust du doch schon. Ist es dir nicht aufgefallen?“ Ich begann zu frieren und diesmal wirklich aus Kälte und legte die Arme schützend um meinen Oberkörper. Er legte den Kopf schief und fixierte meine Gänsehaut auf den Oberarmen.
„Kannst du den Schirm halten?“ fragte er schon wieder unnötigerweise, da er ihn mir sowieso in die Hand drückte und ich ihn an mich nahm. Wir blieben stehen und ich sah ihn an, fragte mich was er jetzt schon wieder vor hatte und musste die Augen verdrehen, als er sich ganz gentlemanlike seine Lederjacke auszog und sie um meine Schultern legte, mich darin einwickelte, wie ein Kind. Ich hielt den gelben Schirm in der Hand und wir setzten den Weg zu meinem Haus fort. Er hatte andere Kleidung an, ein weißes Shirt spannte sich über seinen durchtrainierten Oberkörper, und eine dunkle Röhrenjeans bedeckte seine langen Beine. Eine schmale silberne Kette baumelte auf seinem Nacken mit einem kleinen Plättchen drauf, wo etwas eingraviert war, das ich aber bei dieser Entfernung nicht erkennen konnte. Ich musste mir gestehen, dass sein Duft, der von seiner Jacke aus braunem Leder in meinen Nase einströmte, mehr als berauschend war.
Als mein Arm beinahe taub wurde, weil ich den Schirm noch immer hielt, begann ich auf meine gewohnte Art und Weise zu jammern.
„Ja, natürlich kann ich die ganze Zeit über den Regenschirm halten!“ gab ich etwas angefressen von mir, grinste aber belustigt. Edward war schweigsam, er warf mir einige Male Blicke zu, die ich nicht deuten konnte, aber ansonsten war er ruhig gewesen. Als er mein Meckern hörte, nahm er mir den Schirm sanft ab und grinste auch spitzbübisch.
„Miss Swan. Miss Swan.“ nuschelte er und schüttelte den Kopf. Er lächelte, als wäre irgendein Gedanke sehr lustig und sah mich anschließend an.
„Es heißt Bella.“ korrigierte ich ihn automatisch.
„Okay, Isabella.“ grinste er weiter und sah mich dann mit ernstem Gesichtsausdruck an. „Deine Schuhe sind eigentlich da um deine Füße zu wärmen und nicht als Dekoration, Isabella!“ Ich konnte es nicht verhindern mich ein bisschen, wie ein getadeltes Kind zu fühlen, das irgendeinen Streich gespielt hatte. Es war für mein Bestes, das wusste ich ja, aber es war nicht schön von ihm getadelt zu werden.
„Ja, Mister Neunmalklug. Dafür wärmt mich deine Jacke, die übrigens sehr kuschelig ist.“ um meine letzten Worte zu unterstreichen, kuschelte ich mich enger in seine Jacke hinein und versteckte meine kalte Nasenspitze in den Kragen, der am meisten nach ihm roch. Er grinste sein schiefes Lächeln und sein Gesicht wurde dann wieder, wie das einer Skulptur. Erstarrt und ernst.
„Isabella!“ murmelte er anschließend. Ich sah ihn verängstigt an, als ich in seine Augen schaute und seine Mauer nicht durchbrechen konnte, die er aufgestellt hatte, um mir seine Gedanken- und Gefühlswelt nicht zu offenbaren. „Wir sollten nicht befreundet sein, oder was auch immer das zwischen uns ist. Ich hätte dich an jenem Tag nicht nach Hause fahren sollen, du hättest nicht weglaufen sollen. Wir können nicht......wir dürfen nicht befreundet sein. Das geht nicht.“ Verletzt, wie beim ersten Mal durch seine sinnlose Fragen, sah ich ihm in die Augen, weil er es wie kein anderer schaffte meine Launen zu kontrollieren. Seine Aussage kratzte an meinem Selbstvertrauen. Ich wusste es lag an mir, dass er mit mir nicht befreundet sein konnte. Es musste an mir liegen. Eine andere Erklärung hatte ich nicht.
Ich fühlte, wie ich auch meine Mauern wieder hochzog und mich in eine Ecke verzog. Ich hatte wegen Renee gelernt auf der sicheren Seite zu bleiben, um nicht verletzt zu werden.
„Warum tust du das dann? Warum? Warum begleitest du mich nach Hause? Warum stellst du mir Fragen, von denen du weißt, dass ich sie nicht beantworten kann? Warum musst du dich in mein Leben einmischen, wenn du dort keinen Platz haben willst?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme verletzt und brüchig klang. „Tut mir leid, aber du hast dir diesen Platz selbst verschafft. Ich bin kein Mensch, der etwas aus seinem Leben einfach so streichen kann. Aber es steht dir frei zu gehen. Ich werde mein Bestes geben, das hier“ ich zeigte zwischen ihn und mir „was auch immer das ist, zu vergessen!“
Er leckte sich langsam über die Lippen und krallte seine freie Hand in sein Haar.
„Isabella, das ist es nicht......“ er seufzte niedergeschlagen und sah mich aus seinen grünen, faszinierenden Augen an
„Was dann? Sag mir, was es dann ist! Jetzt, sofort, in diesem Augenblick!“ Ich stampfte auf einen Fuß auf und erwartete von ihm eine Erklärung, mit der erhobenen Augenbraue wartete ich ungeduldig.
„Isabella, ich....................“ setzte Edward an.
"Wenn Du vorhattest, mir das Leben zu versauen, hättest Du früher kommen müssen!" - High Fidelity (Film)
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