Samstag, 31. Dezember 2011

Samstag, 17. Dezember 2011

Chapter 2: Selfless-Service

Chapter 2:
Selfless-Service









"Freiheit ist, sich nicht entschuldigen zu müssen."






Freiheit?! Jedermanns Wunsch; früher oder später. Aber was bedeutet Freiheit für ein Individuum?

Bedeutete es für das Tierreich irgendwo in der Wildnis herumzulauern; zu jagen, was sie wollen, wann sie wollen; zu liegen, wenn sie erschöpft waren; zu baden, wenn sie sich schmutzig fühlten; zu entscheiden, welcher Herde sie sich anschließen wollten?

Für Menschen war Freiheit jedoch nur eine Möglichkeit, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, wie: Welche Schule will ich besuchen? Welchen Berufsweg will ich einschlagen? Wo will ich leben? Wo will ich arbeiten? Gehe ich heute einkaufen oder doch morgen? Entscheidungen über Raum und Zeit hinausgehend. Entscheidungen, die man in der Zukunft bereuen wird, weil sie falsch waren. Entscheidungen aus denen man lernen kann. Es gibt ein altes Sprichwort über uns Menschen: „Es gibt kluge Menschen, die aus Fehlern anderer lernten. Doch es gab auch naive Menschen, die aus ihren eigenen Fehlern lernen mussten!“

Wir können über Dinge entscheiden, die uns absurd und alltäglich erscheinen, wie „Was werde ich heute anziehen?“, aber was war mit den Entscheidungen, die uns wirklich wichtig sind, wie etwa „Wen werde ich lieben?“ Warum konnten wir uns hier nicht entscheiden? Die Menschen nach ihrem Charakter bewerten und nicht ihren Taten. Keine Vorurteile gegen jemanden richten, den man in Wahrheit gar nicht kannte. Von dem man nicht wusste, was er mochte und was er nicht ausstehen konnte. Richteten sich diese Vorurteile gegen Menschen, die mehr im Leben erreicht hatten? Gegen die, die dort Erfolg hatten, wo wir versagt haben?




*






„Aua!“ rief ich aus, als ich mein schmerzhaft pochendes Knie mit der einen Hand hielt, mit der anderen verzweifel versuchte meine aufsteigenden Tränen aus den Augen zu wischen. Als es aber nicht klappte und mein Knie auch noch zu bluten begann, fing ich an herftiger zu weinen.

„Bella?“ hörte ich eine angenehme Stimme. Ich sah mich herum, was sich schwer ausstellte, weil ich beinahe blind vor Tränen war. „Kleines, bist du es?“ Eindeutig die Stimme meines Dads.

Mist, jetzt konnte ich mich nicht mehr verstecken. Er hatte doch gesagt, ich sollte nicht auf diesen dicken, hohen Baum klettern. Das hatte ich nun davon, wenn ich die Bitte meines Vaters ignorierte.

Es raschelte als mein Dad hinter den Büschen und verschiedenen Topfpflanzen heraustrat. Als er mich sah, überkreuzte er die Arme vor der Brust und hob die Augenbraue hoch. Ich schrie jedoch wieder auf, als die Kratzwunde zu brennen begann. Mein Dad ließ seinen Tadel fallen und lief auf mich zu.

„Bella, Schatz?“ er begutachtete mein Knie mit seinen Augen, doch ich hielt es verzweifelt fest, in der Hoffnung die Schmerzen und das Brennen würden schneller vergehen. „Hab ich dir nicht gesagt, du bist noch zu klein, um auf diesen Baum zu klettern?! Das ist gefährlich, Kleines.“

Als er mich vorwurfsvoll ansah, weinte ich noch heftiger und fing an zu schluchzen. „Aua, Daddy!“ rief ich wieder und mein Dad hob mich hoch, trug mich auf seinen Armen ins Haus. Er legte mich auf die Couch im Wohnzimmer ab und telefonierte mit dem Hausarzt.

„Dr. Collins kommt sofort, Bella! Aber Kleines, kannst du mir verraten, warum du trotz allem auf diesen Baum geklettert bist?“ Dads Augen strahlten mich mit einem traurigen Glanz an, den ich nicht verstand.

„Ich habe Nina gerettet, Dad. Das arme Kätzchen hatte große Angst wieder herunterzuklettern.“ Mein Kinn begann zu zittern, weil ich es hasste Dad zu enttäuschen.

„Ist ja gut, Bella. Beruhige dich wieder, Spatz.“ Mein Dad hauchte mir einen kleinen Kuss auf den Haaransatz.

„Daddy?“ kaum waren meine Tränen getrocknet, schon bildeten sie sich wieder in meinen Augen und nahmen mir die Sicht. „Ich will zu Mommy!“ Als ich mich an meine Mutter erinnerte, die kaum noch zuhause war, vergaß ich mein schmerzendes Knie. Der Schmerz drang nur noch in mein Unterbewusstsein, mein Körper fühlte ihn gar nicht mehr.

„Du weißt, dass du zu Mommy nicht kannst, Spatz. Sie ist in Jacksonville und hat dort viel zu tun. Sie hätte gar keine Zeit sich dort um dich zu kümmern, Spatz.“ Diese Aussage, der Schmerz in Dads Augen wollten einfach nicht in meinen Verstand. Ich brauchte meine Mum. Ich brauchte sie hier und jetzt. Ich verstand nicht warum sie nicht bei uns war, wie jede normale Mutter. Warum sie ihre drei Kinder zurückließ, um in Jacksonville ihre Ausbildung zu beenden.

„Warum?“ fragte ich.



*




„Wie fühlt es sich an die perfekte Tochter zu sein? Zu tun, was dein Vater von dir verlangt? Nicht einmal ausbrechen zu wollen? Selbst über das eigene Leben nicht entscheiden zu dürfen?“

Die Geschwindigkeit meiner Fortbewegung konnte der Geschwindigkeit einer Schnecke Konkurrenz machen, so 'schnell' setzte ich einen Fuß vor dem anderen. Mein Unterbewusstsein war so hartnäckig und spielte mir das Gespräch der letzten Stunden unnachgiebig in einer Dauerschleife vor. Immer wieder blieb ich bei den vier Fragen; Fragen eines Fremden, der keine Ahnung von meinem Leben hatte. Der nicht eine winzige Kleinigkeit über mich wusste. Woher nahm er sich die Freiheit mich so zu verurteilen? Wer gab ihm dieses Recht? Ich unterdrückte den Drang vor Frust mit dem Fuß aufzustampfen. Dieser miese, miese,......... Mir entwich ein frustriertes Seufzen.

„Guten Abend, Miss Swan.“ Ich hatte kaum bemerkt, dass ich schon den ganzen Weg bis zu den riesigen Toren meines Zuhauses gegangen war, nachdem mich dieser Fremde etwa 50 Meter vor meinem Haus abgestellt hatte. Die ganzen zurückgelegten 50 Meter lang hatte ich mich über ihn aufgeregt. Nachdem ich ihm fast zehn Minuten hinterhergestarrt hatte, ehrlich zugegeben. Aber woher nahm er sich denn das Recht mir solche sinnlosen Fragen zu stellen? Als wüsste er besser über mein Leben Bescheid als ich selbst. Als würde er sich auskennen. Als wäre er etwas Besseres. Ich wusste gar nicht was ich denken sollte.

„Miss Swan, geht es ihnen etwa nicht gut?“ fragten mich die zwei Türwächter nachdem sie mich näher inspiziert hatten und feststellten, dass ich mich merkwürdig benahm. Mein aufgerissenes Kleid, meine baren Füße auf dem Asphalt, meine bezaubernde Frisur, die sich zu einem Chaos entwickelt hatte, musste diesen Eindruck nur noch verstärken. Mist!

Ich zwängte mir ein Lächeln auf. „Entschuldigt, bitte meine Abwesenheit. Natürlich, geht es mir perfekt!“ murmelte ich und wartete darauf, bis sie die Tore öffneten. Der größere von den beiden musterte mich mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck, so als wolle er mich für meine Lügen bestrafen. Der andere jedoch begann nervös an seinem Jackett herumzufummeln und sah auf seine Schuhe. Am liebsten hätte ich mich selbst geschlagen, als ich realisierte, dass ich das Wort 'perfekt' verwendet hatte. Ich wollte es doch noch vor 10 Minuten aus meinem Wortschatz streichen, weil dieser miese.......'Typ' -ich wollte nicht mal an ihn denken- dieses Wort verwendet hatte. Argh! Ich wollte am liebsten schreien, weil meine Gedanken wieder zu ihm wanderten. Er war wie jeder andere auch. Er hat sich über mich lustig gemacht. Wie naiv ich doch war, da hatte Dad vollkommen Recht.

Wieso vertraute ich auch jedem Typ, den ich auf der Straße traf? Wie ein Flittchen, schoss es mir durch den Kopf. Mein Unterbewusstsein verzog den Mund und wickelte sich eine Strähne seines Haares um den Finger und schien sichtlich unzufrieden zu sein. Eigentlich hast du ihn nicht auf der Straße getroffen, sondern auf der Herrentoilette, was viel schlimmer ist! Ich versuchte diese Stimme zu ignorieren. Wenn ich auf diese Stimme nicht gehört hätte, dann wäre ich gar nicht in diesem Schlamassel geraten.

„Eine angenehme Nacht, Miss Swan!“ flüsterten die zwei Torwächter, als ich passierte und sie das Tor wieder verriegelten. Ich winkte ihnen lustlos zurück und zeigte mein Roboter-Bella-Lächeln, das ich selbst schon vor vier Jahren entwickelt hatte. Ich war richtig stolz auf dieses Lächeln, dass alle anderen glauben ließ, mir ginge es gut. Aber ich hatte an diesem Abend einen Fehler darin entdeckt. Es galt anscheinend nicht für alle Individuen, sonst hätte mich dieser......dieser Edward nicht durchschaut. War er vielleicht doch von der sizilianischen Mafia, wollte mich aber doch nicht kidnappen, weil ich ihm zu lästig wurde? Vielleicht war er wirklich ein Spion oder ein Killer? Mein Unterbewusstsein fing an mich auszulachen, so tief war ich gesunken. Tatsache war jedoch, dass ich mein 4-jähriges Projekt erneuern musste, damit es intellektuell gültig wird und mich keiner durchschauen konnte.

Ich schlug den Weg zur Haustür über den Rasen ein, damit mein Weg geringer wurde und ich schneller dort war. Ich wollte nicht schneller dort sein, schon gar nicht in dieser Lage. Ich wusste, was kommen wird. Es war immer das Gleiche mit einem Unterschied: Das hier war meine erste Runaway-Aktion. Vorher hatte ich nie so gefühlt. Ich hatte nie den Drang verspürt einfach irgendwo anders, irgendwer anders zu sein. Linda, meine Schwester, hatte mir beigebracht, sich den Problemen zu stellen. Kein Feigling zu sein, der vor ihnen weglief. Aber ich spürte, wie die Kraft dahin schwand. Linda war ja nicht da, um mir diese Kraft erneut zu geben. Sie besorgte sich Flügel, wie Daedalus und Icarus, und flog einfach davon. Hatte sie am Ende auch keine Kraft mehr gehabt? Meine Finger vergruben sich in den ruinierten Chiffon meines Kleides, bis sich meine Nägel schmerzhaft ins Fleisch meiner Handfläche bohrten. Ich wollte mir jetzt darüber keine Gedanken machen. Nicht jetzt, wenn ich wichtigere Dinge zu erledigen hatte.

Das massive Haus schien, wie ein riesiges Monster, vor denen ich als kleines Mädchen Angst hatte, auf mich zu warten. Die Lichter brannten fast in allein Räumen, die von der Vorderseite des Hauses sichtbar waren. Ich fühlte mich so klein, während ich vor diesem Haus stand. Das Haus meiner Kindheit. Hier hatte ich mein ganzes Leben verbracht. Geheult und gelacht. Wenn man noch klein war, dann waren manche Dinge so leicht. Es war leicht sich mit anderen Dingen abzulenken. Es war leicht zu vergessen, zu verzeihen, wenn es dem anderen wirklich leid tat. Aber wenn man erwachsen wurde....Wenn man realisierte, dass es an der Reihe war, Verantwortung zu übernehmen, dann erwartete man genau dasselbe auch von den anderen. Ich wollte Verantwortung übernehmen. Ich wollte verzweifelt erwachsen werden. Mit meinen fast 17 Jahren, war ich das, bildete ich mir zumindest ein. Wer sich innen drinnen so alt, ausgelaugt, angestaubt und willenlos fühlte, musste einfach erwachsen sein. Das Leben meiner Mitschüler fing erst jetzt an. Ich dachte, dass das Leben nichts Aufregendes für mich bereithielt.

Das kühle Gras tat meinen Füßen einen Gefallen, wenigstens würden sie diese natürliche Kühlung zu schätzen wissen, wenn ich morgen keine Blasen bekam. Eine kalte Brise umwehte mich und ich schlang meine Arme um meinen Oberkörper. Meine Wangen entschieden sich noch immer zu glühen, obwohl mein Körper sich beinahe einem Taubheitsgefühl ergab. Meine marillenfarbene Clutch aus Satin presste ich zunächst einmal auf die eine Wangen, dann auf die anderen, im Glauben, dass dieser glatte Stoff meinen Wangen die Farbe entziehen konnte. Ich mochte diese blassen Farben, weil man sich darin eher unscheinbar fühlte und ich hasste es im Mittelpunkt zu stehen. Was mich wohl von den anderen unterschied. Denn ich war nicht besonders schön, hatte auch keine besonderen Fähigkeiten.

Das Kleid, das den Ansatz meiner Brüste großzügig freigab, war ebenfalls im gleichen Farbton. Dieser glatte weiche Stoff rutschte jedoch an meinem Körper entlang, was mir das Gefühl gab, jeden Moment nackt werden zu können. Falls das Kleid es schlecht mit mir meinte und unabhängig werden wollte; irgendwo festhängen blieb oder ich fiel. Ich hatte mir dieses Kleid nicht ausgesucht. Es lag einfach am frühen Morgen auf meinem Bett mit einer kleinen Notiz, dass ich um sieben am Abend fertig angezogen und geschminkt in der großen Halle warten sollte. Ich erkannte dieses Kleid wieder, es war aus Mums neuester Kollektion. Ich hatte es zuvor zufällig auf einer ihrer Skizzen entdeckt. Aber das war schon eine Weile her.

Es erschien mir eine Ewigkeit seitdem ich hier stand, an gleichem Ort und gleicher Stelle, vertieft in meinen Gedanken, die kein Ende nehmen wollten. Einfach erbärmlich. Bemitleidenswert. Fuck! Komm, Bella, du musst dich stellen. Es kann doch nicht so schlimm sein. Es sind nur deine Eltern. Nur deine Eltern, redete ich mir ein. Dieser Gedanke tröstete mich aber irgendwie gar nicht. Trotzdem biss ich die Zähne zusammen und wagte es zur Eingangstür zu gehen und im Schlüsselloch den Schlüssel zu drehen. Die Tür sprang automatisch auf und die beleuchtete Eingangshalle blendete mich augenblicklich. Ich musste die Augen zukneifen, damit ich was erkennen konnte. Mein Herz rutschte in die Hose, als sich im Haus selbst nichts rührte. Kein einziges Geräusch war zu hören, was für unser Haus ziemlich merkwürdig war. Wenn meine Eltern keine Geräusche und Laute von sich gaben, dann waren es die Angestellten, die in diesem Haus verkehrten und ihren Job erledigten. Diese plötzliche Stille erinnerte mich an die vor einem Sturm. Wenn für kurze Zeit alles stillstand und sich nichts rührte, nur um plötzlich mit höchster Intensität alles zu zerstören.

Als jedoch nichts geschah, schloss ich die Haustür leise hinter mir zu und meine Schritte machten leise tapsende Geräusche. Ich konzentrierte mich nur auf meine Sinne. Versuchte etwas zu hören, aber nichts drang zu mir durch. Also atmete ich erleichtert aus, weil mir die Standpauke nicht sofort bevorstand. Bevor ich die breite Treppe erreichte, die dann in zwei geteilt war und so den Ost- und Westflügel des Hauses bildete, packte mit jemand am Arm und drehte mich zu sich. Aus Angst kniff ich die Augen zu. Ich wünschte mir, es wäre der sizilianische Psychopath, der gekommen ist um mich zu holen. Mein Herz setzte einen Augenblick lang aus und ich hielt die Luft an.

„Mi niña, ¿dónde has estado? Tu madre se ha convertido en casi una locura. Tu padre se ha ido a buscar te y llamo a la policia.” meine Nanny sprach so schnell, dass ich mit meinem schwachen Spanisch gar nicht mehr mitkam. Ich öffnete wieder die Augen, nachdem ich abermals ihre Stimme gehört hatte und mir sicher war, dass sie und nicht jemand anderer mich in den Armen hielt. „¿Dónde estabas? ¿Estás bien? ¿Alguien te lastimó? Pero abla niña!” Ihre Stimme war schrill, als sie mich verrückt vor Sorge anschrie, weil ich mich nicht gemeldet habe. Sie presste mich an ihre Brust und umarmte mich ganz fest, als wolle sie spüren, dass sie nicht träume und mich wirklich in den Armen hielt.

“Warte- sagtest du, Dad hätte die Polizei gerufen?” Meine Augen wurden plötzlich ganz groß und ich hatte Mühe meinen Mund zusammenzuhalten, weil meine Kinnlade hinunterklappte.

“Ja, mein Herz. Er war verrückt vor Sorge, genau wie deine arme Mutter. Kind, wieso hast du uns das angetan?” In ihren Augen konnte ich keinen Vorwurf erkennen, aber ich fühlte mich augenblicklich schlecht. Sie war mehr als eine Nanny für mich. Sie war meine Mutter. Sie hatte mir die Windeln gewechselt und sie hat dort weitergemacht, wo Renee es aufgegeben hatte. Sie war diejenige, die Charlie jahrelang aufgemuntert hatte, nachdem er dachte, Mum hätte ihn für immer verlassen. Er hatte versucht uns Kindern einzureden, dass unsere Mutter eine gute Mutter war, dass sie Zeit für sich brauchte; dass sie ihre Ausbildung jetzt machte, nachdem sie diese durch die Geburt von Emmett und Linda aufgeben musste, da diese zwei nur ein Jahr Unterschied hatten. Aber wieso machte sie die nach über zehn Jahren? Wieso genau dann, als ich klein war und meine Mutter brauchte?

“Ay, Nana! Mach dir keine Sorgen, jetzt bin ich ja da. Mir gehts gut. Hör auf dir unnötige Sorgen zu machen!” Ich lächelte sie mit meinem strahlenden a la Swan-Lächeln, doch sie gab mir einen Klaps auf den nackten Oberarm. Sie fügte mir keinen Schmerz hinzu, dennoch rieb ich mir die getroffene Stelle. Ihre dunkle Haut kam zum Vorschein als sie ihr Gesicht zu mir richtete.

“Niña, lass mich dich mal sehen.” Ihr prüfender Blick glitt meinen Körper hinab und sie riss erschrocken die Augen auf, als ihr Blick auf mein verunstaltetes Kleid fiel. “Isabella, wurdest du vergewaltigt?” Der Ernst in ihrer Tonlage konnte kaum ignoriert werden.

“Neeeeeein?” sagte ich gedehnt und obwohl ich meine Stimme entschlossen und sicher klingen lassen wollte, scheiterte das und meine Antwort hörte sich viel mehr als eine Frage an.

“ISABELLA!” sie schrie mich an und fing an mich durchzuschütteln. “Sag mir, dass dir nicht wehgetan wurde. Bitte, Kind.” Ihre ergrauten Haare sahen auch etwas zerzaust aus, aber daran war ich wohl schuld, weil ich ihr große Sorgen bereitet hatte.

“Nein, nein, nein! Gott. Wie kommst du denn darauf?” Ich entfernte mich einen Schritt von ihr, um sie besser ansehen zu können.

“Gracias a Dios! Ich muss für alle meine Heiligen eine Kerze anzünden. Ich hab gebeten, dass die Schutzheiligen dich wieder heil nach Hause zurückbringen.” Ihr Englisch war wirklich nicht das beste, nicht einmal durch jahrelange Übung wurde es auch nicht besser, weil sie mehr Spanisch als Englisch sprach. Aber dafür liebte ich sie. Es war leichter für sie uns Spanisch beizubringen, als selbst Englisch zu lernen. Keiner regte sich deshalb auf. Wir wären entsetzt, wenn sie plötzlich nur Englisch sprechen würde. Bei der Erwähnung ihrer Heiligen musste ich lachen. Meine Nana -Spanisch für Nanny, so nannte ich sie, seit ich klein war- betete immer zu ihren Heiligen, was auch passierte. Sie verließ sich vollkommen darauf.

Ich blickte mich noch einmal um, versicherte mich, dass Dad oder Mum meine Weg nicht kreuzten.
“Ähm, wo sind die Herren des Hauses?” Tadelnd sah sie mich an, weil ich absichtlich 'Herren' sagte. Meine Mutter hatte meistens die Hosen an, deshalb stritten sich meine Eltern schon seitdem ich ein Baby war. Wahrscheinlich auch schon vorher.

“Deine Mutter liegt in ihrem Bett, weil sie ihre Migräne bekommen hat. Dein Dad sucht dich wahrscheinlich noch, denn er war völlig außer sich, als er nach Hause kam und du nicht da warst. Er hat gehofft, dich hier anzutreffen.” Ich verdrehte die Augen. Das war ja so typisch Dad. Er machte aus einer Mücke einen Elefanten. Wenn es um seine Familie ging, dann war er unberechenbar. Aber es war ja auch meine Schuld, dass ich meinen Eltern nicht beigebracht hatte, dass ich auch mal Zeit für mich brauchte.

“Ja, gut. Ruf Dad an, sag ihm, dass seine weggelaufene Tochter wieder heimgekehrt ist!” Ich gab ihr einen kleinen Kuss auf die verrunzelte Haut ihrer Wange. Trotz des Alters gab sich meine Nana nicht geschlagen und ließ dem Alter nicht nach. Sie war eine wahre Kämpferin. “Buenas noches!” murmelte ich in nicht-spanischem Akzent, aber sie verstand, dass ich ihr gute Nacht wünschte und lächelte mich besorgt an.

“Schlaf schön, Kleine!” Wie eine alte Oma ging ich die linke Treppe hinauf, die zu meinem Teil des Reiches führte. Da Emmett auf Tour war und sein Zimmer unbewohnt blieb, bis er zurückkehrte, gehörte mir allein der ganze Ostflügel. Er war ein bekannter Boxer und hielt sich derzeit in New York City auf. Linda? Tja, Linda wohnte jahrelang nicht mehr hier. Sie wohnte eigentlich nirgendwo und doch überall.






*







„Wer seine Träume verwirklichen will, muss erstmals aufwachen!“



Am nächsten Morgen -es hätte auch Nachmittag sein können- wurde sehr unsanft für meine Verhältnisse geweckt. Als die dicken Vorhänge aufgezogen wurden und das Sonnenlicht unnachgiebig und hartnäckig durch meine Augenlider strömte, hätte ich am liebsten aufgeschrien. Das hier war total absichtlich! Wenn dieser Menschenquäler hier- wer auch immer es sein mag- mich irritieren wollte und das an diesem hellen Tag, dann würde er nicht gewinnen. Ich entspannte mich wieder und drehte meinen Kopf auf die andere Seite, wo das Sonnenlicht mich nicht erreichte. Ich hörte ein Seufzen, das mir sehr weiblich erschien. Aber darauf achtete ich nicht, weil ich damit beschäftigt war, jeden schmerzenden Knochen und Muskel zu zählen und es waren viele. Als hätte ich einen Kater ohne Alkoholkonsum fühlte sich mein Körper an. In der letzten Nacht hatte ich mich einfach aus meinem Kleid geschält und war ins Bett gesprungen, deshalb fühlte ich mich in meiner roten Spitzenunterwäsche nun nackig. Wo das Kleid war? Sicherlich irgendwo auf dem Parkett meines riesigen Zimmers und die Clutch irgendwo daneben. Ich konnte sehr unordentlich sein, wenn man hinter mir nicht aufräumte. Beinahe wäre ich wieder eingeschlafen, als mir die Bettdecke entzogen wurde. Sofort war ich wieder hellwach und starrte die Person meines Unglücks an diesem Morgen an.

“Sieh mich nicht so an, das ist das Mindeste, das du nach dem gestrigen Abend verdient hast.” Wow, Renee war wütend. Ich musste näher hinsehen um mich davon zu überzeugen, dass meine Sicht nicht getäuscht wurde. Fast hätte ich gelacht. Das waren keine Vorurteile. Ich war kein Mensch, der sie so verurteilen würde, wenn es nicht so wäre. Wenn ich nicht Recht hätte. Und ich war mir sicher, dass sie all diese Zuneigung, die sie trotz allem bekam, nicht verdient hatte, nur weil sie mich zur Welt gebracht hatte. Das Muttersein bestand nicht daraus ein Wesen auf die Welt zu setzten und es irgendwo zurückzulassen, wo man annahm, dass es ihm gut ging.

“Fangen wir lieber nicht damit an, wer hier was verdient hat, Renee!” Ich krabbelte aus dem Bett, weil ich mir sicher war, dass Renee nicht aus dem Zimmer gehen würde, bis sie ihren Frust an mir ausgelassen hatte. Es war ein Teufelskreis, der sich immer wieder wiederholte. So vorhersehbar! Ohne Renee eines weiteren Blickes zu würdigen, schleppte ich mich ins abgegrenzte hochglanzpolierte Badezimmer, mit eigener Dusche, Badewanne und Ähnlichem. Natürlich folgte mir Renee, das war auch sehr vorhersehbar. Denn sie ließ nie nach, wenn sie etwas zu kritisieren hatte oder streiten wollte.

Ich wusch mir das Gesicht, spritzte mir absichtlich kaltes Wasser ins Gesicht, damit ich munter wurde.

“Weißt du eigentlich, wie viel wir wegen dir durchgemacht haben, Isabella?” Ihre kühle Stimme machte mich rasend vor Wut, aber ich betete um Zurückhaltung, ich schwöre es. Kurz schloss ich die Augen und unterdrückte einen Ausbruch. “Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Weißt du eigentlich wie spät dein Vater gestern nach Hause kam? Erst nachdem ihn Amy angerufen hat.” Sie stemmte ihre Hände in ihre Hüften und sah aus als würde sie für die berühmtesten Magazine posen, wäre da nicht dieser grimmige Ausdruck in ihrem Gesicht. Ihr beigefarbenes Kostüm passte ihr angegossen, aber es hätte mich auch gewundert, wenn es nicht so wäre. Ihre rotbraunen kurzen Haare waren gewellt und fielen ihr über die Schultern, bedeckten mit Not ihren Nacken, so kurz waren sie. Ich betrachtete Renee im Spiegel, sowie ich auch mich selbst sah. Ich sah schrecklich aus an diesem Morgen.

“Dein Vater ist stinkwütend auf dich. Ist nur eine Warnung! Aber für dich zählt meine Meinung sowieso Null, also sollte ich mir gar nicht die Mühe machen, dich zu warnen.” Sie sah sich in dem Spiegel vor mir an, richtete sich ihre Haare, die ohnehin schon perfekt gestylt waren, zurecht.“Eigentlich solltest du dich jetzt verteidigen, Isabella!” Sie sah mich mit einem unbekannten Ausdruck in ihren Augen an, zuckte dann jedoch die Schultern, als sie bemerkte, wie spät sie dran war. “Na ja, ich muss jetzt gehen. Wir reden wieder, wenn ich von der Arbeit zurückkehre.” Sie winkte mir und warf mir einen Luftkuss zu und verschwand danach. Mein angespannter Körper entspannte ein kleines Bisschen als Renee verschwand. Meine Finger jedoch blieben weiterhin in den Seiten des Waschbeckens festgekrallt, sodass meine Knöchel weiß hervortraten. Ich atmete zittrig ein und aus. Konnte es nicht verhindern ein kleines verzweifeltes Mädchen im Spiegel zu sehen. Eine traurige 6-Jährige, die sich nichts sehnlicher wünsche, als von ihrer Mutter in die Arme genommen zu werden, bis ihr Geruch sie benebelte und sie bereit war in den Armen ihrer Mutter einzuschlafen.

Doch die Realität sah viel grausamer aus.



*




Meine Hände zitterten, als ich an der Tür von Dads Arbeitszimmer klopfen musste. Er hatte mich hierhin bestellt. Er wollte mir ganz sicher in den Arsch treten wegen der letzten Nacht. Und ich hasste es. Ich hasste es mich entschieden zu haben etwas gegen Dads Willen zu tun. Er war der eine Mann im Leben eines Mädchens, zu dem man mit Stolz hinaufsah und sagte: „Das ist mein Dad und ich will ihn so stolz machen, wie nur möglich. Weil er immer für mich da war.“ Es war nur, was auch immer ich tat, schien nicht genug zu sein. Es schien ihm diesen traurigen Schleier vom seinem Blick nicht zu nehmen. Alles was ich ihm geben wollte, war ein ehrliches Lächeln und etwas Liebe zurück. Ich wollte ihm keine Sorgen bereiten. Aber letztendlich hatte ich das doch getan und es brach mir das Herz.

„Denk daran, dass du stark bist, Belli. Wir allein- gegen die ganze Welt, du erinnerst dich.“ Lindas sanfte Stimme zu hören, auch wenn es meine Einbildung war, gab mir zugleich Stärke und machte mich traurig zugleich.
„Aber warum bleibst du dann nicht bei mir?“
„Ich bin immer bei dir, Belli!“ Ich griff mir an die Wange, wo noch immer ihre sanfte Berührung brannte. Oh, Linda. Was machte ich nur hier ohne dich? Endlich traute ich mich zu klopfen. Als ich das Murmeln von Dad hörte, drehte ich langsam den Türknauf und trat hinein. Ich blickte mich um, als würde ich nach irgendeiner schlechten Überraschung suchen. Jedoch war alles, wie auch sonst hier: Die Vorhänge waren lang und weiß; die Wände in einem hellen Braunton gemalt; der Schreibtisch war groß und schwer, dahinter thronte Dad, der den Blick noch nicht auf mich gerichtet hatte; das alte Bücherregal breitete sich über zwei Wände aus und die zwei Sessel vor dem schweren Eichentisch waren mit grünem Stoff bezogen. Sonst gab es nicht viel in diesem Zimmer, außer einem Ledersofa, zwei Lampen, einen kleinen Fernseher, der auf einer Kommode stand und eine Unmenge an Dokumenten und Papieren auf Dads Schreibtisch. Ein leichter Hauch von altem Papier stand in der Luft und ich konnte mich nicht satt-atmen, weil ich diesen Geruch einfach liebte. Es war der Geruch von Ordnung. Von Ordnung im Leben. Von Ordnung in allem.

„Oh, Isabella! Du bist ja schon hier!“ Ich wandte meinen Blick an ihn. Eigentlich sah mein Dad gar nicht besorgt aus, was mich noch mehr beunruhigte. Er legte seine Lesebrille auf seinem Schreibtisch ab und sah von seinem Dokumenten komplett weg, lehnte sich in seinen Thronsessel zurück. Ich knabberte an meinen Lippen herum, biss sie mir fast blutig. Er und Emmett waren die wichtigsten Männer in meinem Leben. Deshalb war mir auch wichtig, dass ich sie nicht verletzte und auch nicht enttäuschte. Andere zu enttäuschen war mehr, als ich ertragen konnte.

„Setz dich!“ Eine einladende Geste folgte, mit der er mir verdeutlichte, dass ich mich auf einen der grünen Sessel setzten sollte und er keine Widersprüche duldete. Ich setzte mich also. Was für eine andere Wahl hatte ich denn? Unter dem Tisch fing ich an mit meinen Fingern zu spielen. Als er noch immer nichts sagte und mich beobachtete, wurde ich rot und fing an mit meinen Fingernägeln über meine dunkelblaue Jeans zu kratzen. Dort wo diese eingeschnitten war und Löcher hatte, ließ ich meine Finger hineingleiten und zog an ihnen, als wollte ich sie noch mehr ausdehnen.

„Du kannst dir sicher vorstellen, warum du hier bist?“ Dads autoritäre Stimme war mir schon bekannt, aber dass sie so kalt und unnahbar klingen konnte, war mir allerdings neu. Um aufzuhören die Löcher meiner coolen Jeans zu vergrößern, schob ich mir die Ärmel meines Longsleeves über die Hände. Plötzlich schüchtern geworden, wagte ich es kaum meinem Dad in die Augen zu sehen.

„Mhm!“ nuschelte ich zustimmend. Mein Dad nickte langsam, suchte sich eine bequemere Position in seinem Sessel und lehnte sich danach zurück.

„Isabella!“ seine Stimme war streng und sah mich durchdringend an.

„Dad!“ erwiderte ich und stützte mich mit meinen Ellenbogen auf seinem Schreibtisch ab.

„Ich rede jetzt, Isabella. Danach kannst du reden. Hast du mich verstanden?“ Ich nickte verdächtig und hörte brav zu, obwohl die Nervosität nur noch mehr zunahm. Mich durchfuhr ein Schaudern. Meine Augen fühlten sich so schwer an, so als wolle meine Seele weinen, mein Körper sich jedoch weigerte. Mein Körper hatte verlernt den Schmerz in Tränen zu bilden.

„Du weißt, was ich bin. Du weißt, welche Position ich in Washington D.C. habe. Wie groß mein Ansehen ist. Ich bin eine Respekt- und Autoritätsperson für viele meiner Anhänger. Das hier habe ich mir hart erarbeitet. Was würde es über mich aussagen, wenn meine Tochter plötzlich von einer Wohltätigkeitsgala verschwindet, sich versteckt und von Fremden nach Hause gefahren wird? Eine Tochter die auf ihre Eltern nicht hört, ist eine Scham, Isabella! Solche Skandale, wie die gestrigen, kann ich mir nicht erlauben, Isabella Du bist die Tochter eines Senators, also beiß die Zähne zusammen und verhalte dich wie eine Lady.“ Als ich nichts erwiderte, knallte er mit den Handflächen so fest auf den Tisch, dass ich zusammenzuckte.

„Hörst du mir zu, Isabella?“ Er war total angepisst, wenn er mich Isabella nannte, das wusste ich. Warum mir genau die Worte von Edward in die Gedanken kamen. Er verfolgte mich wie ein Geist. Das war nur seine Schuld. Hätte er mir nicht geholfen zu fliehen, dann würde ich mich besinnen. Wartet! Gab ich etwa Edward die Schuld, dass ICH von meinem Dad weggelaufen war? Ich saß so tief in der Scheiße.

„Ja, Sir!“ murmelte ich.

„Ich hab meinen Kindern ein erfülltes Leben erschaffen. Es gibt also keinen Grund, um wegzulaufen, Isabella. Du hast mehr in deinem Leben als mehrere Millionen Menschen, Isabella. Es ist Zeit, dass du das zu schätzen lernst.“ Mein Dad saß in seinem braunen Anzug gekleidet da. Seine perfekt zurück gekämmten, schwarzen Haare wagten es nicht unordentlich auszusehen. Solche Dinge erlaubte sich mein Vater nicht. Er war das beste Beispiel für Perfektion. Faulheit, Willenlosigkeit, Unordnung. Das waren Fremdwörter für ihn. Seine ganze Umgebung musste sich ihm anpassen. Denn wenn es darauf kam, Dad zu verändern, würde man nur scheitern. Charlie war so, wie ich ihn seit meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Entweder akzeptierte ich seine Anforderungen oder.....tja oder ich musste mit den Konsequenzen leben. „Ach ja, du hast Tanzstudiobetrittsverbot für eine gute Zeit. Des weiteren habe ich Amy befohlen dir den Schlüssel für den Tanzsaal oben nicht zu geben, wunder dich also nicht, wenn in den ersten Stock gehst und sich die Tür nicht öffnen lässt.“ Meine Kinnlade klappte hinunter und ich sah meinen Vater ungläubig an. „Übrigens, du besuchst deine Großmutter in New York vom 9. bis zum 11. September, damit sie nicht so allein ist.“ Ich biss mir so fest auf die Zunge, um nichts zu sagen, was diese verdiente Strafe verschlimmert hätte, also nickte ich brav.

„Natürlich, Dad. Alles was du willst!“ Ich stand benommen auf und ging träge bis zur Tür hin. Meine Gehirn wollte einfach nicht realisieren, was hier gerade lief. Es weigerte sich strikt dagegen. Aber Roboter-Bella übernahm die Führung.

„Isabella?“ rief er mir hinterher. Ich drehte mich nicht um, wartete jedoch auf seine Worte. „Wenn du ins Tanzstudio gehst, werde ich das wissen. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Ich verließ stumm den Raum und zog die Tür hinter mir zu.

Unfassbar! Einfach unglaublich, was sich hier abspielte.





*



In den nächsten Tagen verfiel ich wieder meinem eingeübten Verhalten: Dem Roboter-Bella-Verhalten. Ich verbrachte die meiste Zeit in der Bibliothek im Erdgeschoss, die sich am Ende des langen Flures befand und genoss dieselbe Aussicht, die mein Zimmer auch hatte. Mit dem Unterschied, dass mein Zimmer auf der anderen Hälfte des Hauses und im ersten Stock war. Viele verschiedene Blumen und Topfpflanzen zierten den Hintergarten. Ein kleiner Spielplatz deutete daraufhin, dass es einst Kinder in diesem Haus gegeben hatte. Die kleine einsame Schaukel und ein 2x2 Meter Sandkasten schienen etwas fehl am Platz zu sein. Ich wusste nicht, wann das letzte Kind hier gespielt hatte. Es war eine Ewigkeit her. Ich richtete meinen Blick wieder auf das Buch in meinen Händen, das meine Nana mir ausgeborgt hatte. 'Esperanza und die Heiligen' lautete der Titel und passte so perfekt zu meiner Nana. Die Geschichte in diesem Buch war traurig. Die Frau hat ihr kleines Mädchen verloren, doch sie will nicht akzeptieren, dass das Mädchen tatsächlich tot ist und beginnt ihre Tochter in ganz Mexiko zu suchen. Sie besucht verschiedene "Lusthäuser", weil sie beginnt zu denken, dass der Arzt, der ihre Tochter behandelt hatte, sie gekidnappt und dort hingebracht hat. Ihr Weg führt sie sogar nach L.A., wo sie ihre ganz große Liebe findet, einen Boxer. Ich klappte das Buch wieder hin, wollte das Ende noch nicht erfahren und legte das Buch auf den riesigen Eichentisch, um den die Sofas in der Bibliothek angelegt waren. Die Wände waren vollgelanden mit Büchern, sodass man ein ganzes Leben verbringen konnte, diese Bücher zu lesen. Wenn man sie nur zählen wollte, würde sich das zu einer Lebensaufgabe entwickeln. Hier gab es sogar eine verschiebbare Treppe damit man auch die Bücher ganz oben erreichen konnte. Das Speziellste war jedoch die Decke des Raumes, kuppelförmig und in einem Barockstil mit einer wunderbaren Deckenfreske. Das hier war mein Lieblingsraum in unserem Haus.

Schweigend verließ ich den Raum und schob mich in den langen Flur des rechten Hausflügels. Die Tür zum Hintergarten war geöffnet und durch die leichte Brise wurden die Vorhänge zur Seite geweht. Verschiedene Stimmen und lautes Lachen drang zu mir durch. Ich trat auf die Veranda, die unnötigerweise bei uns hinter dem Haus gebaut wurde. Ich wusste nicht, ob das Absicht oder ein Fehler war.

„Jess, hör doch damit auf!“ rief Angela lachend. Doch Jessica in ihrem pinken Bikini war hartnäckig und gemein, also spritzte sie Angela eine Ladung Wasser ins Gesicht. Angela, die auf der Liege lag und sich offensichtlich bräunte, schnappte erschrocken nach Luft. Jessica fing an hinterhältig zu lachen.

„Ich habe dich gewarnt, Ang. Du musst mich unterhalten, damit ich nicht zu einer kleinen Zicke werde!“ Jessica plantschte in unserem Pool, während Angela ihre Vouge noch mit einem Handtuch zu retten versuchte.

„Das kriegst du zurück, du Hexe!“ rief Angela drohend, ließ ihre Vouge auf der Liege und sprang in den Pool, um es Jessica heimzuzahlen. Ich beobachtete das kleine Schauspiel von der Veranda aus, lehnte mich an eine der vielen weißen Säulen, die im griechischen Stil gebaut wurden. Mir war kalt, selbst im heißesten Sommer. Die Kälte kam von innen und ließ sich nicht erwärmen. Dad wusste, wie er seinen Ultimatum stellte. Tanzstudioverbot und den Raum voller Spiegel, das ich für mich als häusliches Tanzstudio beansprucht hatte, durfte ich auch nicht betreten. Das Tanzen war meine größte Leidenschaft, es erwärmte mein Herz von innen und tat meinem Körper und meiner Seele gut. Es war etwas, das ich aufrichtig und ehrlich liebte. Das ich tat, weil ich es wirklich wollte. Nicht, um jemanden zufrieden zu stellen. Dad war toll, auch wenn es darum ging jemanden zu bestrafen. Er machte auch aus vollem Gange mit. Einfach unglaublich. Schrecklich.

Seit dem Tag an dem ich offiziell meine Strafe erhielt, verfiel ich der Schokolade vollständig. Ich war ein schlechter Verlierer. Ich war ein Mensch, der mit Kritik akzeptierte, der auf Verbesserungsvorschläge einging. Das Problem bestand darin, dass ich auch bei Dingen, die mir nicht gefielen voll dabei war, wenn ich versprach etwas zu tun. Ich hatte es zu meiner Hauptaufgabe im Leben gemacht, anderen einen Gefallen zu tun, andere zufrieden zu stellen. Ich wollte egoistisch sein. Nur an mich denken. Einfach Spaß haben, wie meine Freundinnen Angela und Jessica. Tatsächlich konnte ich keinen Spaß haben, wenn ich den Wunsch von jemanden anderen nicht erfüllt hatte. Ich hatte versucht, dieses Verhalten abzulegen. Aber es schien in einfach in meiner Natur zu sein.

Trotz des ganzen Schokoladenkonsums hatte ich überraschenderweise eine Bikinifigur, was anscheinend in der Familie lag, mit Emmett als Ausnahme, aber der Typ bestand auch beinahe vollständig aus Muskeln und konnte einen im Handumdrehen erwürgen. Warum musste er auch so lange fortbleiben? Geistesabwesend beobachtete ich meine Freundinnen, wie wohl sie sich in meinem Haus fühlten. Sie konnten schwimmen und lachen, miteinander herumalbern und ihr leichtes Leben genießen. Ich war nicht neidisch. Ich liebte sie beide, gönnte ihnen das vollkommen. Sauer war ich jedoch auf die höhere Macht, auf Gott, weil er das zuließ. Ich hatte an Gott geglaubt, weil meine Nana mit mir immer Gebete gesprochen hatte. Als Linda jedoch ging, hörte ich auf ihm zu vertrauen. Wenn er denn so mächtig war, so unausgesprochen stark und gerecht, warum ließ er zu, dass Linda einfach so ging? Warum tat er ausgerechnet mir das an?

Warum?



*






In der Woche danach -der letzten Woche vor dem Schulbeginn- begann ich unausstehlich zu werden. Alle gingen mir aus dem Weg. Nein, ich ging allen aus dem Weg. Ich konnte die Gesichter meiner Familienmitglieder einfach nicht ausstehen. Ich wollte aus dieser endlosen Routine heraus. Deshalb kam es auch gut, dass in einer Woche die Schule begann. Nach einem vertieften Gespräch mit meinen Eltern stellte sich heraus, dass sie doch verständnisvoll sein konnten. Mein Dad gab mir die Erlaubnis ohne Gorillas rauszugehen. Also startete ich einen Trip. Ich wollte diese letzte Woche so wenig wie möglich im Hause verbringen.

Am ersten Tag, es war ein Dienstag, war ich mit Angela zum Eisessen verabredet. Danach machten wir es uns im 'Lake Union Park' gemütlich. Plauderten, lachten und alberten herum. Sie sah mich verdächtig an, sagte aber in diesem Moment nichts. Angela war eine diskrete und freundliche Person. Ich kannte sie schon seit unserer Geburt. Wir lagen auf unserer Decke, die Richard, Dads alter knackiger Chauffeur mitgebracht hatte, als er uns hier absetzte. Die Sonnenstrahlen wurden am Lake Union gebrochen und zu uns reflektiert. Es war ein heißer, angenehmer Tag, aber richtig entspannen konnte ich nicht. Ich wusste nicht, was ich hatte, aber irgendetwas war falsch. Mein Dad, der mich nur mit Angela fortgeschickt hatte, das konnte wirklich kein Zufall sein. Es war nicht so, dass er Angela nicht vertraute. Wahrscheinlich traute er mehr ihr im Moment als mir. Aber das war auch für meinen Dad zuviel geschenktes Vertrauen, er hatte ganz sicher nicht von meiner Runaway-Aktion gelernt. Ich noch weniger. Damit hatte sich die Lage sogar nur noch mehr verschärft.

„Weißt du?“ fing Angela an, als ich mich auf meinen Arm drehte und sie ansah. Sie tat es mir gleich. Ich hob, neugierig wie ich war, eine Augenbraue hoch und sah sie fragend an. „Jessica hat sich so ziemlich verändert in letzter Zeit! Ist dir das nicht aufgefallen?“ Ich sah sie verwirrt an und setzte mich auf, legte meine Arme um meine Knie und setzte den Kopf auf ihnen ab.

„Nein!“ murmelte ich. „Wie kommst du darauf, dass sie sich verändert hat? Ich hab nichts Verdächtiges an ihr erkannt. Sie verhält sich doch ganz normal!“ Jedenfalls normaler als ich, dachte ich bitter. Angela setzte sich auf und nahm sich einen roten Apfel aus dem Picknickkorb.

„Na ja, hör zu!“ sie biss in den Apfel hinein und kaute genüsslich, schob sich ihre Sehbrille auf den Kopf und mit ihrer Sonnenbrille bedeckte sie ihre hellbraunen Augen, die viel heller als meine waren. Viel, viel heller.
„Das hier ist nicht Tratschen, du weißt ich hasse das, aber ich mache mir Sorgen um sie. Letztens als wir bei dir waren und du später im Garten dazugekommen bist, da hat sie mir erzählt, dass sie sich nachts, wenn ihre Eltern schlafen, aus dem Haus schleicht um sich mit einem Jungen zu treffen.“ Angela schloss kurz die Augen und öffnete diese wieder. „Ich meine es nicht böse, aber was ist das für ein Kerl, der von ihr verlangt so Etwas zu tun? Von ihrem Zuhause zu fliehen?“ Angela legte ihren Kopf schief. Ihre braunen Haare hatte sie fest im Nacken zu einem Zopf gebunden. Alle Menschen in meiner Umgebung waren so erschreckend perfekt. Ich weiß, ich wollte dieses Wort nicht mehr benutzen, aber ich fand kein besseres Wort, das dieser schrecklichen Erkenntnis gerecht werden konnte.

Wenn Angela wusste, was ich getan hatte, dann würde sie mir in den Arsch treten. Das war mein Ernst. Ihr Verhalten war tadellos. Sie hatte Dinge, welche sie sich erlaubte, aber sie wusste, wo ihre Grenze war. Solche Schwächen, die ich in letzter Zeit gezeigt hatte, erlaubte sie sich nie. Sie sagte immer, es wäre unter ihrer Würde.

Ich fuhr mir durch meine chaotische lange Mähne, die sich nie bändigen ließ und nahm eine Strähne meines hellbraunen Haares zwischen Zeige-und Mittelfinger, inspizierte die Spitzen, um zu entscheiden, wann ich wieder zum Friseur musste.

„Angela, wenn Jessica denkt, dass es okay ist, wenn sie sich mit ihm trifft, dann lass sie. Du kannst dir den Kopf und Kragen reden, aber sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Sowie wir alle. Denkst du nicht auch, dass sie diese kleine Freiheit verdient hat, wie wir auch?“ Als ich das aussprach, sah mich meine Freundin perplex an. Sie legte plötzlich ihre Hand auf meine Stirn und seufzte.

„Hallo?! Swan?! Bist du das?“ sie legte ihren angebissenen Apfel wieder in den Korb zurück. „Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin gemacht?“ Ihre Worte trafen mich unvorbereitet. „Bella, du warst doch immer die Vernünftige von uns. Was ist denn los, Süße?“ Sie strich mir über meinen Unterarm. Als ich nicht antwortete, nahm sie mich in den Arm und drückte mich sanft an sich. Ich klammerte mich an ihr und unterdrückte die Tränen, die sich von meinen Augen lösen wollten. Ich werde nicht weinen! Sie strich mir zärtlich über das Haar und löste sich anschließend von mir um mich anzusehen.

„Also, Süße?“ Warum musste sie auch immer erkennen, wann es mir schlecht geht? Ich fuhr mir durch das Haar. Ich war nicht bereit zu reden. Kein Wort schien meinen Mund verlassen zu wollen. Ich war mir sicher, dass ich stottern würde. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und zum Vorschein kamen zwei gold- bis hellbraune Augen, die mich sanft musterten.

„IchwerdeamneuntenSeptembernachNewYorkCityfliegenunddortdasWochenendeverbringen!“ nuschelte ich in meinem nichtvorhandenen Bart, meinen Blick richtete ich nur zögernd auf ihr Gesicht. Sie hatte die Augenbraue hochgehoben und sah mich fragend an, mit einem Lächeln auf ihren Zügen.

„Kannst du das nochmal wiederholen?“ Sie pustete los und ich schloss mich ihr an.

„Am neunten September fliege ich nach New York und werde das ganze Wochenende dort verbringen. Auch den elften September.“ Meine Kopfhaut begann zu prickeln und widerstand mich zu kratzen, wie ich es tat, wenn ich nervös war.

„Oh, Süße!“ Ihre Stimme nahm einen traurigen Unterton, den ich nur zu gut an ihr kannte. „Bella, hör auf traurig zu sein. Du steckst mich damit an. Süße, ich weiß, dass du jedes Jahr um diese Zeit total down bist, beinahe am Boden zerstört. Aber du musst irgendwo eine Kraft finden, die dich auf die Oberfläche hält, sonst tauchst du unter und das werde ich nicht zulassen. Bella, dieser Tag ist in die Geschichte eingegangen. Es ist ein Tag, den kein Amerikaner jemals vergessen wird. Das kannst du mir glauben.“ Sie versuchte mich aufzumuntern. Ich wusste das zu schätzen, aber meine Traurigkeit nahm noch zu, als ich bemerkte, dass ich ihr Sorgen bereitete.

Ihre Worte trösteten mich nicht. Viele Menschen haben am 11.September 2001 jemanden verloren und konnten auch jetzt -vier Jahre danach- keinen Frieden finden und einfach loslassen. Ich war Eine von ihnen. Diese endlose Leere, innere Unruhe und der dumpfe Schmerz waren mit nichts anderem zu vergleichen. Die Zeit heilte keine Wunden, das wusste ich.

„Bella!“ rief meine Freundin plötzlich schrill und aufgeregt. „Ich glaube wir wurden verfolgt!“ Ihr panischer Blick wanderte von mir zu einem Fleck hinter meinem Kopf. Eine unangenehme Kälte kroch meine Wirbelsäule hinauf. Ich fühlte wie mir jemand Löcher in den Rücken bohrte und wusste plötzlich, dass sie Recht hatte.







*




„Das Leben schreibt die besten Geschichten!“








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"Freiheit ist, sich nicht entschuldigen zu müssen." © Im Auftrag des Teufels

„Wer seine Träume verwirklichen will, muss erstmal aufwachen!“ -Unbekannter Autor

„Das Leben schreibt die besten Geschichten!“- Isabella Swan, Mister Bodyguard

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Mi niña, ¿dónde has estado? Tu madre se ha convertido en casi una locura. Tu padre se ha ido a buscar te y llamo a la policia. = Mein Kind, wo bist du gewesen? Deine Mutter ist beinahe verrückt geworden. Dein Vater ist losgegangen um dich zu suchen und hat die Polizei informiert.
¿Dónde estabas? ¿Estás bien? ¿Alguien te lastimó? Pero abla niña! = Wo warst du? Geht es dir gut? Hat dich jemand verletzt? Rede, Kind!

Gracias a Dios = Gott sei Dank
Buenas noches = Gute Nacht
Niña = (weibliches) Kind, im Gegensatz dazu das männliche Kind: Niño
Nana = Nanny, Amme

Sonntag, 11. Dezember 2011

Chapter 1:



Der Mann, der mir die Freiheit schenkte!





„Ich, Edward Anthony Masen Cullen, versichere feierlich, dass ich die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika gegen alle Feinde schützen und verteidigen werde, ob fremd oder heimisch; dass ich zu derselben wahre Treue und Loyalität bewahren werde; und dass ich den Befehlen des Präsidenten der Vereinigten Staaten sowie der über mir berufenen Offiziere gemäß dem Uniform Code of Military Justice Folge leisten werde, so wahr mir Gott helfe.“






ᴥ♥ᴥ





Isabella M. Swan:




Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.- Mark Twain








An meinen Fingernägeln knabbernd saß ich wie angepflanzt da. Mein Blick schweifte desinteressiert über den Ballsaal, die tanzende Meute von reichen Snobs und meine aufgetussten Eltern, die es für nötig hielten, dass die ganze wohlhabende Welt, ihre Tochter Isabella Swan kennenlernte. Solch eine Bereicherung für mich, dachte ich sarkastisch. Ich verdrehte die Augen zum x-ten Mal an heutigem Tag. Die Frauen sahen bei weiter Entfernung in ihren Kleidern noch schön und gepflegt aus, aber bei genauerem Hinsehen fiel einem auf, wie stolz sie auf ihre Macht und ihren Reichtum waren. Genau das war es, was mich mächtig wütend machte und mich an diesem Abend nicht entspannen ließ.

Unwohl rutschte ich an meinem Sessel auf und ab und suchte nach einer Beschäftigung, die mich von diesen tanzenden und geldausgebenden Snobs ablenkte. Was feierten sie den hier überhaupt? Dass sie etwas zu feiern hatten, oder wie? Es war eine Wohltätigkeitsveranstaltung und in meinem Grundzustand würde ich ja liebend gerne mitmachen, was ich bei Gelegenheit immer tat, aber diesmal war es eine Gala, die die Reichen veranstalteten um sich mit ihrem Reichtum gegenseitig zu übertreffen. Das Schlimmste war jedoch, dass meine Eltern mit dabei waren, tanzten, mit den übrigen Snobs plauderten und sich dabei wohl fühlten.

Ich richtete meinen Blick wieder auf den Tisch vor mir, dem es an Dekoration nicht fehlte. Eine seidene Tischdecke, Blumen, Knabberzeugs, die jedoch nicht zum Knabbern waren. Denn ich stellte mir unter Knabberzeugs keine Krabben oder Muscheln und Froschschenkeln, sondern Chips und Popcorn vor. Wo bin ich hier gelandet? Erst als an meinem Kleid gezogen wurde, hörte ich in Gedanken auf zu schimpfen. Ich sah auf die Ursache dieser unangebrachten Störung und sah ein kleines Mädchen, das in einem rosa Kleid aussah wie eine kleine Prinzessin. Die rosa Schleife und rosa Schuhe und sogar rosa Söckchen waren jedoch ein gutes Beispiel für das, was mich an reichen Menschen aufregte. Das Problem bestand nicht darin, dass das Mädchen in Rosa angezogen war, sondern dass die Eltern es so erzogen, alles zu bekommen, was sie sich wünschte.

„Gibst du mir einen Autogramm?“ fragte sie mich mit einem lieblichen Lächeln im Gesicht. Der blonde Zopf war kunstvoll geflochten worden und keine Strähne wagte es, sich daraus zu lösen. Ich runzelte verwirrt die Stirn.

„Du musst mich mit irgendjemandem verwechselt haben!“ flüsterte ich in ihre Richtung gebeugt. Sie zog einen Schmollmund und legte den Kopf schief.

„Aber du bist doch Isabewa Zwan, oder?“ Das Lächeln, das sich insgeheim auf mein Gesicht stahl, vertuschte ich mit einem Husten. Wenn sie mich schon so süß nannte, wie klänge das bei meinem Vater? Ehe ich einen Lachkrampf bekam, dachte ich an etwas anderes. Angela liegt im Krankenhaus....Angela liegt im Krankenhaus.....Angela liegt im.....Okay, Bella das ist nicht lustig, flüsterte meine kluge innere Stimme.

„Ja“, antwortete ich dem blonden Mädchen. „Die bin ich!“ Das Gesicht des Mädchens begann zu strahlen. Sie hob den Kopf hoch und bog ihre Schultern nach hinten durch. Ich musste kurz den Kopf schütteln. So klein, jedoch gleichzeitig, so.....so.....ich weiß nicht......so snobistisch.

„Du hast doch alle Turniere in den letzten 3 Jahren in Tennis gewonnen, sagte meine Mama. Ich will in der Zukunft so werden, wie du.“ Oh, nein, war das Einzige, was ich mir dachte. Sicher sagte das ihre Mutter, weil sie selbst ja noch ein unzurechnungsfähiges Kind war, das sich daran nicht erinnern konnte. Als ich nicht antwortete, meldete sich das Mädchen wieder zu Wort.

„Also was ist, willst du vor dich hinträumen oder mir einen Autogramm geben?“ Das Mädchen stampfte sogar mir ihrem Fuß auf und stemmte die Hände in die Hüften. Ich traute meinen eigenen Augen nicht.

„Wo willst du deinen Autogramm haben?“ fragte ich sie unnötigerweise, denn sie streckte mir bereits ein ledergebundenes Buch entgegen und einen edlen Kugelschreiber. Hatte sie die von einem Bankier gestohlen? Ich kritzelte meine Initialen darauf und händigte das Buch dem Mädchen zurück. Laut pfeifend und hüpfend ging sie zu ihrer Mutter zurück. Das Mädchen warf sich die Umarmung ihrer Mutter zurück und diese fing sie lächelnd auf. Ich sah sofort wieder weg. Solche Szenen regten mich unnötigerweise auf.

Die Musik wechselte zu einem schnellen Lied und ich sah meine Eltern mit angepissten Gesichtsausdrücken zurückkommen. Sie hielten sich auch nicht mehr an den Händen. Uiiiii, pfiff es laut in meinen Ohren, als meine innere sarkastische Stimme sich wieder zu Wort meldete. Meine Mutter warf meinem Dad einen tödlichen Blick zu, den er ihr nur erwiderte. Als sie den Tisch endlich erreichten, setzte sich Renee schweigsam hin, aber Dad sah mich mit gerunzelter Stirn und angesäuert an. Okay, nichts wie weg hier, meldete sich die innere Stimme.
„Isabella, kannst du mir bitte sagen, was ich bei deiner Mum immer falsch mache?“ fragte er verzweifelt, während er die Fingerspitzen aneinanderlegte und mich durchdringend ansah. Ich zuckte die Schultern.
„Ähm, Dad. Ich glaube, wenn es darum geht eure Eheprobleme zu lösen, dann bin ich die Schweiz, okay?“ fragte ich leicht genervt, weil er mir nicht erlaubt hat mit meinem Freunden herumzuhängen, weil es ja eine ganz tolle Wohltätigkeitsveranstaltung gab, die ich unbedingt beiwohnen musste.

„Was hast du jetzt für Probleme? Wollt ihr eure Frust an mir auslassen? Ich bin dein Vater, Isabella. Du musst mir gegenüber deinen ganzen Respekt zeigen. Ich sorge mich nur um dein Bestes und deine Sicherheit.“ Ich liebte Dad, aber wenn er mir damit kam, dann musste ich nur lachen.

„Charles!“ rief meine Mutter dazwischen. „Isabella hat nichts damit zu tun, dass du mir Dinge vorwirft, für die ich nichts kann.“ Sie überkreuzte die Arme vor ihrer Brust und ich musste mir still zugestehen, dass so sehr ich mich mit Mum stritt, sie diesmal Recht behielt. Dad übertrieb manchmal maßlos, darin glich ich ihm.
„NICHTS KANNST? Nichts kannst?“ spie er aus und seine Augen schossen Giftpfeile auf Mum ab. „Wenn ich es nur von Anfang an gewusst hätte. Auch deine Schönheit hätte mich nicht überzeugt.“ Okay, das wollte ich mir wirklich nicht antun.

„Du warst doch derjenige, der mich gebeten hat, nicht zu gehen, weil du ohne mich nicht leben konntest, Charles.“ Meine Mum sah ihm genauso stur in die Augen und lehnte sich lässig zurück. Ihre Haltung erschien nach außen hin sehr entspannt, innerlich brodelte sie jedoch. Tja, meine Mum war eine ganze Lady. Nur manchmal war sie meine beste Feindin.

„Ich bin in der Toilette.“ rief ich begeistert, dass ich mich von den streitenden Hähnen entfernen konnte. Sie waren so vertieft in ihrer Unterhaltung, dass sie meine Abwesenheit gar nicht bemerkten. Ich schleichtemich langsam davon.

Bei der Frauentoiletten angekommen, schlüpfte ich in die erstbeste Kabine und versuchte mich aus diesem Chiffonkleid zu befreien. Es fühlte sich total unangenehm auf meiner Haut an. Ich begann herumzuzappeln und zu fluchen. Fast hätte ich die Ursache meines Unwohlseins gefunden, doch da klopfte es an der Tür.

„Miss Swan, ihr Vater wünscht Sie zu sprechen! Bitte, beeilen Sie sich.“ Ich lächelte, hoffte jedoch gleichzeitig, dass sich dieser Streit nicht auf mich ausbreiten würde. Meine Clutch in einer Hand, den langen Stoff meines Kleides in der anderen, machte ich mich auf dem Weg zurück. Auf unserem Tisch saß meine Mutter, ein Glas mit Champagner gefüllt in der Hand und trank. Ich konnte nicht sehen, wohin ihr Blick glitt, aber sie schien sehr konzentriert und trotzdem verloren zu sein.

Beinahe hätte ich Mitleid verspürt, wäre da nicht meine böse, gemeine Seite, die im Leid der Menschen ihren Gefallen fand. Okay, ich war ein Teenager und die Eltern waren die ärgsten Feinde zu dieser Zeit. Bei mir war meine Mutter die einzige Feindin und mein Vater der Ritter in glänzender Rüstung mit weißem Pferd. Okay, bis ich mich aufregte, dann war jedoch Schluss mit lustig.

Bevor ich unseren Tisch aber erreichen konnte, wurde ich an der Hand gepackt und von meinem Vater zu einer Gruppe Menschen gezogen. Ich lächelte ihn äußerlich an, aber innerlich haute ich ihm mit einem Hammer auf den Schädel ein. Miese, miese Idee, Dad, dachte ich betrübt und sauer auf ihn. Der Tag war gelaufen. Meine Freunde warteten doch auf mich, um uns einen gemütlichen und angenehmen Abend zu machen. Aber mein Vater hatte andere Pläne mit mir, wie immer musste sein Wort das letzte sein. Jetzt war zu spät um wegzulaufen.

„Darf ich euch meine Tochter vorstellen? Isabella Marie Swan. Die kleinste, klügste, beste von allen.“ Alle sahen mit lächelnd an, als mein Vater einen Arm über meine Schulter warf. Der Witz daran war jedoch, dass ich seine einzige Tochter war. Nicht daran denken, Bella. Ignorieren. Einfach den Gedanken ignorieren.

„Ich bin ganz erfreut Sie alle kennenzulernen.“ murmelte ich schnell, um nicht unfreundlich zu erscheinen. Mein Vater stellte mir alle Herren vor, doch keiner ihrer Namen sagte mir etwas. Ein letzter Mann war geblieben, den mir mein Vater jedoch nicht vorstellte und ich bezweifelte in diesem Moment, dass er ihn zufällig vergessen hatte. Mein Dad hatte sein Leben schon geplant und wenn sich jemand in seinen Weg stellte, dann schubste ihn mein Vater unsanft hinaus. So war er und so wird er bleiben. Hierbei gab es keine Veränderung.

„Ich bin Dr. Cullen. Es freut mich dich persönlich kennenzulernen. Hier bei uns bist du sehr beliebt. Dein Dad erzählt uns immer, wie stolz er auf dich ist.“ Die blonden Haare des hochgewachsenen Mannes waren nach hinten gekämmt, aber nicht so, dass es ihn wie den bösen Direktor erschienen ließ. Sein Haar glänzte und sein Gesichtszüge waren weich. Das blaue Hemd, das er trug, passte perfekt zu seiner hellen Hautfarbe. Um seinen Augen herum bildeten sich kleine Fältchen, die ihn jedoch noch freundlicher aussehen ließen. Und die blauen Augen sprühten vor Enthusiasmus und Freude. Ich hatte das noch nie bei einem Mann gesehen.
Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich sehr überrascht ergriff und schüttelte.

„Freut mich, Dr. Cullen. Ich bin Bella.“ Er lächelte, als würde ihm etwas einfallen und begann zu lachen. Als ihn alle anderen Männer irritiert ansahen, erhob er entschuldigend die Hand und entfernte sich dann, nachdem er sich freundlich verabschiedet hatte.

Meinen Vater hörte ich etwas wie „Das Lachen wird dir bald vergehen“ murmeln, doch als ich nachfragte, schüttelte er einfach den Kopf, als hätte er nichts gesagt und machte mich zum Narren. Wir gingen schweigsam zurück zu unserem Tisch. Ich wieder gelangweilt und doch irgendwie von Dr. Cullen als Person begeistert. Er war sicherlich reich und angesehen, aber es gab etwas an ihm, das es an keinem anderen alten Mann hier gab. Eine Art Lebensfreude, die meinen Dad jedoch sehr irritierte. Ich wusste nicht, was es war. Aber es interessierte mich sehr. Es kitzelte an meinen Nervenenden und ließ die Neugierde in mir aufflammen.
Als ich mich auf den Tisch setzte, sah ich Mum's nervösen Blick über Dad's Gestalt wandern, gerade als mein Dad ihr seinen süffisanten Blick zeigte. Himmel, ich musste die Augen verdrehen. Die waren ja nicht mehr in meinem Alter.

„Charlie, kann ich jetzt nach Hause?“ fragte ich meinen Dad, nachdem er sich wieder beruhigt und normalisiert hatte. Er sah zu mir hoch, mit einem Blick, der es mir verbot sogar weiterzusprechen.

„Isabella, du bleibst hier und damit basta!“ Er sah mich fest an, während er sich etwas aus dem großen Teller nahm und seelenruhig aß.

„Dad, du hast mir versprochen, dass ich nach neun wieder zu meinen Freunden darf.“ erinnerte ich ihn daran und stemmte die Hände in die Hüften. Er grinste mich charmant an und verdrehte die Augen.

„Isabella, ich sagte dir Prinzessin bereits, dass du nicht jedem alles glauben sollst.“ Er aß seelenruhig weiter, als könnte ihm diesen Appetit nicht in der Welt verderben. Ich schloss die Augen, zählte von zehn runter und versuchte den Scherz hinter seiner Aussage zu verstehen. Ich schnaubte hörbar.

„Du bist nicht jeder, Dad. Ich dachte, ich könnte dir vertrauen. Und du hattest Recht, es ist Zeit mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich habe ich bislang nur deine Wünsche erfüllt. Isabella hat Tennis gespielt, weil es Dad wollte. Isabella wurde zur besten Cheerleaderin, weil es Dad wollte. Isabella hat Ballettunterricht genommen, weil Dad es wollte. Aber du wirst mir meine Freude nicht aussuchen, Dad. Das werde ich nicht zulassen. Du kannst doch zugeben, dass du sie nicht magst, weil sie nicht so reich und mächtig sind, wie du.“ Diesmal machte ich einen wirklich dramatischen Abgang, indem ich meine Tischserviette auf den Teller warf, mich am Absatz umdrehte und das erste Mal in meinem Leben im Begriff war etwas Dummes zu tun. So schnell mich meine Füße tragen konnten, ging ich. Als ich sah, dass Dad's Bodyguards mir folgten, drehte ich mich nochmal um.

„Deine Gorillas brauche ich nicht, Dad. Diesmal musst du mir vertrauen.“, rief ich ihm noch über die Schulter und versuchte das Verhalten von Roboterbella abzulegen, die immer das tat, was Charlie ihr befohlen hatte. Langsam aber sicher hatte ich es satt. Mum und ich stritten uns und kamen nicht sehr gut aus, weil wir uns nie aussprachen. Jedoch zwang sie mich nicht, etwas nach ihrem Willen zu tun, wie es Charlie tat. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich es zuließ. In diesem Moment sehnte ich mich so sehr nach Emmett, der mich einfach immer in die Arme nahm, wenn ich es brauchte. Mit seinen Muskeln verdeckte er mich immer vollständig, da ich verglichen mit ihm nicht unbedingt groß war. Aber ich fühlte mich in seinen Armen stark, weil er mich genau verstand und wusste wie es mir ging.

Schnell bemerkte ich, dass Dad nicht nachlassen würde, denn seine Gorillas verfolgten mich dauerhaft. Bella ging aufs Klo, Gorillas hinterher. Bella geht rauchen, Gorillas hinterher. Bella geht mit Freundinnen aus, Gorillas hinterher. Langsam aber sicher hatte ich es satt.

Als ich aus dem Ballsaal hinausgestürmte, hatte ich vergessen, dass ich keine Möglichkeit hatte von hier wegzukommen. Ich bin hinausgerannt, in der Hoffnung, ich würde ein Taxi finden, dass mich von hier wegbringen konnte. Zu meinem Bedauern gab es kein einziges Taxi hier draußen. Also ging ich wieder zurück in die große Halle, als ich die Gorillas sah, die in ihren Kopfhörern und ihren Ärmeln, wo die Lautsprecher versteckt waren, etwas zuflüsterten. Beinahe hätten sie mich eingeholt und gesehen, aber ich stürmte durch die erste Tür, die ich sah, ohne mir darüber Sorgen zu machen, dass ich jemanden stören könnte. Oder wo ich mich überhaupt befand.
Erstarrt blieb ich stehen, als ich einen Mann sah, der sich die Hose gerade zuknöpfte und sich den Gürtel zurecht machte. Oh, mein Gott, war das peinlich. Mein Herz setzte vor Entsetzen kurz aus und begann dann in doppeltem Tempo weiterzuschlagen. Peinlich gerührt legte ich meine Handfläche über meine Augen, ließ jedoch einen Spalt frei, wo ich hindurchgucken konnte. Anscheinend hatte er mich noch nicht bemerkt. Als er seinen Gürtel endgültig gerichtet hatte, blieb er stehen. Sein Blick richtete sich auf mich, welche nun ihre Hand hinuntergelassen hatte und sie zur Faust ballte.

„Ich habe nicht geguckt, versprochen!“, hinter meinem Rücken hakte ich Zeige-und Mittelfinger ineinander. Hast du doch, flüsterte meine innere Stimme. Nein, habe ich nicht. Meine Finger begannen zu zittern, weil ich beim Glotzen erwischt wurde. Wieso musste er sich auch hier die Hose zuknöpfen? Weil das hier eine Herrentoilette war, Prinzessin, meine muntere innere Stimme wurde nie müde. Wie schön.

„Nein, natürlich nicht.“ Sein linker Mundwinkel fand den Weg nach oben und ein kleines schiefes Grinsen zierte sein Gesicht. Ich wusste nicht warum, aber meine Füße setzten sich in Bewegung. Ich näherte mich ihm. Er wandte sich von mir ab und fing an sich die Hände einzuseifen. Wie gebannt starrte ich auf seine Hände. Sie waren nicht zu groß, wie die von Emmett, aber normal für einen Mann. Sie sahen stark aus. Isabella, ermahnte mich die innere kluge Stimme, die ich diesmal aber völlig verachtete.

„Was führt Sie in eine Herrentoilette?“ sein Grinsen wurde nur noch breiter, als würde er sich an meinem Leid erfreuen. Mieser, gutaussehender, charmanter.......

„Ich...ähm.....verstecke mich.......vor....“, mit einem Papiertuch trocknete er sich die Hände aus, wandte sein Gesicht dann mir zu. Ich starb tausend Tote. Oh, Himmel. Ich weiß, er war nicht echt, Gott wollte mich nur täuschen, damit mich mein Vater fand und ich nicht abhauen konnte, aber....Himmel.....diese blitzenden grünen Augen und dieses Lächeln. Er musste einfach echt sein. Das durfte keine Halluzination sein.

„Vor?“ fragte er und knöpfte sich seinen Smoking lässig auf. Seine Hand fand sich in seinem Haar wieder und ich starrte wie gebannt darauf, realisierte wie anders seine Haare aussahen. Diese Haarfarbe und sein Styling. Ein solches interessantes Wesen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Der Bronzeschopf sah mich an und wedelte vor meinem Gesicht mit seiner Hand herum, um mich wach zu kriegen.

„Ähm, wie bitte?“ fragte ich anschließend.

„Ich habe Sie gefragt, ob es Ihnen gut geht und vor wem sie sich in der Herrentoiletten verstecken?“ In seinen Augen spiegelte sich Selbstbewusstsein, Begeisterung und Belustigung wieder. Ich wusste nur nicht, ob er von sich selbst oder von mir begeistert war. Wie er sich selbst im Spiegel ansah, würde ich mich nicht wundern, wenn es das erstere wäre. Ich war ja auch nicht unbedingt eine Augenweide.
„Ich verstecke mich nicht. Ich besuche lediglich die Herrentoilette. Ist das etwa verboten?“ rief ich etwas aufgebracht und sarkastisch aus. Warum war ich plötzlich so zickig? Himmel..... Stolz auf meine Aussage pustete ich mir eine Strähne aus meinem Gesicht.

Ich dachte, er würde sich ergeben und einfach von dieser Irren -nämlich mir- abwenden und gehen. Aber es überraschte mich, als er weiterhin lächelte und sich das Haar raufte. Er begann plötzlich zu lachen und hielt sich an der Platte, an der alle drei Waschbecken eingebaut waren. Im Spiegel konnte ich meine roten Wangen sehen. Meine Lippen waren angeschwollen und rot, weil ich auf ihnen herumbiss. Aus meinem Haar hatten sich einige widerspenstige Strähnen gelöst. Himmel, sah ich durcheinander aus. Meine Aufmerksamkeit galt jedoch ihm und seinem herzhaften Lachen, als er sich den Bauch hielt und sich beinahe auf den Boden kugelte. Ich konnte nicht anders und sah ihn beleidigt an.

„Sorry, tut mir leid. Dein Gesichtsausdruck war einfach unbezahlbar.“ Er lächelte mich freundlich an und sah mich intensiv mit seinen Augen an. Versuchte er mich gerade mit seinem Charme, um den kleinen Finger zu wickeln?

„Schön, dass es dich amüsiert hat.“ Beleidigte Leberwurst, rief meine innere Stimme und grinste zusätzlich.
„Kann ich dir irgendwie helfen, um es wieder gutzumachen?“ fragte er mich wieder ernst und taxierte mich mit seinem Blick, sodass ich mich unwohl in meinem Kleid fühlte.

„Du bist nicht eine von diesen, die sich hier wohlfühlt, nicht wahr?“ fragte er mich anschließend. Ich sah ihn verwirrt an und fragte mich woher er das wusste. Stand es groß und fett auf meiner Stirn? Hatte ich es laut ausgesprochen? Hatte ich eine Panikattacke bekommen und gebrüllt und geschrien? Himmel, hatte ich Einfälle. Doch er lächelte wissend und lehnte sich an die Wand hinter ihm. Ich wusste nicht wie er das machte, aber ich realisierte, dass dieser Mann bei allem was er tat, einfach gut aussah.

„Nein, das bin ich nicht. Ich bin eher das Mädchen, das sich in Jogginghosen und weiten T-Shirts wohlfühlt.“ Ich ließ mich an einer Kabinentür gleiten und setzte mich auf den Boden hin. Erst nach kurzem Sitzen bemerkte ich, dass ich meine Zehen in diesen verdammt hohen Schuhen nicht mehr fühlte. Jetzt sind sie taub. Jetzt sind sie taub, wollte ich laut schreien, aber ich miss mir auf die Zunge und schluckte diese verrückte Aussage hinunter. Sofort zog ich mir diese dummen, dummen High Heels aus und legte sie neben mir ab. Mit einem dumpfen Knall lehnte ich meinen Hinterkopf an das Holz hinter mir. „Fühlst du dich hier wohl?“ nahm ich unser Gesprächsthema wieder auf. Meine momentane Paralyse hatte langsam nachgelassen. Bei solch einem Mann, wäre jede in Ohnmacht gefallen. Ich klopfte mir stolz auf mich selbst imaginär auf die Schulter.

„Kaum, sonst würde ich mich nicht hier verstecken.“ Er raufte sich schon wieder das Haar. „Ich wollte gar nicht hier sein, meine Mutter hat mich gebeten hier zu erscheinen, aber mein Dad war nicht begeistert. Bei weitem nicht.Wir reden nämlich seit Jahren nicht mehr miteinander.“ Der Bronzeschopf ließ sich mir gegenüber auf den blankpolierten Fließen gleiten und sah mich mit diesen glühenden Augen an, die mich erzittern ließen. Oder war es die Kälte die von den Fließen ausging? Ich entschied mich für die letztere Option.

„Warum?“ Er hob die Augenbraue hoch, als wollte er fragen Wieso-interessiert-dich-das?, doch ich räusperte mich nervös. Innerlich hätte ich ihm am liebsten meinen Wieso-erzählst-du-mir-das-überhaupt-wenn-ich-dann-nicht-fragen-darf-Blick gezeigt, doch meine Neugierde gewann die Überhand und ich entschied mich es mit Freundlichkeit zu versuchen. „Ich meine, du musst mir das nicht erzählen. Ich bin nur von Natur aus sehr neugierig.“

Er lächelte irgendwie wissend und ich warf ihm meinen Was-zum-Teufel?-Blick. „Das wusste ich bereits, als du hier hineinstürmtest und durch deine Finger hindurch total aufgeregt und gleichzeitig peinlich berührt gestarrt hast.“
Eins musste man dem Bronzeschopf lassen, er konnte direkt sein. So direkt, dass ich mit glühenden Wangen die weiß-schwarzen Mustern der Fließen betrachtete. Nur nicht rot werden. Nur nicht rot werden.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“ flüsterte er resigniert. Ich war plötzlich aufgestanden und sah ihn wütend an. War das wieder eine Wie-bringen-wir-Bella-in-Verlegenheit-Nummer? Diesmal war sie nicht lustig. Er sprang auch sofort auf die Füße, als er mein Gesicht sah.

„Doch, das ist genau das, was du tun wolltest.“ warf ich ein und wollte mich davon machen. Ich packte meine ausgezogenen hohen verdammten Schuhe und meine Clutch, die ich ihm am liebsten auf den Schädel hauen wollte und entfernte mich.

„Warte.....Hey.....“ Ich griff nach dem Türknauf, drehte ihn, doch er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür und verhinderte damit, dass ich verschwand.

„Was zum T...?“ rief ich aus. Er legte einen Finger auf meine Lippen, den ich im ersten Moment beißen wollte. Aber ich beherrschte mich. Würde er wie ein Baby schreien, wenn ich ihm in den Finger biss? Dieser Gedanke gefiel mir.

„Ich will mich nur entschuldigen, Miss-Unnahbar.“ Ich holte tief Luft um zu widersprechen und ihn diesmal wiklich zu beißen, aber ich hörte bekannte Stimmen von draußen, die bis nach hier drinnen zu uns durchdrangen.

„Wir haben alles durchsucht, Mr. Swan. Wir können Miss Swan nicht finden. Sie ist nicht mehr hier.“ hörte ich einen von Dads Bodyguards sagen. Im ersten Moment war es still. Der Bronzeschopf und ich sahen uns beide gegenseitig in die Augen.

„Findet sie verdammt noch mal, ihr nichtsnutzigen Nichtsnützer. Meine Tochter kann nicht weit von hier sein.“ mein Dad war wütend und das richtig-richtig. Er würde mir die Hölle heiß machen. Denn das hatte ich noch nie zuvor gemacht.

„Isabella Swan?“ fragte der Bronzeschopf süffisant grinsend. Ich nickte und schüttelte den Kopf gleichzeitig. Er pustete beinahe los, doch ich presste ihm meine Hand auf den Mund und warnte ihn mit meinem giftigen Swan-Blick, die Klappe zu halten.

„Halt die Fresse. Wenn sie dich hier mit mir finden, dann werden sie dich auseinander nehmen und zum Abendessen braten. Ich warne dich.“ Er grinste und überkreuzte die Arme vor der Brust, entfernte sich von mir ein Stückchen. Ich atmete erleichtert auf, weil sich in seiner Nähe jeder meiner Muskeln anspannte.

„Es tut mir leid, Isabella. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Zugegeben, vielleicht ein bisschen. Aber nur weil du wunderschön mit geröteten Wangen aussiehst.“ Ich verdrehte die Augen und fing in der Herrentoilette an auf-und abzuwandern. „Gern geschehen“ murmelte er sarkastisch, als ich nicht auf seinen Kompliment einging. Er fing an irgendetwas in seinen nichtvorhandenen Bart zu murmeln, was für mich wie Beschimpfungen klangen.
Fuck, wenn mich Dad jetzt fand, würde er mir ein ganzes Jahr Hausarrest geben. Oh, verdammt. Wie wäre es das nächste Mal mit zuerst Nachdenken? Ich verdrehte wieder die Augen. Er konnte mir gar nicht das ganze Jahr Hausarrest geben, weil in zwei Wochen die Schule wieder anfing. Haha.

„Hör zu, ich helfe dir hier raus, wenn du mir verzeihst. Ich mag es nicht, wenn man auf mich sauer ist. Einverstanden?“ er kam auf mich zu und streckte seine Hand aus. Sein Blick verriet nichts von geplanten Entführungen, ungewollten Nierenoperationen oder Bluttrinken.

„Nur das? Keine Zusätze? Und sie sollen uns auch nicht finden, Mister Neunmalklug.“, rief ich verärgert.

„Was hat Babydoll angestellt, dass Big-Daddy sauer ist?“ fragte er mit einem selbstgefälligen Lächeln. Ich verdrehte wieder die Augen. Was interessierte ihn das schon wieder? Es war mein Leben. Ich musste auch nicht jede von seinen dummen Fragen beantworten. Außerdem kannten wir uns doch gar nicht mal so gut.

„Du weißt, ich brauche dich nicht, um den Weg hier herauszufinden.“, versuchte ich streng. Er sah mich ungläubig an und schüttelte belustigt den Kopf. War der Typ irre? Stand er unter verdammten Drogen?

„Ich bringe dich hier raus und fahre dich sogar nach Hause, aber du beantwortest mir eine Frage. Einverstanden?“ Ich sah ihn an, bemerkte, dass er es ernst meinte, denn es gab keine Anzeichen von Belustigung oder etwas anderem in seinem Blick. Isabella, nur eine mickrige Frage, das überlebst du schon, rede ich mir ein.
„Einverstanden!“ Ich schlug in seine Hand ein und ließ zu, dass er meine Hand nahm und mich langsam hinausführte. Er öffnete einen Spalt die Tür, streckte seinen Kopf hinaus und schloss sie wieder.

„Okay, ich zähle bis drei und dann rennen wir beide, so schnell wir können los.“ meinte er und sah mich eindringlich ein.

„Nein, ich zähle.“ meinte ich launisch und er seufzte.

„Na schön, Klugscheißer.“ er packte meine Hand fester, nahm mir die Schuhe, die ich an den Schleifen hielt aus der Hand und trug sie in seiner freien Hand.

„Okay. Eins. Zwei. Zweieinhalb. Zweikommasechs.“ scherzte ich, doch er verdrehte die Augen, öffnete die Tür und zog mich mit sich. Fast wäre ich auf die Nase gefallen, wie gesagt, nur fast. Als wir sahen, dass draußen freie Luft herrschte, gingen wir langsam über den Parkplatz. Ich konnte es nicht lassen, dauernd über meine Schulter zu gucken, aus Angst, dass Dad seine Gorillas nach mir schickte.
„Das war nicht lustig, Swan.“ meine er verärgert und sah mich aus seinen in der Dunkelheit strahlenden Iriden an. Oh, er liebte es nicht, wenn man nicht das tat, was er sagte. Meine letzte Tat bewies jedoch, dass ich jetzt das Sagen über mein Leben hatte. Checkte er denn dies nicht?


„Doch, das war es.“ Ich fing an zu lachen und hielt mir für kurze Zeit den Bauch vor Lachen. Ich hatte das noch nie gemacht. Ich hatte noch nie so mit meinem Leben gespielt, als wäre es nichts Wert.


„Warum versteckst du dich überhaupt vor deinem Dad, Mustertochter?“ Ein etwas irritierter Ton war aus seiner Stimme herauszuhören, doch ich dachte, ich bilde es mir ein. Vielleicht war er einfach von guten Töchtern genervt.

„Weil ich einfach mal Lust hatte und weil ich kann.“ rief ich, als er mich bis zu einem Motorrad führte und meine Schuhe in das kleine Schließfach ganz hinten verstaute. Überrascht blieb mir die Spucke weg und ich sah ihn belustigt an. Das war ein total schlechter, böser Scherz.

„Wir fahren doch nicht mit einem Motorrad, oder?“ fragte ich ihn mit einer leicht zitternden Stimme.

„Doch!“, seelenruhig schwang er seine Beine auf das Motorrad und sah mich auffordernd an. „Komm, ich hab auch einen Führerschein!“, witzelte er. Wer war dieser Typ überhaupt? Vielleicht ein Psychopath? Ein Killer? Ein Drogensüchtiger? Was wenn er mich verkaufte? Wenn er mich entführte? Scheiß drauf, sagte die kleine süße Babystimme in mir, die schon immer so aufgeregt war, wenn ich im Begriff war, etwas zu tun, was ich mit Sicherheit später bereuen werde. Ich hatte auch noch nie etwas so Dummes getan, erinnerte ich mich selbst.
„Haha!“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn regungslos an. „Dein Witz ist bei mir nicht angekommen!“ grummelte ich. Er sah mich ernst an und legte seinen Ellenbogen auf dem Vorderteil des Motorrads ab.


„Ich kann dich auch hier lassen, Isabella. Mir ist es egal, ob dich dann jemand mitnimmt, dich nach Sizilien bringt und dich dort, wie ein Stück Fleisch verkauft. Wenn ich du wäre, würde ich lieber mit mir gehen.“ Ich dachte ein Weilchen über seine Worte nach, hatte jedoch keine Lust nach Sizilien gebracht zu werden. Seattle mochte ich genug, um mich zu entscheiden mit diesem Fremden zu gehen. Was wenn er Italiener war und mich trotzdem nach Sizilien brachte? Auf einem Motorrad? Unmöglich. Ich musste sogar über meine Gedanken schmunzeln, stieg jedoch auf seinen Motorrad nachdem ich realisierte, dass ich keine andere Möglichkeit hatte nach Hause zu gelangen. Schließlich wurde ich heute von allen guten Geistern, als ich mich entschied meinen Vater zum Teufel zu schicken. Okay, das war nicht milde ausgedrückt.

„Was jetzt?“ fragte ich, nachdem ich mich seitlich auf das Motorrad gesetzt hatte. Er drehte halb den Kopf zu mir um und sah mich entgeistert an. Dann verdrehte er die Augen und schnaufte weniger männlich.

„Das ist nicht dein Ernst, oder Isabella? So sind die Frauen vor Jahrhunderten auf den Pferden geritten. Wenn du dich so auf ein Motorrad setzt, dann bist du bei der ersten Kurve am Boden.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durch sein verwüstetes Haar. Dann schwang er sein Bein herum und stand wieder auf. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, seitdem wir die Herrentoilette verlassen haben. Ich wusste nicht, wie die Strafe meines Vaters ausfallen würde, wenn ich wieder Zuhause war, aber darüber machte ich mir keine Sorgen in diesem Moment. Ich begann mir Sorgen zu machen, als dieser charmante, gutaussehende Psychopath mein Kleid von beiden Seiten mit solch einer Kraft fasste, dass es darunter nachgab und mit einem „Zack“ einen Riss erlebte. Dieser Riss ging mein rechtes Bein entlang fast bis zu meiner Hüfte. Von allen guten Geistern verlassen, starrte ich den Bronzeschopf vor mir und konnte im ersten Moment vor Entsetzen gar nicht sprechen.

„Fehlt dir irgendetwas? Bist du irre? Hast du alle weißen Teller im Schrank? Brauchst du Schnaps? Drogen?Wenn du meine Unterwäsche sehen wolltest, hättest du auch fragen können!“ rief ich aufgebracht und knallte ihm jede mögliche Beschimpfung auf den Kopf. Jedoch nur im Stillen. Er sah mich kurz belustigt an, winkte mit der Hand ab und verdrehte die Augen. Er war eindeutig ein Psychopath, entschied ich mich.

„Es ist nur gerecht, dass ich deine Unterwäsche sehe, nachdem du meine gesehen hast.“ Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte oder einfach nur scherzte. „Jetzt setzstdu dich einfach breitbeinig auf das Motorrad und dann bringe ich dich nach Hause.“ Er streckte mir die Hand entgegen, ganz gentlemanlike, doch ich verfinsterte den Blick und er nahm seine Hand wieder weg und fuhr sich durch das Haar. Ich setzte mich so hin, dass man möglichst wenig von meiner Unterwäsche sehen konnte. Ich rutschte unruhig und peinlich gerührt hin und sah ihn stinksauer an. Er schwang sein Bein über das Motorrad und setzte sich hin. Ich wartete darauf, dass er den Motor endlich startete, doch er überkreuzte die Arme vor der Brust. Schnaufte anschließend wieder einmal. Ich fragte mich jetzt was ich schon wieder angestellt hatte.

„Okay! Ich glaube, du bist wirklich lebensmüde.“ rief er mir über die Schulter. Sein Seitenprofil war genauso fesselnd, wie sein ganzes Gesicht, doch ich versuchte mich auf seine Worte zu konzentrieren.
„Was ist schon wieder?“ fragte ich leicht verärgert. Dieser Mann dressierte meine Nerven und spannte sie zum Zerreißen. Genauso, wie er mein Kleid zerrissen hatte. Und das hatte ich noch immer nicht überwunden. Er kniff sich in den Nasenrücken und seufzte anschließend.

„Du musst die Arme um mich legen, Isabella.“

„Ach so, dann sag es sofort.“, rief ich mit solch einer Selbstverständlichkeit in der Stimme, dass ihm fast gar nicht auffallen sollte, dass ich keine Ahnung hatte, was ich hier tat. Ich war nicht auf meinem bekannten Gebiet. Ich legte meine Arme um seinen Hals und wartete geduldig, dass er losfuhr.

„Okay, Isabella. Ich glaube, du hast wirklich keine Ahnung, was du hier tust.“, er löste meine ineinander verhakten Arme und legte sie um seinen Bauch. Ich versteifte mich kurz, weil mein Gesicht fast an seinem Nacken klebte. Als er meine Arme um seinen Bauch legte, riss er mich so plötzlich nach vorne, dass ich zusammenzuckte. Ja, so ging es auch, dachte ich mir.

„Du hältst dich ganz fest an mich, okay? Und nicht loslassen!“ warnte er mich und ich nickte benommen. Sein Geruch schlug mir geradewegs ins Gesicht und benebelte meine Sinne. Ich nickte und er startete den Motor, ließ ihn aufheulen und fuhr den Parkplatz entlang, gelang dann auf die Hautstraße. Meine Oberschenkel klebten an seinen und mein ganzer Körper war so angespannt, dass meine Muskeln so verdammt schmerzten. Es war mir unangenehm ihm so nahe zu sein, dass ich meinen Hals so weit nach hinten wie möglich drängte, wie eine Giraffe.

„Isabella!“ rief der Bronzeschopf, während der ganze Lärm der Straßen seine Stimme fast verschluckte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich das Schauspiel vor mir. Die fahrenden Autos und Motorräder, die mir plötzlich so nahe waren und der Wind, der meine Haare komplett löste, sodass sie mir ins Gesicht fiel. Das war neu und aufregend für mich. Ich fühlte, wie Adrenalin durch meinen Körper gepumpt wurde und mein Herz kleine Hüpfer machte, wenn der Bronzeschopf vor mir Gas gab. Er fuhr mit solch einer Geschicklichkeit, einem Charme, den man sich bei einem anderen Mann gar nicht vorstellen konnte.

„Hm?“ fragte ich und verstärkte den Druck meiner Arme um ihn. Es war nicht so, dass ich mich fürchtete, ich wollte nur, dass dieser Moment die Ewigkeit dauerte. Wo war die Fernbedingung und konnte jemand die Pause-Taste drücken?

„Entspann dich!“ er lächelte mich sanft an. Doch etwas in seinem Blick, soweit ich diesen erhaschen konnte, zeigte mir Trauer und Melancholie, was mich gar nicht erfreute. Ich versuchte zu entspannen, legte meinen Kopf auf seinen Rücken ab und drückte meine Nasenspitze zwischen seinen Schulterblättern. Mein Kleid flatterte und es wurde offiziell, dass nicht nur dieser Fremde vor mir, meine rote Unterwäsche, sondern ganz Seattle, gesehen hat. Aber darum sorgte ich mich gar nicht. In diesem Moment gab es gar nichts, dass meine Gedanken hätte mehr beschäftigen können, als das Hier und Jetzt. Der Bronzeschopf vor mir entspannte sich sichtlich auch, nachdem ich mich entspannt hatte. Wie zwei Magnete, schoss es mir durch den Kopf. Doch ich schüttelte diesen Gedanken schnellstmöglich ab. Durch den Wind wurden meine Haare nach vorne geweht, peitschten dem Bronzeschopfs ins Gesicht. Ich verlegte meinen Kopf auf die andere Seite ab, um ihm das Fahren zu erleichtern und ihn nicht durch meine Haare stören zu lassen.

„Entschuldige!“ rief ich und er lächelte zufrieden. Seine Augen blitzten aufgeregt, wie die eines Kindes. Er nickte mir zu, ganz der Gentleman und sah wieder konzentriert auf die Straße vor ihm. Ich wusste, dass wir ohne Helme fuhren, dass es gefährlich war, dass wir möglicherweise in Lebensgefahr schwebten. Doch in diesem Moment war mir das gar nicht wichtig. Alles was zählte, war, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben, etwas wirklich Phänomenales erlebte. Etwas was ich auch wollte, wozu ich nicht gedrängt wurde. Nicht von Dad. Nicht von Mum. Von niemandem. Auch nicht von diesem Fremden.

Meine Ohren summten eine Melodie, die mir bekannt war und ich war mir nicht sicher, ob ich laut mitsummte. Doch auch als ich bemerkte, dass wir schon in der Nähe meines Hauses waren, ließ ich mir die Laune nicht verderben. Ich summte weiter. Hielt die Gedanken davon ab zu wandern und mir Angst einzujagen. Die Straßen waren hier leb- und menschenlos. Nur das Summen unseres Motors und mein Summen verschiedener Lieder meiner Kindheit war zu hören. Meine Wange brannte, weil ich mit mit ihr an den Bronzeschopf lehnte. Aber ich musste plötzlich lächeln, als er anfing mitzusummen und wir gemeinsam die Melodie von Chordettes „Lollipop“ nachsummten, so gut wir es konnten.

Auch als er den Motor abdrehte, saß ich noch an Ort und Stelle und bewegte mich nicht. Ich wusste nicht warum ich ihn festhielt. Hatte ich Angst davor vor meinen Dad zu treten und mich zu stellen? War er meine Hoffnung in der Zukunft zu tun und zu lassen, was ich wollte? Erst jetzt begann ich die Angst vor meiner Tat und der Strafe zu verspüren.

„Du hast mir versprochen, dass du mir eine Frage beantwortest!“ ich nickte benommen und berauscht vom ganzen Adrenalin, das durch meine Adern pumpte.
Langsam, mit zittrigen Fingern, strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und klemmte es hinter meine Ohren.

„Wie fühlt es sich an die perfekte Tochter zu sein? Zu tun, was dein Vater von dir verlangt? Nicht einmal ausbrechen zu wollen? Selbst über das eigene Leben nicht entscheiden zu dürfen?“ Der Bronzeschopf sah mir durchdringend in die Augen und wartete gespannt auf meine Antwort. Ich war jedoch erschrocken von seinen Worten, seinen Fragen, von der Meinung, die andere Menschen von mir hatten. Die er von mir hatte. Ich wollte mich verteidigen, ihm sagen, dass es nicht so war, aber ich selbst realisierte in diesem Moment, dass es da nichts abzustreiten gab. Ich hatte mein Leben damit verbracht, meinen Vater stolz machen zu wollen. Ganze siebzehn Jahre meines Lebens.

„Das war mehr als eine Frage!“ flüsterte ich also stattdessen. Er lächelte humorlos und wandte sich dann ab. Als hätte er gewusst, dass auf seine Frage nicht antworten wollte. Nicht konnte.

„Würdest du bitte..... Ich muss auch nach Hause!“ Der ganze Zauber meiner Aktion verschwand dahin. Seine Fragen hatten mich tief im Inneren getroffen. Ich hatte versucht es allen rechtzumachen, das war richtig. Ich hatte nie darüber nachgedacht, mich dagegen zu wehren. Meine Clutsch, die ich während unserer Reise in seine Jacketttasche getan hatte, ergriff ich wieder und stand mit geradem Rücken und hochgehobenem Haupt auf, obwohl in diesem Moment etwas in mir wie ein Spiegel in tausend Teile zerbrach. Meine Kinderträume! Ich umarmte mich selbst, gab ihm sein Jackett zurück, dass er mir für die Fahrt ausgeborgt hatte zurück und sah ihn an. Versuchte mir alles einzuprägen. Seine Augenfarbe. Seine verwüsteten Haare. Sein schiefes Grinsen, das er mir gerade vorenthielt. Seinen Charme. Seine scharf geschnittenen Wangenknochen. Seinen 3-Tage-Bart. Seine trotz des gemeißelten Gesichts weichen Gesichtszüge. Seine sanfte Stimme. Ich musste mir alles merken und es ins Kapitel „Der Mann, der mir meine Freiheit gab!“ einfügen. Jedoch wusste ich, dass dieses Kapitel ein trauriges Ende haben wird, weil in einigen Minuten, die neugewonnene Freiheit wieder Vergangenheit sein wird.

„Danke für diese Fahrt. Das ganze Erlebnis. Das geht über meinen Vorstellungsvermögen vom Spaß im Leben weit hinaus.“ Ich drehte mich um und spürte seinen Blick auf mir. Nochmal drehte ich mich zurück und sah ihn an. „Verrätst du mir deinen Namen?“ fragte ich. Ich musste seinen Namen wissen. Damit mein Kapitel nicht „Der Mann, der mir meine Freiheit gab“ hieß, sondern seinen Namen trug. In meiner Stimme schwang etwas mit, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Traurigkeit. „Ich muss den Namen jenen Mannes wissen, der mir dieses wunderbare Erlebnis beschert hat.“ Unsicher knabberte ich an meiner Unterlippe herum. Sagt er mir seinen Namen oder doch nicht? Diese Frage stellte ich mir tausend Mal im Kopf. Bis ich ein resigniertes Seufzen hörte.

„Edward. Ich heiße Edward.“

Ich sah wie er seinen Motor anstellte, mich keinen letzten Blickes würdigte, einfach losfuhr in die dunkle Nach, weit, weit weg von mir. In die Welt wo er mich nicht mehr sehen musste. Wo er sich nicht vor Menschen ekelte, die immer das taten, was ihr Vater für das beste hielt. Ich wusste nicht, wie ich damit anfangen sollte. Denn ich kannte kein anderes Leben, als das was ich hier hatte. Ich brauchte jemanden, der diesen Weg mit mir ging. Abermals umarmte ich mich selbst und versuchte nicht allzu enttäuscht auszusehen. Ich musste mich jetzt stellen. Ich durfte mir keine Schwäche erlauben, vielleicht dann wenn ich alleine in meinem Zimmer war und mich niemand sah.

Edward. Edward. Edward. Edward. Seinen Namen wiederholte ich wie ein Mantra, damit es mir Kraft gab.Die einzige Frage, die ich mir in diesem Moment stellte, während ich vor den Toren meines Zuhauses stand, war, warum hatte ich einem Menschen -Edward- ein grenzenloses Vertrauen geschenkt?









ᴥ♥ᴥ





To be continued......
Kommentare und Kritik sind immer willkommen :)