Chapter 1:
Der Mann, der mir die Freiheit schenkte!
„Ich, Edward Anthony Masen Cullen, versichere feierlich, dass ich die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika gegen alle Feinde schützen und verteidigen werde, ob fremd oder heimisch; dass ich zu derselben wahre Treue und Loyalität bewahren werde; und dass ich den Befehlen des Präsidenten der Vereinigten Staaten sowie der über mir berufenen Offiziere gemäß dem Uniform Code of Military Justice Folge leisten werde, so wahr mir Gott helfe.“
ᴥ♥ᴥ
Isabella M. Swan:
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.- Mark Twain
An meinen Fingernägeln knabbernd saß ich wie angepflanzt da. Mein Blick schweifte desinteressiert über den Ballsaal, die tanzende Meute von reichen Snobs und meine aufgetussten Eltern, die es für nötig hielten, dass die ganze wohlhabende Welt, ihre Tochter Isabella Swan kennenlernte. Solch eine Bereicherung für mich, dachte ich sarkastisch. Ich verdrehte die Augen zum x-ten Mal an heutigem Tag. Die Frauen sahen bei weiter Entfernung in ihren Kleidern noch schön und gepflegt aus, aber bei genauerem Hinsehen fiel einem auf, wie stolz sie auf ihre Macht und ihren Reichtum waren. Genau das war es, was mich mächtig wütend machte und mich an diesem Abend nicht entspannen ließ.
Unwohl rutschte ich an meinem Sessel auf und ab und suchte nach einer Beschäftigung, die mich von diesen tanzenden und geldausgebenden Snobs ablenkte. Was feierten sie den hier überhaupt? Dass sie etwas zu feiern hatten, oder wie? Es war eine Wohltätigkeitsveranstaltung und in meinem Grundzustand würde ich ja liebend gerne mitmachen, was ich bei Gelegenheit immer tat, aber diesmal war es eine Gala, die die Reichen veranstalteten um sich mit ihrem Reichtum gegenseitig zu übertreffen. Das Schlimmste war jedoch, dass meine Eltern mit dabei waren, tanzten, mit den übrigen Snobs plauderten und sich dabei wohl fühlten.
Ich richtete meinen Blick wieder auf den Tisch vor mir, dem es an Dekoration nicht fehlte. Eine seidene Tischdecke, Blumen, Knabberzeugs, die jedoch nicht zum Knabbern waren. Denn ich stellte mir unter Knabberzeugs keine Krabben oder Muscheln und Froschschenkeln, sondern Chips und Popcorn vor. Wo bin ich hier gelandet? Erst als an meinem Kleid gezogen wurde, hörte ich in Gedanken auf zu schimpfen. Ich sah auf die Ursache dieser unangebrachten Störung und sah ein kleines Mädchen, das in einem rosa Kleid aussah wie eine kleine Prinzessin. Die rosa Schleife und rosa Schuhe und sogar rosa Söckchen waren jedoch ein gutes Beispiel für das, was mich an reichen Menschen aufregte. Das Problem bestand nicht darin, dass das Mädchen in Rosa angezogen war, sondern dass die Eltern es so erzogen, alles zu bekommen, was sie sich wünschte.
„Gibst du mir einen Autogramm?“ fragte sie mich mit einem lieblichen Lächeln im Gesicht. Der blonde Zopf war kunstvoll geflochten worden und keine Strähne wagte es, sich daraus zu lösen. Ich runzelte verwirrt die Stirn.
„Du musst mich mit irgendjemandem verwechselt haben!“ flüsterte ich in ihre Richtung gebeugt. Sie zog einen Schmollmund und legte den Kopf schief.
„Aber du bist doch Isabewa Zwan, oder?“ Das Lächeln, das sich insgeheim auf mein Gesicht stahl, vertuschte ich mit einem Husten. Wenn sie mich schon so süß nannte, wie klänge das bei meinem Vater? Ehe ich einen Lachkrampf bekam, dachte ich an etwas anderes. Angela liegt im Krankenhaus....Angela liegt im Krankenhaus.....Angela liegt im.....Okay, Bella das ist nicht lustig, flüsterte meine kluge innere Stimme.
„Ja“, antwortete ich dem blonden Mädchen. „Die bin ich!“ Das Gesicht des Mädchens begann zu strahlen. Sie hob den Kopf hoch und bog ihre Schultern nach hinten durch. Ich musste kurz den Kopf schütteln. So klein, jedoch gleichzeitig, so.....so.....ich weiß nicht......so snobistisch.
„Du hast doch alle Turniere in den letzten 3 Jahren in Tennis gewonnen, sagte meine Mama. Ich will in der Zukunft so werden, wie du.“ Oh, nein, war das Einzige, was ich mir dachte. Sicher sagte das ihre Mutter, weil sie selbst ja noch ein unzurechnungsfähiges Kind war, das sich daran nicht erinnern konnte. Als ich nicht antwortete, meldete sich das Mädchen wieder zu Wort.
„Also was ist, willst du vor dich hinträumen oder mir einen Autogramm geben?“ Das Mädchen stampfte sogar mir ihrem Fuß auf und stemmte die Hände in die Hüften. Ich traute meinen eigenen Augen nicht.
„Wo willst du deinen Autogramm haben?“ fragte ich sie unnötigerweise, denn sie streckte mir bereits ein ledergebundenes Buch entgegen und einen edlen Kugelschreiber. Hatte sie die von einem Bankier gestohlen? Ich kritzelte meine Initialen darauf und händigte das Buch dem Mädchen zurück. Laut pfeifend und hüpfend ging sie zu ihrer Mutter zurück. Das Mädchen warf sich die Umarmung ihrer Mutter zurück und diese fing sie lächelnd auf. Ich sah sofort wieder weg. Solche Szenen regten mich unnötigerweise auf.
Die Musik wechselte zu einem schnellen Lied und ich sah meine Eltern mit angepissten Gesichtsausdrücken zurückkommen. Sie hielten sich auch nicht mehr an den Händen. Uiiiii, pfiff es laut in meinen Ohren, als meine innere sarkastische Stimme sich wieder zu Wort meldete. Meine Mutter warf meinem Dad einen tödlichen Blick zu, den er ihr nur erwiderte. Als sie den Tisch endlich erreichten, setzte sich Renee schweigsam hin, aber Dad sah mich mit gerunzelter Stirn und angesäuert an. Okay, nichts wie weg hier, meldete sich die innere Stimme.
„Isabella, kannst du mir bitte sagen, was ich bei deiner Mum immer falsch mache?“ fragte er verzweifelt, während er die Fingerspitzen aneinanderlegte und mich durchdringend ansah. Ich zuckte die Schultern.
„Ähm, Dad. Ich glaube, wenn es darum geht eure Eheprobleme zu lösen, dann bin ich die Schweiz, okay?“ fragte ich leicht genervt, weil er mir nicht erlaubt hat mit meinem Freunden herumzuhängen, weil es ja eine ganz tolle Wohltätigkeitsveranstaltung gab, die ich unbedingt beiwohnen musste.
„Was hast du jetzt für Probleme? Wollt ihr eure Frust an mir auslassen? Ich bin dein Vater, Isabella. Du musst mir gegenüber deinen ganzen Respekt zeigen. Ich sorge mich nur um dein Bestes und deine Sicherheit.“ Ich liebte Dad, aber wenn er mir damit kam, dann musste ich nur lachen.
„Charles!“ rief meine Mutter dazwischen. „Isabella hat nichts damit zu tun, dass du mir Dinge vorwirft, für die ich nichts kann.“ Sie überkreuzte die Arme vor ihrer Brust und ich musste mir still zugestehen, dass so sehr ich mich mit Mum stritt, sie diesmal Recht behielt. Dad übertrieb manchmal maßlos, darin glich ich ihm.
„NICHTS KANNST? Nichts kannst?“ spie er aus und seine Augen schossen Giftpfeile auf Mum ab. „Wenn ich es nur von Anfang an gewusst hätte. Auch deine Schönheit hätte mich nicht überzeugt.“ Okay, das wollte ich mir wirklich nicht antun.
„Du warst doch derjenige, der mich gebeten hat, nicht zu gehen, weil du ohne mich nicht leben konntest, Charles.“ Meine Mum sah ihm genauso stur in die Augen und lehnte sich lässig zurück. Ihre Haltung erschien nach außen hin sehr entspannt, innerlich brodelte sie jedoch. Tja, meine Mum war eine ganze Lady. Nur manchmal war sie meine beste Feindin.
„Ich bin in der Toilette.“ rief ich begeistert, dass ich mich von den streitenden Hähnen entfernen konnte. Sie waren so vertieft in ihrer Unterhaltung, dass sie meine Abwesenheit gar nicht bemerkten. Ich schleichtemich langsam davon.
Bei der Frauentoiletten angekommen, schlüpfte ich in die erstbeste Kabine und versuchte mich aus diesem Chiffonkleid zu befreien. Es fühlte sich total unangenehm auf meiner Haut an. Ich begann herumzuzappeln und zu fluchen. Fast hätte ich die Ursache meines Unwohlseins gefunden, doch da klopfte es an der Tür.
„Miss Swan, ihr Vater wünscht Sie zu sprechen! Bitte, beeilen Sie sich.“ Ich lächelte, hoffte jedoch gleichzeitig, dass sich dieser Streit nicht auf mich ausbreiten würde. Meine Clutch in einer Hand, den langen Stoff meines Kleides in der anderen, machte ich mich auf dem Weg zurück. Auf unserem Tisch saß meine Mutter, ein Glas mit Champagner gefüllt in der Hand und trank. Ich konnte nicht sehen, wohin ihr Blick glitt, aber sie schien sehr konzentriert und trotzdem verloren zu sein.
Beinahe hätte ich Mitleid verspürt, wäre da nicht meine böse, gemeine Seite, die im Leid der Menschen ihren Gefallen fand. Okay, ich war ein Teenager und die Eltern waren die ärgsten Feinde zu dieser Zeit. Bei mir war meine Mutter die einzige Feindin und mein Vater der Ritter in glänzender Rüstung mit weißem Pferd. Okay, bis ich mich aufregte, dann war jedoch Schluss mit lustig.
Bevor ich unseren Tisch aber erreichen konnte, wurde ich an der Hand gepackt und von meinem Vater zu einer Gruppe Menschen gezogen. Ich lächelte ihn äußerlich an, aber innerlich haute ich ihm mit einem Hammer auf den Schädel ein. Miese, miese Idee, Dad, dachte ich betrübt und sauer auf ihn. Der Tag war gelaufen. Meine Freunde warteten doch auf mich, um uns einen gemütlichen und angenehmen Abend zu machen. Aber mein Vater hatte andere Pläne mit mir, wie immer musste sein Wort das letzte sein. Jetzt war zu spät um wegzulaufen.
„Darf ich euch meine Tochter vorstellen? Isabella Marie Swan. Die kleinste, klügste, beste von allen.“ Alle sahen mit lächelnd an, als mein Vater einen Arm über meine Schulter warf. Der Witz daran war jedoch, dass ich seine einzige Tochter war. Nicht daran denken, Bella. Ignorieren. Einfach den Gedanken ignorieren.
„Ich bin ganz erfreut Sie alle kennenzulernen.“ murmelte ich schnell, um nicht unfreundlich zu erscheinen. Mein Vater stellte mir alle Herren vor, doch keiner ihrer Namen sagte mir etwas. Ein letzter Mann war geblieben, den mir mein Vater jedoch nicht vorstellte und ich bezweifelte in diesem Moment, dass er ihn zufällig vergessen hatte. Mein Dad hatte sein Leben schon geplant und wenn sich jemand in seinen Weg stellte, dann schubste ihn mein Vater unsanft hinaus. So war er und so wird er bleiben. Hierbei gab es keine Veränderung.
„Ich bin Dr. Cullen. Es freut mich dich persönlich kennenzulernen. Hier bei uns bist du sehr beliebt. Dein Dad erzählt uns immer, wie stolz er auf dich ist.“ Die blonden Haare des hochgewachsenen Mannes waren nach hinten gekämmt, aber nicht so, dass es ihn wie den bösen Direktor erschienen ließ. Sein Haar glänzte und sein Gesichtszüge waren weich. Das blaue Hemd, das er trug, passte perfekt zu seiner hellen Hautfarbe. Um seinen Augen herum bildeten sich kleine Fältchen, die ihn jedoch noch freundlicher aussehen ließen. Und die blauen Augen sprühten vor Enthusiasmus und Freude. Ich hatte das noch nie bei einem Mann gesehen.
Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich sehr überrascht ergriff und schüttelte.
„Freut mich, Dr. Cullen. Ich bin Bella.“ Er lächelte, als würde ihm etwas einfallen und begann zu lachen. Als ihn alle anderen Männer irritiert ansahen, erhob er entschuldigend die Hand und entfernte sich dann, nachdem er sich freundlich verabschiedet hatte.
Meinen Vater hörte ich etwas wie „Das Lachen wird dir bald vergehen“ murmeln, doch als ich nachfragte, schüttelte er einfach den Kopf, als hätte er nichts gesagt und machte mich zum Narren. Wir gingen schweigsam zurück zu unserem Tisch. Ich wieder gelangweilt und doch irgendwie von Dr. Cullen als Person begeistert. Er war sicherlich reich und angesehen, aber es gab etwas an ihm, das es an keinem anderen alten Mann hier gab. Eine Art Lebensfreude, die meinen Dad jedoch sehr irritierte. Ich wusste nicht, was es war. Aber es interessierte mich sehr. Es kitzelte an meinen Nervenenden und ließ die Neugierde in mir aufflammen.
Als ich mich auf den Tisch setzte, sah ich Mum's nervösen Blick über Dad's Gestalt wandern, gerade als mein Dad ihr seinen süffisanten Blick zeigte. Himmel, ich musste die Augen verdrehen. Die waren ja nicht mehr in meinem Alter.
„Charlie, kann ich jetzt nach Hause?“ fragte ich meinen Dad, nachdem er sich wieder beruhigt und normalisiert hatte. Er sah zu mir hoch, mit einem Blick, der es mir verbot sogar weiterzusprechen.
„Isabella, du bleibst hier und damit basta!“ Er sah mich fest an, während er sich etwas aus dem großen Teller nahm und seelenruhig aß.
„Dad, du hast mir versprochen, dass ich nach neun wieder zu meinen Freunden darf.“ erinnerte ich ihn daran und stemmte die Hände in die Hüften. Er grinste mich charmant an und verdrehte die Augen.
„Isabella, ich sagte dir Prinzessin bereits, dass du nicht jedem alles glauben sollst.“ Er aß seelenruhig weiter, als könnte ihm diesen Appetit nicht in der Welt verderben. Ich schloss die Augen, zählte von zehn runter und versuchte den Scherz hinter seiner Aussage zu verstehen. Ich schnaubte hörbar.
„Du bist nicht jeder, Dad. Ich dachte, ich könnte dir vertrauen. Und du hattest Recht, es ist Zeit mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich habe ich bislang nur deine Wünsche erfüllt. Isabella hat Tennis gespielt, weil es Dad wollte. Isabella wurde zur besten Cheerleaderin, weil es Dad wollte. Isabella hat Ballettunterricht genommen, weil Dad es wollte. Aber du wirst mir meine Freude nicht aussuchen, Dad. Das werde ich nicht zulassen. Du kannst doch zugeben, dass du sie nicht magst, weil sie nicht so reich und mächtig sind, wie du.“ Diesmal machte ich einen wirklich dramatischen Abgang, indem ich meine Tischserviette auf den Teller warf, mich am Absatz umdrehte und das erste Mal in meinem Leben im Begriff war etwas Dummes zu tun. So schnell mich meine Füße tragen konnten, ging ich. Als ich sah, dass Dad's Bodyguards mir folgten, drehte ich mich nochmal um.
„Deine Gorillas brauche ich nicht, Dad. Diesmal musst du mir vertrauen.“, rief ich ihm noch über die Schulter und versuchte das Verhalten von Roboterbella abzulegen, die immer das tat, was Charlie ihr befohlen hatte. Langsam aber sicher hatte ich es satt. Mum und ich stritten uns und kamen nicht sehr gut aus, weil wir uns nie aussprachen. Jedoch zwang sie mich nicht, etwas nach ihrem Willen zu tun, wie es Charlie tat. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich es zuließ. In diesem Moment sehnte ich mich so sehr nach Emmett, der mich einfach immer in die Arme nahm, wenn ich es brauchte. Mit seinen Muskeln verdeckte er mich immer vollständig, da ich verglichen mit ihm nicht unbedingt groß war. Aber ich fühlte mich in seinen Armen stark, weil er mich genau verstand und wusste wie es mir ging.
Schnell bemerkte ich, dass Dad nicht nachlassen würde, denn seine Gorillas verfolgten mich dauerhaft. Bella ging aufs Klo, Gorillas hinterher. Bella geht rauchen, Gorillas hinterher. Bella geht mit Freundinnen aus, Gorillas hinterher. Langsam aber sicher hatte ich es satt.
Als ich aus dem Ballsaal hinausgestürmte, hatte ich vergessen, dass ich keine Möglichkeit hatte von hier wegzukommen. Ich bin hinausgerannt, in der Hoffnung, ich würde ein Taxi finden, dass mich von hier wegbringen konnte. Zu meinem Bedauern gab es kein einziges Taxi hier draußen. Also ging ich wieder zurück in die große Halle, als ich die Gorillas sah, die in ihren Kopfhörern und ihren Ärmeln, wo die Lautsprecher versteckt waren, etwas zuflüsterten. Beinahe hätten sie mich eingeholt und gesehen, aber ich stürmte durch die erste Tür, die ich sah, ohne mir darüber Sorgen zu machen, dass ich jemanden stören könnte. Oder wo ich mich überhaupt befand.
Erstarrt blieb ich stehen, als ich einen Mann sah, der sich die Hose gerade zuknöpfte und sich den Gürtel zurecht machte. Oh, mein Gott, war das peinlich. Mein Herz setzte vor Entsetzen kurz aus und begann dann in doppeltem Tempo weiterzuschlagen. Peinlich gerührt legte ich meine Handfläche über meine Augen, ließ jedoch einen Spalt frei, wo ich hindurchgucken konnte. Anscheinend hatte er mich noch nicht bemerkt. Als er seinen Gürtel endgültig gerichtet hatte, blieb er stehen. Sein Blick richtete sich auf mich, welche nun ihre Hand hinuntergelassen hatte und sie zur Faust ballte.
„Ich habe nicht geguckt, versprochen!“, hinter meinem Rücken hakte ich Zeige-und Mittelfinger ineinander. Hast du doch, flüsterte meine innere Stimme. Nein, habe ich nicht. Meine Finger begannen zu zittern, weil ich beim Glotzen erwischt wurde. Wieso musste er sich auch hier die Hose zuknöpfen? Weil das hier eine Herrentoilette war, Prinzessin, meine muntere innere Stimme wurde nie müde. Wie schön.
„Nein, natürlich nicht.“ Sein linker Mundwinkel fand den Weg nach oben und ein kleines schiefes Grinsen zierte sein Gesicht. Ich wusste nicht warum, aber meine Füße setzten sich in Bewegung. Ich näherte mich ihm. Er wandte sich von mir ab und fing an sich die Hände einzuseifen. Wie gebannt starrte ich auf seine Hände. Sie waren nicht zu groß, wie die von Emmett, aber normal für einen Mann. Sie sahen stark aus. Isabella, ermahnte mich die innere kluge Stimme, die ich diesmal aber völlig verachtete.
„Was führt Sie in eine Herrentoilette?“ sein Grinsen wurde nur noch breiter, als würde er sich an meinem Leid erfreuen. Mieser, gutaussehender, charmanter.......
„Ich...ähm.....verstecke mich.......vor....“, mit einem Papiertuch trocknete er sich die Hände aus, wandte sein Gesicht dann mir zu. Ich starb tausend Tote. Oh, Himmel. Ich weiß, er war nicht echt, Gott wollte mich nur täuschen, damit mich mein Vater fand und ich nicht abhauen konnte, aber....Himmel.....diese blitzenden grünen Augen und dieses Lächeln. Er musste einfach echt sein. Das durfte keine Halluzination sein.
„Vor?“ fragte er und knöpfte sich seinen Smoking lässig auf. Seine Hand fand sich in seinem Haar wieder und ich starrte wie gebannt darauf, realisierte wie anders seine Haare aussahen. Diese Haarfarbe und sein Styling. Ein solches interessantes Wesen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Der Bronzeschopf sah mich an und wedelte vor meinem Gesicht mit seiner Hand herum, um mich wach zu kriegen.
„Ähm, wie bitte?“ fragte ich anschließend.
„Ich habe Sie gefragt, ob es Ihnen gut geht und vor wem sie sich in der Herrentoiletten verstecken?“ In seinen Augen spiegelte sich Selbstbewusstsein, Begeisterung und Belustigung wieder. Ich wusste nur nicht, ob er von sich selbst oder von mir begeistert war. Wie er sich selbst im Spiegel ansah, würde ich mich nicht wundern, wenn es das erstere wäre. Ich war ja auch nicht unbedingt eine Augenweide.
„Ich verstecke mich nicht. Ich besuche lediglich die Herrentoilette. Ist das etwa verboten?“ rief ich etwas aufgebracht und sarkastisch aus. Warum war ich plötzlich so zickig? Himmel..... Stolz auf meine Aussage pustete ich mir eine Strähne aus meinem Gesicht.
Ich dachte, er würde sich ergeben und einfach von dieser Irren -nämlich mir- abwenden und gehen. Aber es überraschte mich, als er weiterhin lächelte und sich das Haar raufte. Er begann plötzlich zu lachen und hielt sich an der Platte, an der alle drei Waschbecken eingebaut waren. Im Spiegel konnte ich meine roten Wangen sehen. Meine Lippen waren angeschwollen und rot, weil ich auf ihnen herumbiss. Aus meinem Haar hatten sich einige widerspenstige Strähnen gelöst. Himmel, sah ich durcheinander aus. Meine Aufmerksamkeit galt jedoch ihm und seinem herzhaften Lachen, als er sich den Bauch hielt und sich beinahe auf den Boden kugelte. Ich konnte nicht anders und sah ihn beleidigt an.
„Sorry, tut mir leid. Dein Gesichtsausdruck war einfach unbezahlbar.“ Er lächelte mich freundlich an und sah mich intensiv mit seinen Augen an. Versuchte er mich gerade mit seinem Charme, um den kleinen Finger zu wickeln?
„Schön, dass es dich amüsiert hat.“ Beleidigte Leberwurst, rief meine innere Stimme und grinste zusätzlich.
„Kann ich dir irgendwie helfen, um es wieder gutzumachen?“ fragte er mich wieder ernst und taxierte mich mit seinem Blick, sodass ich mich unwohl in meinem Kleid fühlte.
„Du bist nicht eine von diesen, die sich hier wohlfühlt, nicht wahr?“ fragte er mich anschließend. Ich sah ihn verwirrt an und fragte mich woher er das wusste. Stand es groß und fett auf meiner Stirn? Hatte ich es laut ausgesprochen? Hatte ich eine Panikattacke bekommen und gebrüllt und geschrien? Himmel, hatte ich Einfälle. Doch er lächelte wissend und lehnte sich an die Wand hinter ihm. Ich wusste nicht wie er das machte, aber ich realisierte, dass dieser Mann bei allem was er tat, einfach gut aussah.
„Nein, das bin ich nicht. Ich bin eher das Mädchen, das sich in Jogginghosen und weiten T-Shirts wohlfühlt.“ Ich ließ mich an einer Kabinentür gleiten und setzte mich auf den Boden hin. Erst nach kurzem Sitzen bemerkte ich, dass ich meine Zehen in diesen verdammt hohen Schuhen nicht mehr fühlte. Jetzt sind sie taub. Jetzt sind sie taub, wollte ich laut schreien, aber ich miss mir auf die Zunge und schluckte diese verrückte Aussage hinunter. Sofort zog ich mir diese dummen, dummen High Heels aus und legte sie neben mir ab. Mit einem dumpfen Knall lehnte ich meinen Hinterkopf an das Holz hinter mir. „Fühlst du dich hier wohl?“ nahm ich unser Gesprächsthema wieder auf. Meine momentane Paralyse hatte langsam nachgelassen. Bei solch einem Mann, wäre jede in Ohnmacht gefallen. Ich klopfte mir stolz auf mich selbst imaginär auf die Schulter.
„Kaum, sonst würde ich mich nicht hier verstecken.“ Er raufte sich schon wieder das Haar. „Ich wollte gar nicht hier sein, meine Mutter hat mich gebeten hier zu erscheinen, aber mein Dad war nicht begeistert. Bei weitem nicht.Wir reden nämlich seit Jahren nicht mehr miteinander.“ Der Bronzeschopf ließ sich mir gegenüber auf den blankpolierten Fließen gleiten und sah mich mit diesen glühenden Augen an, die mich erzittern ließen. Oder war es die Kälte die von den Fließen ausging? Ich entschied mich für die letztere Option.
„Warum?“ Er hob die Augenbraue hoch, als wollte er fragen Wieso-interessiert-dich-das?, doch ich räusperte mich nervös. Innerlich hätte ich ihm am liebsten meinen Wieso-erzählst-du-mir-das-überhaupt-wenn-ich-dann-nicht-fragen-darf-Blick gezeigt, doch meine Neugierde gewann die Überhand und ich entschied mich es mit Freundlichkeit zu versuchen. „Ich meine, du musst mir das nicht erzählen. Ich bin nur von Natur aus sehr neugierig.“
Er lächelte irgendwie wissend und ich warf ihm meinen Was-zum-Teufel?-Blick. „Das wusste ich bereits, als du hier hineinstürmtest und durch deine Finger hindurch total aufgeregt und gleichzeitig peinlich berührt gestarrt hast.“
Eins musste man dem Bronzeschopf lassen, er konnte direkt sein. So direkt, dass ich mit glühenden Wangen die weiß-schwarzen Mustern der Fließen betrachtete. Nur nicht rot werden. Nur nicht rot werden.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“ flüsterte er resigniert. Ich war plötzlich aufgestanden und sah ihn wütend an. War das wieder eine Wie-bringen-wir-Bella-in-Verlegenheit-Nummer? Diesmal war sie nicht lustig. Er sprang auch sofort auf die Füße, als er mein Gesicht sah.
„Doch, das ist genau das, was du tun wolltest.“ warf ich ein und wollte mich davon machen. Ich packte meine ausgezogenen hohen verdammten Schuhe und meine Clutch, die ich ihm am liebsten auf den Schädel hauen wollte und entfernte mich.
„Warte.....Hey.....“ Ich griff nach dem Türknauf, drehte ihn, doch er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür und verhinderte damit, dass ich verschwand.
„Was zum T...?“ rief ich aus. Er legte einen Finger auf meine Lippen, den ich im ersten Moment beißen wollte. Aber ich beherrschte mich. Würde er wie ein Baby schreien, wenn ich ihm in den Finger biss? Dieser Gedanke gefiel mir.
„Ich will mich nur entschuldigen, Miss-Unnahbar.“ Ich holte tief Luft um zu widersprechen und ihn diesmal wiklich zu beißen, aber ich hörte bekannte Stimmen von draußen, die bis nach hier drinnen zu uns durchdrangen.
„Wir haben alles durchsucht, Mr. Swan. Wir können Miss Swan nicht finden. Sie ist nicht mehr hier.“ hörte ich einen von Dads Bodyguards sagen. Im ersten Moment war es still. Der Bronzeschopf und ich sahen uns beide gegenseitig in die Augen.
„Findet sie verdammt noch mal, ihr nichtsnutzigen Nichtsnützer. Meine Tochter kann nicht weit von hier sein.“ mein Dad war wütend und das richtig-richtig. Er würde mir die Hölle heiß machen. Denn das hatte ich noch nie zuvor gemacht.
„Isabella Swan?“ fragte der Bronzeschopf süffisant grinsend. Ich nickte und schüttelte den Kopf gleichzeitig. Er pustete beinahe los, doch ich presste ihm meine Hand auf den Mund und warnte ihn mit meinem giftigen Swan-Blick, die Klappe zu halten.
„Halt die Fresse. Wenn sie dich hier mit mir finden, dann werden sie dich auseinander nehmen und zum Abendessen braten. Ich warne dich.“ Er grinste und überkreuzte die Arme vor der Brust, entfernte sich von mir ein Stückchen. Ich atmete erleichtert auf, weil sich in seiner Nähe jeder meiner Muskeln anspannte.
„Es tut mir leid, Isabella. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Zugegeben, vielleicht ein bisschen. Aber nur weil du wunderschön mit geröteten Wangen aussiehst.“ Ich verdrehte die Augen und fing in der Herrentoilette an auf-und abzuwandern. „Gern geschehen“ murmelte er sarkastisch, als ich nicht auf seinen Kompliment einging. Er fing an irgendetwas in seinen nichtvorhandenen Bart zu murmeln, was für mich wie Beschimpfungen klangen.
Fuck, wenn mich Dad jetzt fand, würde er mir ein ganzes Jahr Hausarrest geben. Oh, verdammt. Wie wäre es das nächste Mal mit zuerst Nachdenken? Ich verdrehte wieder die Augen. Er konnte mir gar nicht das ganze Jahr Hausarrest geben, weil in zwei Wochen die Schule wieder anfing. Haha.
„Hör zu, ich helfe dir hier raus, wenn du mir verzeihst. Ich mag es nicht, wenn man auf mich sauer ist. Einverstanden?“ er kam auf mich zu und streckte seine Hand aus. Sein Blick verriet nichts von geplanten Entführungen, ungewollten Nierenoperationen oder Bluttrinken.
„Nur das? Keine Zusätze? Und sie sollen uns auch nicht finden, Mister Neunmalklug.“, rief ich verärgert.
„Was hat Babydoll angestellt, dass Big-Daddy sauer ist?“ fragte er mit einem selbstgefälligen Lächeln. Ich verdrehte wieder die Augen. Was interessierte ihn das schon wieder? Es war mein Leben. Ich musste auch nicht jede von seinen dummen Fragen beantworten. Außerdem kannten wir uns doch gar nicht mal so gut.
„Du weißt, ich brauche dich nicht, um den Weg hier herauszufinden.“, versuchte ich streng. Er sah mich ungläubig an und schüttelte belustigt den Kopf. War der Typ irre? Stand er unter verdammten Drogen?
„Ich bringe dich hier raus und fahre dich sogar nach Hause, aber du beantwortest mir eine Frage. Einverstanden?“ Ich sah ihn an, bemerkte, dass er es ernst meinte, denn es gab keine Anzeichen von Belustigung oder etwas anderem in seinem Blick. Isabella, nur eine mickrige Frage, das überlebst du schon, rede ich mir ein.
„Einverstanden!“ Ich schlug in seine Hand ein und ließ zu, dass er meine Hand nahm und mich langsam hinausführte. Er öffnete einen Spalt die Tür, streckte seinen Kopf hinaus und schloss sie wieder.
„Okay, ich zähle bis drei und dann rennen wir beide, so schnell wir können los.“ meinte er und sah mich eindringlich ein.
„Nein, ich zähle.“ meinte ich launisch und er seufzte.
„Na schön, Klugscheißer.“ er packte meine Hand fester, nahm mir die Schuhe, die ich an den Schleifen hielt aus der Hand und trug sie in seiner freien Hand.
„Okay. Eins. Zwei. Zweieinhalb. Zweikommasechs.“ scherzte ich, doch er verdrehte die Augen, öffnete die Tür und zog mich mit sich. Fast wäre ich auf die Nase gefallen, wie gesagt, nur fast. Als wir sahen, dass draußen freie Luft herrschte, gingen wir langsam über den Parkplatz. Ich konnte es nicht lassen, dauernd über meine Schulter zu gucken, aus Angst, dass Dad seine Gorillas nach mir schickte.
„Das war nicht lustig, Swan.“ meine er verärgert und sah mich aus seinen in der Dunkelheit strahlenden Iriden an. Oh, er liebte es nicht, wenn man nicht das tat, was er sagte. Meine letzte Tat bewies jedoch, dass ich jetzt das Sagen über mein Leben hatte. Checkte er denn dies nicht?
„Doch, das war es.“ Ich fing an zu lachen und hielt mir für kurze Zeit den Bauch vor Lachen. Ich hatte das noch nie gemacht. Ich hatte noch nie so mit meinem Leben gespielt, als wäre es nichts Wert.
„Warum versteckst du dich überhaupt vor deinem Dad, Mustertochter?“ Ein etwas irritierter Ton war aus seiner Stimme herauszuhören, doch ich dachte, ich bilde es mir ein. Vielleicht war er einfach von guten Töchtern genervt.
„Weil ich einfach mal Lust hatte und weil ich kann.“ rief ich, als er mich bis zu einem Motorrad führte und meine Schuhe in das kleine Schließfach ganz hinten verstaute. Überrascht blieb mir die Spucke weg und ich sah ihn belustigt an. Das war ein total schlechter, böser Scherz.
„Wir fahren doch nicht mit einem Motorrad, oder?“ fragte ich ihn mit einer leicht zitternden Stimme.
„Doch!“, seelenruhig schwang er seine Beine auf das Motorrad und sah mich auffordernd an. „Komm, ich hab auch einen Führerschein!“, witzelte er. Wer war dieser Typ überhaupt? Vielleicht ein Psychopath? Ein Killer? Ein Drogensüchtiger? Was wenn er mich verkaufte? Wenn er mich entführte? Scheiß drauf, sagte die kleine süße Babystimme in mir, die schon immer so aufgeregt war, wenn ich im Begriff war, etwas zu tun, was ich mit Sicherheit später bereuen werde. Ich hatte auch noch nie etwas so Dummes getan, erinnerte ich mich selbst.
„Haha!“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn regungslos an. „Dein Witz ist bei mir nicht angekommen!“ grummelte ich. Er sah mich ernst an und legte seinen Ellenbogen auf dem Vorderteil des Motorrads ab.
„Ich kann dich auch hier lassen, Isabella. Mir ist es egal, ob dich dann jemand mitnimmt, dich nach Sizilien bringt und dich dort, wie ein Stück Fleisch verkauft. Wenn ich du wäre, würde ich lieber mit mir gehen.“ Ich dachte ein Weilchen über seine Worte nach, hatte jedoch keine Lust nach Sizilien gebracht zu werden. Seattle mochte ich genug, um mich zu entscheiden mit diesem Fremden zu gehen. Was wenn er Italiener war und mich trotzdem nach Sizilien brachte? Auf einem Motorrad? Unmöglich. Ich musste sogar über meine Gedanken schmunzeln, stieg jedoch auf seinen Motorrad nachdem ich realisierte, dass ich keine andere Möglichkeit hatte nach Hause zu gelangen. Schließlich wurde ich heute von allen guten Geistern, als ich mich entschied meinen Vater zum Teufel zu schicken. Okay, das war nicht milde ausgedrückt.
„Was jetzt?“ fragte ich, nachdem ich mich seitlich auf das Motorrad gesetzt hatte. Er drehte halb den Kopf zu mir um und sah mich entgeistert an. Dann verdrehte er die Augen und schnaufte weniger männlich.
„Das ist nicht dein Ernst, oder Isabella? So sind die Frauen vor Jahrhunderten auf den Pferden geritten. Wenn du dich so auf ein Motorrad setzt, dann bist du bei der ersten Kurve am Boden.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durch sein verwüstetes Haar. Dann schwang er sein Bein herum und stand wieder auf. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, seitdem wir die Herrentoilette verlassen haben. Ich wusste nicht, wie die Strafe meines Vaters ausfallen würde, wenn ich wieder Zuhause war, aber darüber machte ich mir keine Sorgen in diesem Moment. Ich begann mir Sorgen zu machen, als dieser charmante, gutaussehende Psychopath mein Kleid von beiden Seiten mit solch einer Kraft fasste, dass es darunter nachgab und mit einem „Zack“ einen Riss erlebte. Dieser Riss ging mein rechtes Bein entlang fast bis zu meiner Hüfte. Von allen guten Geistern verlassen, starrte ich den Bronzeschopf vor mir und konnte im ersten Moment vor Entsetzen gar nicht sprechen.
„Fehlt dir irgendetwas? Bist du irre? Hast du alle weißen Teller im Schrank? Brauchst du Schnaps? Drogen?Wenn du meine Unterwäsche sehen wolltest, hättest du auch fragen können!“ rief ich aufgebracht und knallte ihm jede mögliche Beschimpfung auf den Kopf. Jedoch nur im Stillen. Er sah mich kurz belustigt an, winkte mit der Hand ab und verdrehte die Augen. Er war eindeutig ein Psychopath, entschied ich mich.
„Es ist nur gerecht, dass ich deine Unterwäsche sehe, nachdem du meine gesehen hast.“ Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte oder einfach nur scherzte. „Jetzt setzstdu dich einfach breitbeinig auf das Motorrad und dann bringe ich dich nach Hause.“ Er streckte mir die Hand entgegen, ganz gentlemanlike, doch ich verfinsterte den Blick und er nahm seine Hand wieder weg und fuhr sich durch das Haar. Ich setzte mich so hin, dass man möglichst wenig von meiner Unterwäsche sehen konnte. Ich rutschte unruhig und peinlich gerührt hin und sah ihn stinksauer an. Er schwang sein Bein über das Motorrad und setzte sich hin. Ich wartete darauf, dass er den Motor endlich startete, doch er überkreuzte die Arme vor der Brust. Schnaufte anschließend wieder einmal. Ich fragte mich jetzt was ich schon wieder angestellt hatte.
„Okay! Ich glaube, du bist wirklich lebensmüde.“ rief er mir über die Schulter. Sein Seitenprofil war genauso fesselnd, wie sein ganzes Gesicht, doch ich versuchte mich auf seine Worte zu konzentrieren.
„Was ist schon wieder?“ fragte ich leicht verärgert. Dieser Mann dressierte meine Nerven und spannte sie zum Zerreißen. Genauso, wie er mein Kleid zerrissen hatte. Und das hatte ich noch immer nicht überwunden. Er kniff sich in den Nasenrücken und seufzte anschließend.
„Du musst die Arme um mich legen, Isabella.“
„Ach so, dann sag es sofort.“, rief ich mit solch einer Selbstverständlichkeit in der Stimme, dass ihm fast gar nicht auffallen sollte, dass ich keine Ahnung hatte, was ich hier tat. Ich war nicht auf meinem bekannten Gebiet. Ich legte meine Arme um seinen Hals und wartete geduldig, dass er losfuhr.
„Okay, Isabella. Ich glaube, du hast wirklich keine Ahnung, was du hier tust.“, er löste meine ineinander verhakten Arme und legte sie um seinen Bauch. Ich versteifte mich kurz, weil mein Gesicht fast an seinem Nacken klebte. Als er meine Arme um seinen Bauch legte, riss er mich so plötzlich nach vorne, dass ich zusammenzuckte. Ja, so ging es auch, dachte ich mir.
„Du hältst dich ganz fest an mich, okay? Und nicht loslassen!“ warnte er mich und ich nickte benommen. Sein Geruch schlug mir geradewegs ins Gesicht und benebelte meine Sinne. Ich nickte und er startete den Motor, ließ ihn aufheulen und fuhr den Parkplatz entlang, gelang dann auf die Hautstraße. Meine Oberschenkel klebten an seinen und mein ganzer Körper war so angespannt, dass meine Muskeln so verdammt schmerzten. Es war mir unangenehm ihm so nahe zu sein, dass ich meinen Hals so weit nach hinten wie möglich drängte, wie eine Giraffe.
„Isabella!“ rief der Bronzeschopf, während der ganze Lärm der Straßen seine Stimme fast verschluckte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich das Schauspiel vor mir. Die fahrenden Autos und Motorräder, die mir plötzlich so nahe waren und der Wind, der meine Haare komplett löste, sodass sie mir ins Gesicht fiel. Das war neu und aufregend für mich. Ich fühlte, wie Adrenalin durch meinen Körper gepumpt wurde und mein Herz kleine Hüpfer machte, wenn der Bronzeschopf vor mir Gas gab. Er fuhr mit solch einer Geschicklichkeit, einem Charme, den man sich bei einem anderen Mann gar nicht vorstellen konnte.
„Hm?“ fragte ich und verstärkte den Druck meiner Arme um ihn. Es war nicht so, dass ich mich fürchtete, ich wollte nur, dass dieser Moment die Ewigkeit dauerte. Wo war die Fernbedingung und konnte jemand die Pause-Taste drücken?
„Entspann dich!“ er lächelte mich sanft an. Doch etwas in seinem Blick, soweit ich diesen erhaschen konnte, zeigte mir Trauer und Melancholie, was mich gar nicht erfreute. Ich versuchte zu entspannen, legte meinen Kopf auf seinen Rücken ab und drückte meine Nasenspitze zwischen seinen Schulterblättern. Mein Kleid flatterte und es wurde offiziell, dass nicht nur dieser Fremde vor mir, meine rote Unterwäsche, sondern ganz Seattle, gesehen hat. Aber darum sorgte ich mich gar nicht. In diesem Moment gab es gar nichts, dass meine Gedanken hätte mehr beschäftigen können, als das Hier und Jetzt. Der Bronzeschopf vor mir entspannte sich sichtlich auch, nachdem ich mich entspannt hatte. Wie zwei Magnete, schoss es mir durch den Kopf. Doch ich schüttelte diesen Gedanken schnellstmöglich ab. Durch den Wind wurden meine Haare nach vorne geweht, peitschten dem Bronzeschopfs ins Gesicht. Ich verlegte meinen Kopf auf die andere Seite ab, um ihm das Fahren zu erleichtern und ihn nicht durch meine Haare stören zu lassen.
„Entschuldige!“ rief ich und er lächelte zufrieden. Seine Augen blitzten aufgeregt, wie die eines Kindes. Er nickte mir zu, ganz der Gentleman und sah wieder konzentriert auf die Straße vor ihm. Ich wusste, dass wir ohne Helme fuhren, dass es gefährlich war, dass wir möglicherweise in Lebensgefahr schwebten. Doch in diesem Moment war mir das gar nicht wichtig. Alles was zählte, war, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben, etwas wirklich Phänomenales erlebte. Etwas was ich auch wollte, wozu ich nicht gedrängt wurde. Nicht von Dad. Nicht von Mum. Von niemandem. Auch nicht von diesem Fremden.
Meine Ohren summten eine Melodie, die mir bekannt war und ich war mir nicht sicher, ob ich laut mitsummte. Doch auch als ich bemerkte, dass wir schon in der Nähe meines Hauses waren, ließ ich mir die Laune nicht verderben. Ich summte weiter. Hielt die Gedanken davon ab zu wandern und mir Angst einzujagen. Die Straßen waren hier leb- und menschenlos. Nur das Summen unseres Motors und mein Summen verschiedener Lieder meiner Kindheit war zu hören. Meine Wange brannte, weil ich mit mit ihr an den Bronzeschopf lehnte. Aber ich musste plötzlich lächeln, als er anfing mitzusummen und wir gemeinsam die Melodie von Chordettes „Lollipop“ nachsummten, so gut wir es konnten.
Auch als er den Motor abdrehte, saß ich noch an Ort und Stelle und bewegte mich nicht. Ich wusste nicht warum ich ihn festhielt. Hatte ich Angst davor vor meinen Dad zu treten und mich zu stellen? War er meine Hoffnung in der Zukunft zu tun und zu lassen, was ich wollte? Erst jetzt begann ich die Angst vor meiner Tat und der Strafe zu verspüren.
„Du hast mir versprochen, dass du mir eine Frage beantwortest!“ ich nickte benommen und berauscht vom ganzen Adrenalin, das durch meine Adern pumpte.
Langsam, mit zittrigen Fingern, strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und klemmte es hinter meine Ohren.
„Wie fühlt es sich an die perfekte Tochter zu sein? Zu tun, was dein Vater von dir verlangt? Nicht einmal ausbrechen zu wollen? Selbst über das eigene Leben nicht entscheiden zu dürfen?“ Der Bronzeschopf sah mir durchdringend in die Augen und wartete gespannt auf meine Antwort. Ich war jedoch erschrocken von seinen Worten, seinen Fragen, von der Meinung, die andere Menschen von mir hatten. Die er von mir hatte. Ich wollte mich verteidigen, ihm sagen, dass es nicht so war, aber ich selbst realisierte in diesem Moment, dass es da nichts abzustreiten gab. Ich hatte mein Leben damit verbracht, meinen Vater stolz machen zu wollen. Ganze siebzehn Jahre meines Lebens.
„Das war mehr als eine Frage!“ flüsterte ich also stattdessen. Er lächelte humorlos und wandte sich dann ab. Als hätte er gewusst, dass auf seine Frage nicht antworten wollte. Nicht konnte.
„Würdest du bitte..... Ich muss auch nach Hause!“ Der ganze Zauber meiner Aktion verschwand dahin. Seine Fragen hatten mich tief im Inneren getroffen. Ich hatte versucht es allen rechtzumachen, das war richtig. Ich hatte nie darüber nachgedacht, mich dagegen zu wehren. Meine Clutsch, die ich während unserer Reise in seine Jacketttasche getan hatte, ergriff ich wieder und stand mit geradem Rücken und hochgehobenem Haupt auf, obwohl in diesem Moment etwas in mir wie ein Spiegel in tausend Teile zerbrach. Meine Kinderträume! Ich umarmte mich selbst, gab ihm sein Jackett zurück, dass er mir für die Fahrt ausgeborgt hatte zurück und sah ihn an. Versuchte mir alles einzuprägen. Seine Augenfarbe. Seine verwüsteten Haare. Sein schiefes Grinsen, das er mir gerade vorenthielt. Seinen Charme. Seine scharf geschnittenen Wangenknochen. Seinen 3-Tage-Bart. Seine trotz des gemeißelten Gesichts weichen Gesichtszüge. Seine sanfte Stimme. Ich musste mir alles merken und es ins Kapitel „Der Mann, der mir meine Freiheit gab!“ einfügen. Jedoch wusste ich, dass dieses Kapitel ein trauriges Ende haben wird, weil in einigen Minuten, die neugewonnene Freiheit wieder Vergangenheit sein wird.
„Danke für diese Fahrt. Das ganze Erlebnis. Das geht über meinen Vorstellungsvermögen vom Spaß im Leben weit hinaus.“ Ich drehte mich um und spürte seinen Blick auf mir. Nochmal drehte ich mich zurück und sah ihn an. „Verrätst du mir deinen Namen?“ fragte ich. Ich musste seinen Namen wissen. Damit mein Kapitel nicht „Der Mann, der mir meine Freiheit gab“ hieß, sondern seinen Namen trug. In meiner Stimme schwang etwas mit, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Traurigkeit. „Ich muss den Namen jenen Mannes wissen, der mir dieses wunderbare Erlebnis beschert hat.“ Unsicher knabberte ich an meiner Unterlippe herum. Sagt er mir seinen Namen oder doch nicht? Diese Frage stellte ich mir tausend Mal im Kopf. Bis ich ein resigniertes Seufzen hörte.
„Edward. Ich heiße Edward.“
Ich sah wie er seinen Motor anstellte, mich keinen letzten Blickes würdigte, einfach losfuhr in die dunkle Nach, weit, weit weg von mir. In die Welt wo er mich nicht mehr sehen musste. Wo er sich nicht vor Menschen ekelte, die immer das taten, was ihr Vater für das beste hielt. Ich wusste nicht, wie ich damit anfangen sollte. Denn ich kannte kein anderes Leben, als das was ich hier hatte. Ich brauchte jemanden, der diesen Weg mit mir ging. Abermals umarmte ich mich selbst und versuchte nicht allzu enttäuscht auszusehen. Ich musste mich jetzt stellen. Ich durfte mir keine Schwäche erlauben, vielleicht dann wenn ich alleine in meinem Zimmer war und mich niemand sah.
Edward. Edward. Edward. Edward. Seinen Namen wiederholte ich wie ein Mantra, damit es mir Kraft gab.Die einzige Frage, die ich mir in diesem Moment stellte, während ich vor den Toren meines Zuhauses stand, war, warum hatte ich einem Menschen -Edward- ein grenzenloses Vertrauen geschenkt?
ᴥ♥ᴥ
To be continued......
Kommentare und Kritik sind immer willkommen :)
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