Samstag, 17. Dezember 2011

Chapter 2: Selfless-Service

Chapter 2:
Selfless-Service









"Freiheit ist, sich nicht entschuldigen zu müssen."






Freiheit?! Jedermanns Wunsch; früher oder später. Aber was bedeutet Freiheit für ein Individuum?

Bedeutete es für das Tierreich irgendwo in der Wildnis herumzulauern; zu jagen, was sie wollen, wann sie wollen; zu liegen, wenn sie erschöpft waren; zu baden, wenn sie sich schmutzig fühlten; zu entscheiden, welcher Herde sie sich anschließen wollten?

Für Menschen war Freiheit jedoch nur eine Möglichkeit, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, wie: Welche Schule will ich besuchen? Welchen Berufsweg will ich einschlagen? Wo will ich leben? Wo will ich arbeiten? Gehe ich heute einkaufen oder doch morgen? Entscheidungen über Raum und Zeit hinausgehend. Entscheidungen, die man in der Zukunft bereuen wird, weil sie falsch waren. Entscheidungen aus denen man lernen kann. Es gibt ein altes Sprichwort über uns Menschen: „Es gibt kluge Menschen, die aus Fehlern anderer lernten. Doch es gab auch naive Menschen, die aus ihren eigenen Fehlern lernen mussten!“

Wir können über Dinge entscheiden, die uns absurd und alltäglich erscheinen, wie „Was werde ich heute anziehen?“, aber was war mit den Entscheidungen, die uns wirklich wichtig sind, wie etwa „Wen werde ich lieben?“ Warum konnten wir uns hier nicht entscheiden? Die Menschen nach ihrem Charakter bewerten und nicht ihren Taten. Keine Vorurteile gegen jemanden richten, den man in Wahrheit gar nicht kannte. Von dem man nicht wusste, was er mochte und was er nicht ausstehen konnte. Richteten sich diese Vorurteile gegen Menschen, die mehr im Leben erreicht hatten? Gegen die, die dort Erfolg hatten, wo wir versagt haben?




*






„Aua!“ rief ich aus, als ich mein schmerzhaft pochendes Knie mit der einen Hand hielt, mit der anderen verzweifel versuchte meine aufsteigenden Tränen aus den Augen zu wischen. Als es aber nicht klappte und mein Knie auch noch zu bluten begann, fing ich an herftiger zu weinen.

„Bella?“ hörte ich eine angenehme Stimme. Ich sah mich herum, was sich schwer ausstellte, weil ich beinahe blind vor Tränen war. „Kleines, bist du es?“ Eindeutig die Stimme meines Dads.

Mist, jetzt konnte ich mich nicht mehr verstecken. Er hatte doch gesagt, ich sollte nicht auf diesen dicken, hohen Baum klettern. Das hatte ich nun davon, wenn ich die Bitte meines Vaters ignorierte.

Es raschelte als mein Dad hinter den Büschen und verschiedenen Topfpflanzen heraustrat. Als er mich sah, überkreuzte er die Arme vor der Brust und hob die Augenbraue hoch. Ich schrie jedoch wieder auf, als die Kratzwunde zu brennen begann. Mein Dad ließ seinen Tadel fallen und lief auf mich zu.

„Bella, Schatz?“ er begutachtete mein Knie mit seinen Augen, doch ich hielt es verzweifelt fest, in der Hoffnung die Schmerzen und das Brennen würden schneller vergehen. „Hab ich dir nicht gesagt, du bist noch zu klein, um auf diesen Baum zu klettern?! Das ist gefährlich, Kleines.“

Als er mich vorwurfsvoll ansah, weinte ich noch heftiger und fing an zu schluchzen. „Aua, Daddy!“ rief ich wieder und mein Dad hob mich hoch, trug mich auf seinen Armen ins Haus. Er legte mich auf die Couch im Wohnzimmer ab und telefonierte mit dem Hausarzt.

„Dr. Collins kommt sofort, Bella! Aber Kleines, kannst du mir verraten, warum du trotz allem auf diesen Baum geklettert bist?“ Dads Augen strahlten mich mit einem traurigen Glanz an, den ich nicht verstand.

„Ich habe Nina gerettet, Dad. Das arme Kätzchen hatte große Angst wieder herunterzuklettern.“ Mein Kinn begann zu zittern, weil ich es hasste Dad zu enttäuschen.

„Ist ja gut, Bella. Beruhige dich wieder, Spatz.“ Mein Dad hauchte mir einen kleinen Kuss auf den Haaransatz.

„Daddy?“ kaum waren meine Tränen getrocknet, schon bildeten sie sich wieder in meinen Augen und nahmen mir die Sicht. „Ich will zu Mommy!“ Als ich mich an meine Mutter erinnerte, die kaum noch zuhause war, vergaß ich mein schmerzendes Knie. Der Schmerz drang nur noch in mein Unterbewusstsein, mein Körper fühlte ihn gar nicht mehr.

„Du weißt, dass du zu Mommy nicht kannst, Spatz. Sie ist in Jacksonville und hat dort viel zu tun. Sie hätte gar keine Zeit sich dort um dich zu kümmern, Spatz.“ Diese Aussage, der Schmerz in Dads Augen wollten einfach nicht in meinen Verstand. Ich brauchte meine Mum. Ich brauchte sie hier und jetzt. Ich verstand nicht warum sie nicht bei uns war, wie jede normale Mutter. Warum sie ihre drei Kinder zurückließ, um in Jacksonville ihre Ausbildung zu beenden.

„Warum?“ fragte ich.



*




„Wie fühlt es sich an die perfekte Tochter zu sein? Zu tun, was dein Vater von dir verlangt? Nicht einmal ausbrechen zu wollen? Selbst über das eigene Leben nicht entscheiden zu dürfen?“

Die Geschwindigkeit meiner Fortbewegung konnte der Geschwindigkeit einer Schnecke Konkurrenz machen, so 'schnell' setzte ich einen Fuß vor dem anderen. Mein Unterbewusstsein war so hartnäckig und spielte mir das Gespräch der letzten Stunden unnachgiebig in einer Dauerschleife vor. Immer wieder blieb ich bei den vier Fragen; Fragen eines Fremden, der keine Ahnung von meinem Leben hatte. Der nicht eine winzige Kleinigkeit über mich wusste. Woher nahm er sich die Freiheit mich so zu verurteilen? Wer gab ihm dieses Recht? Ich unterdrückte den Drang vor Frust mit dem Fuß aufzustampfen. Dieser miese, miese,......... Mir entwich ein frustriertes Seufzen.

„Guten Abend, Miss Swan.“ Ich hatte kaum bemerkt, dass ich schon den ganzen Weg bis zu den riesigen Toren meines Zuhauses gegangen war, nachdem mich dieser Fremde etwa 50 Meter vor meinem Haus abgestellt hatte. Die ganzen zurückgelegten 50 Meter lang hatte ich mich über ihn aufgeregt. Nachdem ich ihm fast zehn Minuten hinterhergestarrt hatte, ehrlich zugegeben. Aber woher nahm er sich denn das Recht mir solche sinnlosen Fragen zu stellen? Als wüsste er besser über mein Leben Bescheid als ich selbst. Als würde er sich auskennen. Als wäre er etwas Besseres. Ich wusste gar nicht was ich denken sollte.

„Miss Swan, geht es ihnen etwa nicht gut?“ fragten mich die zwei Türwächter nachdem sie mich näher inspiziert hatten und feststellten, dass ich mich merkwürdig benahm. Mein aufgerissenes Kleid, meine baren Füße auf dem Asphalt, meine bezaubernde Frisur, die sich zu einem Chaos entwickelt hatte, musste diesen Eindruck nur noch verstärken. Mist!

Ich zwängte mir ein Lächeln auf. „Entschuldigt, bitte meine Abwesenheit. Natürlich, geht es mir perfekt!“ murmelte ich und wartete darauf, bis sie die Tore öffneten. Der größere von den beiden musterte mich mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck, so als wolle er mich für meine Lügen bestrafen. Der andere jedoch begann nervös an seinem Jackett herumzufummeln und sah auf seine Schuhe. Am liebsten hätte ich mich selbst geschlagen, als ich realisierte, dass ich das Wort 'perfekt' verwendet hatte. Ich wollte es doch noch vor 10 Minuten aus meinem Wortschatz streichen, weil dieser miese.......'Typ' -ich wollte nicht mal an ihn denken- dieses Wort verwendet hatte. Argh! Ich wollte am liebsten schreien, weil meine Gedanken wieder zu ihm wanderten. Er war wie jeder andere auch. Er hat sich über mich lustig gemacht. Wie naiv ich doch war, da hatte Dad vollkommen Recht.

Wieso vertraute ich auch jedem Typ, den ich auf der Straße traf? Wie ein Flittchen, schoss es mir durch den Kopf. Mein Unterbewusstsein verzog den Mund und wickelte sich eine Strähne seines Haares um den Finger und schien sichtlich unzufrieden zu sein. Eigentlich hast du ihn nicht auf der Straße getroffen, sondern auf der Herrentoilette, was viel schlimmer ist! Ich versuchte diese Stimme zu ignorieren. Wenn ich auf diese Stimme nicht gehört hätte, dann wäre ich gar nicht in diesem Schlamassel geraten.

„Eine angenehme Nacht, Miss Swan!“ flüsterten die zwei Torwächter, als ich passierte und sie das Tor wieder verriegelten. Ich winkte ihnen lustlos zurück und zeigte mein Roboter-Bella-Lächeln, das ich selbst schon vor vier Jahren entwickelt hatte. Ich war richtig stolz auf dieses Lächeln, dass alle anderen glauben ließ, mir ginge es gut. Aber ich hatte an diesem Abend einen Fehler darin entdeckt. Es galt anscheinend nicht für alle Individuen, sonst hätte mich dieser......dieser Edward nicht durchschaut. War er vielleicht doch von der sizilianischen Mafia, wollte mich aber doch nicht kidnappen, weil ich ihm zu lästig wurde? Vielleicht war er wirklich ein Spion oder ein Killer? Mein Unterbewusstsein fing an mich auszulachen, so tief war ich gesunken. Tatsache war jedoch, dass ich mein 4-jähriges Projekt erneuern musste, damit es intellektuell gültig wird und mich keiner durchschauen konnte.

Ich schlug den Weg zur Haustür über den Rasen ein, damit mein Weg geringer wurde und ich schneller dort war. Ich wollte nicht schneller dort sein, schon gar nicht in dieser Lage. Ich wusste, was kommen wird. Es war immer das Gleiche mit einem Unterschied: Das hier war meine erste Runaway-Aktion. Vorher hatte ich nie so gefühlt. Ich hatte nie den Drang verspürt einfach irgendwo anders, irgendwer anders zu sein. Linda, meine Schwester, hatte mir beigebracht, sich den Problemen zu stellen. Kein Feigling zu sein, der vor ihnen weglief. Aber ich spürte, wie die Kraft dahin schwand. Linda war ja nicht da, um mir diese Kraft erneut zu geben. Sie besorgte sich Flügel, wie Daedalus und Icarus, und flog einfach davon. Hatte sie am Ende auch keine Kraft mehr gehabt? Meine Finger vergruben sich in den ruinierten Chiffon meines Kleides, bis sich meine Nägel schmerzhaft ins Fleisch meiner Handfläche bohrten. Ich wollte mir jetzt darüber keine Gedanken machen. Nicht jetzt, wenn ich wichtigere Dinge zu erledigen hatte.

Das massive Haus schien, wie ein riesiges Monster, vor denen ich als kleines Mädchen Angst hatte, auf mich zu warten. Die Lichter brannten fast in allein Räumen, die von der Vorderseite des Hauses sichtbar waren. Ich fühlte mich so klein, während ich vor diesem Haus stand. Das Haus meiner Kindheit. Hier hatte ich mein ganzes Leben verbracht. Geheult und gelacht. Wenn man noch klein war, dann waren manche Dinge so leicht. Es war leicht sich mit anderen Dingen abzulenken. Es war leicht zu vergessen, zu verzeihen, wenn es dem anderen wirklich leid tat. Aber wenn man erwachsen wurde....Wenn man realisierte, dass es an der Reihe war, Verantwortung zu übernehmen, dann erwartete man genau dasselbe auch von den anderen. Ich wollte Verantwortung übernehmen. Ich wollte verzweifelt erwachsen werden. Mit meinen fast 17 Jahren, war ich das, bildete ich mir zumindest ein. Wer sich innen drinnen so alt, ausgelaugt, angestaubt und willenlos fühlte, musste einfach erwachsen sein. Das Leben meiner Mitschüler fing erst jetzt an. Ich dachte, dass das Leben nichts Aufregendes für mich bereithielt.

Das kühle Gras tat meinen Füßen einen Gefallen, wenigstens würden sie diese natürliche Kühlung zu schätzen wissen, wenn ich morgen keine Blasen bekam. Eine kalte Brise umwehte mich und ich schlang meine Arme um meinen Oberkörper. Meine Wangen entschieden sich noch immer zu glühen, obwohl mein Körper sich beinahe einem Taubheitsgefühl ergab. Meine marillenfarbene Clutch aus Satin presste ich zunächst einmal auf die eine Wangen, dann auf die anderen, im Glauben, dass dieser glatte Stoff meinen Wangen die Farbe entziehen konnte. Ich mochte diese blassen Farben, weil man sich darin eher unscheinbar fühlte und ich hasste es im Mittelpunkt zu stehen. Was mich wohl von den anderen unterschied. Denn ich war nicht besonders schön, hatte auch keine besonderen Fähigkeiten.

Das Kleid, das den Ansatz meiner Brüste großzügig freigab, war ebenfalls im gleichen Farbton. Dieser glatte weiche Stoff rutschte jedoch an meinem Körper entlang, was mir das Gefühl gab, jeden Moment nackt werden zu können. Falls das Kleid es schlecht mit mir meinte und unabhängig werden wollte; irgendwo festhängen blieb oder ich fiel. Ich hatte mir dieses Kleid nicht ausgesucht. Es lag einfach am frühen Morgen auf meinem Bett mit einer kleinen Notiz, dass ich um sieben am Abend fertig angezogen und geschminkt in der großen Halle warten sollte. Ich erkannte dieses Kleid wieder, es war aus Mums neuester Kollektion. Ich hatte es zuvor zufällig auf einer ihrer Skizzen entdeckt. Aber das war schon eine Weile her.

Es erschien mir eine Ewigkeit seitdem ich hier stand, an gleichem Ort und gleicher Stelle, vertieft in meinen Gedanken, die kein Ende nehmen wollten. Einfach erbärmlich. Bemitleidenswert. Fuck! Komm, Bella, du musst dich stellen. Es kann doch nicht so schlimm sein. Es sind nur deine Eltern. Nur deine Eltern, redete ich mir ein. Dieser Gedanke tröstete mich aber irgendwie gar nicht. Trotzdem biss ich die Zähne zusammen und wagte es zur Eingangstür zu gehen und im Schlüsselloch den Schlüssel zu drehen. Die Tür sprang automatisch auf und die beleuchtete Eingangshalle blendete mich augenblicklich. Ich musste die Augen zukneifen, damit ich was erkennen konnte. Mein Herz rutschte in die Hose, als sich im Haus selbst nichts rührte. Kein einziges Geräusch war zu hören, was für unser Haus ziemlich merkwürdig war. Wenn meine Eltern keine Geräusche und Laute von sich gaben, dann waren es die Angestellten, die in diesem Haus verkehrten und ihren Job erledigten. Diese plötzliche Stille erinnerte mich an die vor einem Sturm. Wenn für kurze Zeit alles stillstand und sich nichts rührte, nur um plötzlich mit höchster Intensität alles zu zerstören.

Als jedoch nichts geschah, schloss ich die Haustür leise hinter mir zu und meine Schritte machten leise tapsende Geräusche. Ich konzentrierte mich nur auf meine Sinne. Versuchte etwas zu hören, aber nichts drang zu mir durch. Also atmete ich erleichtert aus, weil mir die Standpauke nicht sofort bevorstand. Bevor ich die breite Treppe erreichte, die dann in zwei geteilt war und so den Ost- und Westflügel des Hauses bildete, packte mit jemand am Arm und drehte mich zu sich. Aus Angst kniff ich die Augen zu. Ich wünschte mir, es wäre der sizilianische Psychopath, der gekommen ist um mich zu holen. Mein Herz setzte einen Augenblick lang aus und ich hielt die Luft an.

„Mi niña, ¿dónde has estado? Tu madre se ha convertido en casi una locura. Tu padre se ha ido a buscar te y llamo a la policia.” meine Nanny sprach so schnell, dass ich mit meinem schwachen Spanisch gar nicht mehr mitkam. Ich öffnete wieder die Augen, nachdem ich abermals ihre Stimme gehört hatte und mir sicher war, dass sie und nicht jemand anderer mich in den Armen hielt. „¿Dónde estabas? ¿Estás bien? ¿Alguien te lastimó? Pero abla niña!” Ihre Stimme war schrill, als sie mich verrückt vor Sorge anschrie, weil ich mich nicht gemeldet habe. Sie presste mich an ihre Brust und umarmte mich ganz fest, als wolle sie spüren, dass sie nicht träume und mich wirklich in den Armen hielt.

“Warte- sagtest du, Dad hätte die Polizei gerufen?” Meine Augen wurden plötzlich ganz groß und ich hatte Mühe meinen Mund zusammenzuhalten, weil meine Kinnlade hinunterklappte.

“Ja, mein Herz. Er war verrückt vor Sorge, genau wie deine arme Mutter. Kind, wieso hast du uns das angetan?” In ihren Augen konnte ich keinen Vorwurf erkennen, aber ich fühlte mich augenblicklich schlecht. Sie war mehr als eine Nanny für mich. Sie war meine Mutter. Sie hatte mir die Windeln gewechselt und sie hat dort weitergemacht, wo Renee es aufgegeben hatte. Sie war diejenige, die Charlie jahrelang aufgemuntert hatte, nachdem er dachte, Mum hätte ihn für immer verlassen. Er hatte versucht uns Kindern einzureden, dass unsere Mutter eine gute Mutter war, dass sie Zeit für sich brauchte; dass sie ihre Ausbildung jetzt machte, nachdem sie diese durch die Geburt von Emmett und Linda aufgeben musste, da diese zwei nur ein Jahr Unterschied hatten. Aber wieso machte sie die nach über zehn Jahren? Wieso genau dann, als ich klein war und meine Mutter brauchte?

“Ay, Nana! Mach dir keine Sorgen, jetzt bin ich ja da. Mir gehts gut. Hör auf dir unnötige Sorgen zu machen!” Ich lächelte sie mit meinem strahlenden a la Swan-Lächeln, doch sie gab mir einen Klaps auf den nackten Oberarm. Sie fügte mir keinen Schmerz hinzu, dennoch rieb ich mir die getroffene Stelle. Ihre dunkle Haut kam zum Vorschein als sie ihr Gesicht zu mir richtete.

“Niña, lass mich dich mal sehen.” Ihr prüfender Blick glitt meinen Körper hinab und sie riss erschrocken die Augen auf, als ihr Blick auf mein verunstaltetes Kleid fiel. “Isabella, wurdest du vergewaltigt?” Der Ernst in ihrer Tonlage konnte kaum ignoriert werden.

“Neeeeeein?” sagte ich gedehnt und obwohl ich meine Stimme entschlossen und sicher klingen lassen wollte, scheiterte das und meine Antwort hörte sich viel mehr als eine Frage an.

“ISABELLA!” sie schrie mich an und fing an mich durchzuschütteln. “Sag mir, dass dir nicht wehgetan wurde. Bitte, Kind.” Ihre ergrauten Haare sahen auch etwas zerzaust aus, aber daran war ich wohl schuld, weil ich ihr große Sorgen bereitet hatte.

“Nein, nein, nein! Gott. Wie kommst du denn darauf?” Ich entfernte mich einen Schritt von ihr, um sie besser ansehen zu können.

“Gracias a Dios! Ich muss für alle meine Heiligen eine Kerze anzünden. Ich hab gebeten, dass die Schutzheiligen dich wieder heil nach Hause zurückbringen.” Ihr Englisch war wirklich nicht das beste, nicht einmal durch jahrelange Übung wurde es auch nicht besser, weil sie mehr Spanisch als Englisch sprach. Aber dafür liebte ich sie. Es war leichter für sie uns Spanisch beizubringen, als selbst Englisch zu lernen. Keiner regte sich deshalb auf. Wir wären entsetzt, wenn sie plötzlich nur Englisch sprechen würde. Bei der Erwähnung ihrer Heiligen musste ich lachen. Meine Nana -Spanisch für Nanny, so nannte ich sie, seit ich klein war- betete immer zu ihren Heiligen, was auch passierte. Sie verließ sich vollkommen darauf.

Ich blickte mich noch einmal um, versicherte mich, dass Dad oder Mum meine Weg nicht kreuzten.
“Ähm, wo sind die Herren des Hauses?” Tadelnd sah sie mich an, weil ich absichtlich 'Herren' sagte. Meine Mutter hatte meistens die Hosen an, deshalb stritten sich meine Eltern schon seitdem ich ein Baby war. Wahrscheinlich auch schon vorher.

“Deine Mutter liegt in ihrem Bett, weil sie ihre Migräne bekommen hat. Dein Dad sucht dich wahrscheinlich noch, denn er war völlig außer sich, als er nach Hause kam und du nicht da warst. Er hat gehofft, dich hier anzutreffen.” Ich verdrehte die Augen. Das war ja so typisch Dad. Er machte aus einer Mücke einen Elefanten. Wenn es um seine Familie ging, dann war er unberechenbar. Aber es war ja auch meine Schuld, dass ich meinen Eltern nicht beigebracht hatte, dass ich auch mal Zeit für mich brauchte.

“Ja, gut. Ruf Dad an, sag ihm, dass seine weggelaufene Tochter wieder heimgekehrt ist!” Ich gab ihr einen kleinen Kuss auf die verrunzelte Haut ihrer Wange. Trotz des Alters gab sich meine Nana nicht geschlagen und ließ dem Alter nicht nach. Sie war eine wahre Kämpferin. “Buenas noches!” murmelte ich in nicht-spanischem Akzent, aber sie verstand, dass ich ihr gute Nacht wünschte und lächelte mich besorgt an.

“Schlaf schön, Kleine!” Wie eine alte Oma ging ich die linke Treppe hinauf, die zu meinem Teil des Reiches führte. Da Emmett auf Tour war und sein Zimmer unbewohnt blieb, bis er zurückkehrte, gehörte mir allein der ganze Ostflügel. Er war ein bekannter Boxer und hielt sich derzeit in New York City auf. Linda? Tja, Linda wohnte jahrelang nicht mehr hier. Sie wohnte eigentlich nirgendwo und doch überall.






*







„Wer seine Träume verwirklichen will, muss erstmals aufwachen!“



Am nächsten Morgen -es hätte auch Nachmittag sein können- wurde sehr unsanft für meine Verhältnisse geweckt. Als die dicken Vorhänge aufgezogen wurden und das Sonnenlicht unnachgiebig und hartnäckig durch meine Augenlider strömte, hätte ich am liebsten aufgeschrien. Das hier war total absichtlich! Wenn dieser Menschenquäler hier- wer auch immer es sein mag- mich irritieren wollte und das an diesem hellen Tag, dann würde er nicht gewinnen. Ich entspannte mich wieder und drehte meinen Kopf auf die andere Seite, wo das Sonnenlicht mich nicht erreichte. Ich hörte ein Seufzen, das mir sehr weiblich erschien. Aber darauf achtete ich nicht, weil ich damit beschäftigt war, jeden schmerzenden Knochen und Muskel zu zählen und es waren viele. Als hätte ich einen Kater ohne Alkoholkonsum fühlte sich mein Körper an. In der letzten Nacht hatte ich mich einfach aus meinem Kleid geschält und war ins Bett gesprungen, deshalb fühlte ich mich in meiner roten Spitzenunterwäsche nun nackig. Wo das Kleid war? Sicherlich irgendwo auf dem Parkett meines riesigen Zimmers und die Clutch irgendwo daneben. Ich konnte sehr unordentlich sein, wenn man hinter mir nicht aufräumte. Beinahe wäre ich wieder eingeschlafen, als mir die Bettdecke entzogen wurde. Sofort war ich wieder hellwach und starrte die Person meines Unglücks an diesem Morgen an.

“Sieh mich nicht so an, das ist das Mindeste, das du nach dem gestrigen Abend verdient hast.” Wow, Renee war wütend. Ich musste näher hinsehen um mich davon zu überzeugen, dass meine Sicht nicht getäuscht wurde. Fast hätte ich gelacht. Das waren keine Vorurteile. Ich war kein Mensch, der sie so verurteilen würde, wenn es nicht so wäre. Wenn ich nicht Recht hätte. Und ich war mir sicher, dass sie all diese Zuneigung, die sie trotz allem bekam, nicht verdient hatte, nur weil sie mich zur Welt gebracht hatte. Das Muttersein bestand nicht daraus ein Wesen auf die Welt zu setzten und es irgendwo zurückzulassen, wo man annahm, dass es ihm gut ging.

“Fangen wir lieber nicht damit an, wer hier was verdient hat, Renee!” Ich krabbelte aus dem Bett, weil ich mir sicher war, dass Renee nicht aus dem Zimmer gehen würde, bis sie ihren Frust an mir ausgelassen hatte. Es war ein Teufelskreis, der sich immer wieder wiederholte. So vorhersehbar! Ohne Renee eines weiteren Blickes zu würdigen, schleppte ich mich ins abgegrenzte hochglanzpolierte Badezimmer, mit eigener Dusche, Badewanne und Ähnlichem. Natürlich folgte mir Renee, das war auch sehr vorhersehbar. Denn sie ließ nie nach, wenn sie etwas zu kritisieren hatte oder streiten wollte.

Ich wusch mir das Gesicht, spritzte mir absichtlich kaltes Wasser ins Gesicht, damit ich munter wurde.

“Weißt du eigentlich, wie viel wir wegen dir durchgemacht haben, Isabella?” Ihre kühle Stimme machte mich rasend vor Wut, aber ich betete um Zurückhaltung, ich schwöre es. Kurz schloss ich die Augen und unterdrückte einen Ausbruch. “Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Weißt du eigentlich wie spät dein Vater gestern nach Hause kam? Erst nachdem ihn Amy angerufen hat.” Sie stemmte ihre Hände in ihre Hüften und sah aus als würde sie für die berühmtesten Magazine posen, wäre da nicht dieser grimmige Ausdruck in ihrem Gesicht. Ihr beigefarbenes Kostüm passte ihr angegossen, aber es hätte mich auch gewundert, wenn es nicht so wäre. Ihre rotbraunen kurzen Haare waren gewellt und fielen ihr über die Schultern, bedeckten mit Not ihren Nacken, so kurz waren sie. Ich betrachtete Renee im Spiegel, sowie ich auch mich selbst sah. Ich sah schrecklich aus an diesem Morgen.

“Dein Vater ist stinkwütend auf dich. Ist nur eine Warnung! Aber für dich zählt meine Meinung sowieso Null, also sollte ich mir gar nicht die Mühe machen, dich zu warnen.” Sie sah sich in dem Spiegel vor mir an, richtete sich ihre Haare, die ohnehin schon perfekt gestylt waren, zurecht.“Eigentlich solltest du dich jetzt verteidigen, Isabella!” Sie sah mich mit einem unbekannten Ausdruck in ihren Augen an, zuckte dann jedoch die Schultern, als sie bemerkte, wie spät sie dran war. “Na ja, ich muss jetzt gehen. Wir reden wieder, wenn ich von der Arbeit zurückkehre.” Sie winkte mir und warf mir einen Luftkuss zu und verschwand danach. Mein angespannter Körper entspannte ein kleines Bisschen als Renee verschwand. Meine Finger jedoch blieben weiterhin in den Seiten des Waschbeckens festgekrallt, sodass meine Knöchel weiß hervortraten. Ich atmete zittrig ein und aus. Konnte es nicht verhindern ein kleines verzweifeltes Mädchen im Spiegel zu sehen. Eine traurige 6-Jährige, die sich nichts sehnlicher wünsche, als von ihrer Mutter in die Arme genommen zu werden, bis ihr Geruch sie benebelte und sie bereit war in den Armen ihrer Mutter einzuschlafen.

Doch die Realität sah viel grausamer aus.



*




Meine Hände zitterten, als ich an der Tür von Dads Arbeitszimmer klopfen musste. Er hatte mich hierhin bestellt. Er wollte mir ganz sicher in den Arsch treten wegen der letzten Nacht. Und ich hasste es. Ich hasste es mich entschieden zu haben etwas gegen Dads Willen zu tun. Er war der eine Mann im Leben eines Mädchens, zu dem man mit Stolz hinaufsah und sagte: „Das ist mein Dad und ich will ihn so stolz machen, wie nur möglich. Weil er immer für mich da war.“ Es war nur, was auch immer ich tat, schien nicht genug zu sein. Es schien ihm diesen traurigen Schleier vom seinem Blick nicht zu nehmen. Alles was ich ihm geben wollte, war ein ehrliches Lächeln und etwas Liebe zurück. Ich wollte ihm keine Sorgen bereiten. Aber letztendlich hatte ich das doch getan und es brach mir das Herz.

„Denk daran, dass du stark bist, Belli. Wir allein- gegen die ganze Welt, du erinnerst dich.“ Lindas sanfte Stimme zu hören, auch wenn es meine Einbildung war, gab mir zugleich Stärke und machte mich traurig zugleich.
„Aber warum bleibst du dann nicht bei mir?“
„Ich bin immer bei dir, Belli!“ Ich griff mir an die Wange, wo noch immer ihre sanfte Berührung brannte. Oh, Linda. Was machte ich nur hier ohne dich? Endlich traute ich mich zu klopfen. Als ich das Murmeln von Dad hörte, drehte ich langsam den Türknauf und trat hinein. Ich blickte mich um, als würde ich nach irgendeiner schlechten Überraschung suchen. Jedoch war alles, wie auch sonst hier: Die Vorhänge waren lang und weiß; die Wände in einem hellen Braunton gemalt; der Schreibtisch war groß und schwer, dahinter thronte Dad, der den Blick noch nicht auf mich gerichtet hatte; das alte Bücherregal breitete sich über zwei Wände aus und die zwei Sessel vor dem schweren Eichentisch waren mit grünem Stoff bezogen. Sonst gab es nicht viel in diesem Zimmer, außer einem Ledersofa, zwei Lampen, einen kleinen Fernseher, der auf einer Kommode stand und eine Unmenge an Dokumenten und Papieren auf Dads Schreibtisch. Ein leichter Hauch von altem Papier stand in der Luft und ich konnte mich nicht satt-atmen, weil ich diesen Geruch einfach liebte. Es war der Geruch von Ordnung. Von Ordnung im Leben. Von Ordnung in allem.

„Oh, Isabella! Du bist ja schon hier!“ Ich wandte meinen Blick an ihn. Eigentlich sah mein Dad gar nicht besorgt aus, was mich noch mehr beunruhigte. Er legte seine Lesebrille auf seinem Schreibtisch ab und sah von seinem Dokumenten komplett weg, lehnte sich in seinen Thronsessel zurück. Ich knabberte an meinen Lippen herum, biss sie mir fast blutig. Er und Emmett waren die wichtigsten Männer in meinem Leben. Deshalb war mir auch wichtig, dass ich sie nicht verletzte und auch nicht enttäuschte. Andere zu enttäuschen war mehr, als ich ertragen konnte.

„Setz dich!“ Eine einladende Geste folgte, mit der er mir verdeutlichte, dass ich mich auf einen der grünen Sessel setzten sollte und er keine Widersprüche duldete. Ich setzte mich also. Was für eine andere Wahl hatte ich denn? Unter dem Tisch fing ich an mit meinen Fingern zu spielen. Als er noch immer nichts sagte und mich beobachtete, wurde ich rot und fing an mit meinen Fingernägeln über meine dunkelblaue Jeans zu kratzen. Dort wo diese eingeschnitten war und Löcher hatte, ließ ich meine Finger hineingleiten und zog an ihnen, als wollte ich sie noch mehr ausdehnen.

„Du kannst dir sicher vorstellen, warum du hier bist?“ Dads autoritäre Stimme war mir schon bekannt, aber dass sie so kalt und unnahbar klingen konnte, war mir allerdings neu. Um aufzuhören die Löcher meiner coolen Jeans zu vergrößern, schob ich mir die Ärmel meines Longsleeves über die Hände. Plötzlich schüchtern geworden, wagte ich es kaum meinem Dad in die Augen zu sehen.

„Mhm!“ nuschelte ich zustimmend. Mein Dad nickte langsam, suchte sich eine bequemere Position in seinem Sessel und lehnte sich danach zurück.

„Isabella!“ seine Stimme war streng und sah mich durchdringend an.

„Dad!“ erwiderte ich und stützte mich mit meinen Ellenbogen auf seinem Schreibtisch ab.

„Ich rede jetzt, Isabella. Danach kannst du reden. Hast du mich verstanden?“ Ich nickte verdächtig und hörte brav zu, obwohl die Nervosität nur noch mehr zunahm. Mich durchfuhr ein Schaudern. Meine Augen fühlten sich so schwer an, so als wolle meine Seele weinen, mein Körper sich jedoch weigerte. Mein Körper hatte verlernt den Schmerz in Tränen zu bilden.

„Du weißt, was ich bin. Du weißt, welche Position ich in Washington D.C. habe. Wie groß mein Ansehen ist. Ich bin eine Respekt- und Autoritätsperson für viele meiner Anhänger. Das hier habe ich mir hart erarbeitet. Was würde es über mich aussagen, wenn meine Tochter plötzlich von einer Wohltätigkeitsgala verschwindet, sich versteckt und von Fremden nach Hause gefahren wird? Eine Tochter die auf ihre Eltern nicht hört, ist eine Scham, Isabella! Solche Skandale, wie die gestrigen, kann ich mir nicht erlauben, Isabella Du bist die Tochter eines Senators, also beiß die Zähne zusammen und verhalte dich wie eine Lady.“ Als ich nichts erwiderte, knallte er mit den Handflächen so fest auf den Tisch, dass ich zusammenzuckte.

„Hörst du mir zu, Isabella?“ Er war total angepisst, wenn er mich Isabella nannte, das wusste ich. Warum mir genau die Worte von Edward in die Gedanken kamen. Er verfolgte mich wie ein Geist. Das war nur seine Schuld. Hätte er mir nicht geholfen zu fliehen, dann würde ich mich besinnen. Wartet! Gab ich etwa Edward die Schuld, dass ICH von meinem Dad weggelaufen war? Ich saß so tief in der Scheiße.

„Ja, Sir!“ murmelte ich.

„Ich hab meinen Kindern ein erfülltes Leben erschaffen. Es gibt also keinen Grund, um wegzulaufen, Isabella. Du hast mehr in deinem Leben als mehrere Millionen Menschen, Isabella. Es ist Zeit, dass du das zu schätzen lernst.“ Mein Dad saß in seinem braunen Anzug gekleidet da. Seine perfekt zurück gekämmten, schwarzen Haare wagten es nicht unordentlich auszusehen. Solche Dinge erlaubte sich mein Vater nicht. Er war das beste Beispiel für Perfektion. Faulheit, Willenlosigkeit, Unordnung. Das waren Fremdwörter für ihn. Seine ganze Umgebung musste sich ihm anpassen. Denn wenn es darauf kam, Dad zu verändern, würde man nur scheitern. Charlie war so, wie ich ihn seit meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Entweder akzeptierte ich seine Anforderungen oder.....tja oder ich musste mit den Konsequenzen leben. „Ach ja, du hast Tanzstudiobetrittsverbot für eine gute Zeit. Des weiteren habe ich Amy befohlen dir den Schlüssel für den Tanzsaal oben nicht zu geben, wunder dich also nicht, wenn in den ersten Stock gehst und sich die Tür nicht öffnen lässt.“ Meine Kinnlade klappte hinunter und ich sah meinen Vater ungläubig an. „Übrigens, du besuchst deine Großmutter in New York vom 9. bis zum 11. September, damit sie nicht so allein ist.“ Ich biss mir so fest auf die Zunge, um nichts zu sagen, was diese verdiente Strafe verschlimmert hätte, also nickte ich brav.

„Natürlich, Dad. Alles was du willst!“ Ich stand benommen auf und ging träge bis zur Tür hin. Meine Gehirn wollte einfach nicht realisieren, was hier gerade lief. Es weigerte sich strikt dagegen. Aber Roboter-Bella übernahm die Führung.

„Isabella?“ rief er mir hinterher. Ich drehte mich nicht um, wartete jedoch auf seine Worte. „Wenn du ins Tanzstudio gehst, werde ich das wissen. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Ich verließ stumm den Raum und zog die Tür hinter mir zu.

Unfassbar! Einfach unglaublich, was sich hier abspielte.





*



In den nächsten Tagen verfiel ich wieder meinem eingeübten Verhalten: Dem Roboter-Bella-Verhalten. Ich verbrachte die meiste Zeit in der Bibliothek im Erdgeschoss, die sich am Ende des langen Flures befand und genoss dieselbe Aussicht, die mein Zimmer auch hatte. Mit dem Unterschied, dass mein Zimmer auf der anderen Hälfte des Hauses und im ersten Stock war. Viele verschiedene Blumen und Topfpflanzen zierten den Hintergarten. Ein kleiner Spielplatz deutete daraufhin, dass es einst Kinder in diesem Haus gegeben hatte. Die kleine einsame Schaukel und ein 2x2 Meter Sandkasten schienen etwas fehl am Platz zu sein. Ich wusste nicht, wann das letzte Kind hier gespielt hatte. Es war eine Ewigkeit her. Ich richtete meinen Blick wieder auf das Buch in meinen Händen, das meine Nana mir ausgeborgt hatte. 'Esperanza und die Heiligen' lautete der Titel und passte so perfekt zu meiner Nana. Die Geschichte in diesem Buch war traurig. Die Frau hat ihr kleines Mädchen verloren, doch sie will nicht akzeptieren, dass das Mädchen tatsächlich tot ist und beginnt ihre Tochter in ganz Mexiko zu suchen. Sie besucht verschiedene "Lusthäuser", weil sie beginnt zu denken, dass der Arzt, der ihre Tochter behandelt hatte, sie gekidnappt und dort hingebracht hat. Ihr Weg führt sie sogar nach L.A., wo sie ihre ganz große Liebe findet, einen Boxer. Ich klappte das Buch wieder hin, wollte das Ende noch nicht erfahren und legte das Buch auf den riesigen Eichentisch, um den die Sofas in der Bibliothek angelegt waren. Die Wände waren vollgelanden mit Büchern, sodass man ein ganzes Leben verbringen konnte, diese Bücher zu lesen. Wenn man sie nur zählen wollte, würde sich das zu einer Lebensaufgabe entwickeln. Hier gab es sogar eine verschiebbare Treppe damit man auch die Bücher ganz oben erreichen konnte. Das Speziellste war jedoch die Decke des Raumes, kuppelförmig und in einem Barockstil mit einer wunderbaren Deckenfreske. Das hier war mein Lieblingsraum in unserem Haus.

Schweigend verließ ich den Raum und schob mich in den langen Flur des rechten Hausflügels. Die Tür zum Hintergarten war geöffnet und durch die leichte Brise wurden die Vorhänge zur Seite geweht. Verschiedene Stimmen und lautes Lachen drang zu mir durch. Ich trat auf die Veranda, die unnötigerweise bei uns hinter dem Haus gebaut wurde. Ich wusste nicht, ob das Absicht oder ein Fehler war.

„Jess, hör doch damit auf!“ rief Angela lachend. Doch Jessica in ihrem pinken Bikini war hartnäckig und gemein, also spritzte sie Angela eine Ladung Wasser ins Gesicht. Angela, die auf der Liege lag und sich offensichtlich bräunte, schnappte erschrocken nach Luft. Jessica fing an hinterhältig zu lachen.

„Ich habe dich gewarnt, Ang. Du musst mich unterhalten, damit ich nicht zu einer kleinen Zicke werde!“ Jessica plantschte in unserem Pool, während Angela ihre Vouge noch mit einem Handtuch zu retten versuchte.

„Das kriegst du zurück, du Hexe!“ rief Angela drohend, ließ ihre Vouge auf der Liege und sprang in den Pool, um es Jessica heimzuzahlen. Ich beobachtete das kleine Schauspiel von der Veranda aus, lehnte mich an eine der vielen weißen Säulen, die im griechischen Stil gebaut wurden. Mir war kalt, selbst im heißesten Sommer. Die Kälte kam von innen und ließ sich nicht erwärmen. Dad wusste, wie er seinen Ultimatum stellte. Tanzstudioverbot und den Raum voller Spiegel, das ich für mich als häusliches Tanzstudio beansprucht hatte, durfte ich auch nicht betreten. Das Tanzen war meine größte Leidenschaft, es erwärmte mein Herz von innen und tat meinem Körper und meiner Seele gut. Es war etwas, das ich aufrichtig und ehrlich liebte. Das ich tat, weil ich es wirklich wollte. Nicht, um jemanden zufrieden zu stellen. Dad war toll, auch wenn es darum ging jemanden zu bestrafen. Er machte auch aus vollem Gange mit. Einfach unglaublich. Schrecklich.

Seit dem Tag an dem ich offiziell meine Strafe erhielt, verfiel ich der Schokolade vollständig. Ich war ein schlechter Verlierer. Ich war ein Mensch, der mit Kritik akzeptierte, der auf Verbesserungsvorschläge einging. Das Problem bestand darin, dass ich auch bei Dingen, die mir nicht gefielen voll dabei war, wenn ich versprach etwas zu tun. Ich hatte es zu meiner Hauptaufgabe im Leben gemacht, anderen einen Gefallen zu tun, andere zufrieden zu stellen. Ich wollte egoistisch sein. Nur an mich denken. Einfach Spaß haben, wie meine Freundinnen Angela und Jessica. Tatsächlich konnte ich keinen Spaß haben, wenn ich den Wunsch von jemanden anderen nicht erfüllt hatte. Ich hatte versucht, dieses Verhalten abzulegen. Aber es schien in einfach in meiner Natur zu sein.

Trotz des ganzen Schokoladenkonsums hatte ich überraschenderweise eine Bikinifigur, was anscheinend in der Familie lag, mit Emmett als Ausnahme, aber der Typ bestand auch beinahe vollständig aus Muskeln und konnte einen im Handumdrehen erwürgen. Warum musste er auch so lange fortbleiben? Geistesabwesend beobachtete ich meine Freundinnen, wie wohl sie sich in meinem Haus fühlten. Sie konnten schwimmen und lachen, miteinander herumalbern und ihr leichtes Leben genießen. Ich war nicht neidisch. Ich liebte sie beide, gönnte ihnen das vollkommen. Sauer war ich jedoch auf die höhere Macht, auf Gott, weil er das zuließ. Ich hatte an Gott geglaubt, weil meine Nana mit mir immer Gebete gesprochen hatte. Als Linda jedoch ging, hörte ich auf ihm zu vertrauen. Wenn er denn so mächtig war, so unausgesprochen stark und gerecht, warum ließ er zu, dass Linda einfach so ging? Warum tat er ausgerechnet mir das an?

Warum?



*






In der Woche danach -der letzten Woche vor dem Schulbeginn- begann ich unausstehlich zu werden. Alle gingen mir aus dem Weg. Nein, ich ging allen aus dem Weg. Ich konnte die Gesichter meiner Familienmitglieder einfach nicht ausstehen. Ich wollte aus dieser endlosen Routine heraus. Deshalb kam es auch gut, dass in einer Woche die Schule begann. Nach einem vertieften Gespräch mit meinen Eltern stellte sich heraus, dass sie doch verständnisvoll sein konnten. Mein Dad gab mir die Erlaubnis ohne Gorillas rauszugehen. Also startete ich einen Trip. Ich wollte diese letzte Woche so wenig wie möglich im Hause verbringen.

Am ersten Tag, es war ein Dienstag, war ich mit Angela zum Eisessen verabredet. Danach machten wir es uns im 'Lake Union Park' gemütlich. Plauderten, lachten und alberten herum. Sie sah mich verdächtig an, sagte aber in diesem Moment nichts. Angela war eine diskrete und freundliche Person. Ich kannte sie schon seit unserer Geburt. Wir lagen auf unserer Decke, die Richard, Dads alter knackiger Chauffeur mitgebracht hatte, als er uns hier absetzte. Die Sonnenstrahlen wurden am Lake Union gebrochen und zu uns reflektiert. Es war ein heißer, angenehmer Tag, aber richtig entspannen konnte ich nicht. Ich wusste nicht, was ich hatte, aber irgendetwas war falsch. Mein Dad, der mich nur mit Angela fortgeschickt hatte, das konnte wirklich kein Zufall sein. Es war nicht so, dass er Angela nicht vertraute. Wahrscheinlich traute er mehr ihr im Moment als mir. Aber das war auch für meinen Dad zuviel geschenktes Vertrauen, er hatte ganz sicher nicht von meiner Runaway-Aktion gelernt. Ich noch weniger. Damit hatte sich die Lage sogar nur noch mehr verschärft.

„Weißt du?“ fing Angela an, als ich mich auf meinen Arm drehte und sie ansah. Sie tat es mir gleich. Ich hob, neugierig wie ich war, eine Augenbraue hoch und sah sie fragend an. „Jessica hat sich so ziemlich verändert in letzter Zeit! Ist dir das nicht aufgefallen?“ Ich sah sie verwirrt an und setzte mich auf, legte meine Arme um meine Knie und setzte den Kopf auf ihnen ab.

„Nein!“ murmelte ich. „Wie kommst du darauf, dass sie sich verändert hat? Ich hab nichts Verdächtiges an ihr erkannt. Sie verhält sich doch ganz normal!“ Jedenfalls normaler als ich, dachte ich bitter. Angela setzte sich auf und nahm sich einen roten Apfel aus dem Picknickkorb.

„Na ja, hör zu!“ sie biss in den Apfel hinein und kaute genüsslich, schob sich ihre Sehbrille auf den Kopf und mit ihrer Sonnenbrille bedeckte sie ihre hellbraunen Augen, die viel heller als meine waren. Viel, viel heller.
„Das hier ist nicht Tratschen, du weißt ich hasse das, aber ich mache mir Sorgen um sie. Letztens als wir bei dir waren und du später im Garten dazugekommen bist, da hat sie mir erzählt, dass sie sich nachts, wenn ihre Eltern schlafen, aus dem Haus schleicht um sich mit einem Jungen zu treffen.“ Angela schloss kurz die Augen und öffnete diese wieder. „Ich meine es nicht böse, aber was ist das für ein Kerl, der von ihr verlangt so Etwas zu tun? Von ihrem Zuhause zu fliehen?“ Angela legte ihren Kopf schief. Ihre braunen Haare hatte sie fest im Nacken zu einem Zopf gebunden. Alle Menschen in meiner Umgebung waren so erschreckend perfekt. Ich weiß, ich wollte dieses Wort nicht mehr benutzen, aber ich fand kein besseres Wort, das dieser schrecklichen Erkenntnis gerecht werden konnte.

Wenn Angela wusste, was ich getan hatte, dann würde sie mir in den Arsch treten. Das war mein Ernst. Ihr Verhalten war tadellos. Sie hatte Dinge, welche sie sich erlaubte, aber sie wusste, wo ihre Grenze war. Solche Schwächen, die ich in letzter Zeit gezeigt hatte, erlaubte sie sich nie. Sie sagte immer, es wäre unter ihrer Würde.

Ich fuhr mir durch meine chaotische lange Mähne, die sich nie bändigen ließ und nahm eine Strähne meines hellbraunen Haares zwischen Zeige-und Mittelfinger, inspizierte die Spitzen, um zu entscheiden, wann ich wieder zum Friseur musste.

„Angela, wenn Jessica denkt, dass es okay ist, wenn sie sich mit ihm trifft, dann lass sie. Du kannst dir den Kopf und Kragen reden, aber sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Sowie wir alle. Denkst du nicht auch, dass sie diese kleine Freiheit verdient hat, wie wir auch?“ Als ich das aussprach, sah mich meine Freundin perplex an. Sie legte plötzlich ihre Hand auf meine Stirn und seufzte.

„Hallo?! Swan?! Bist du das?“ sie legte ihren angebissenen Apfel wieder in den Korb zurück. „Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin gemacht?“ Ihre Worte trafen mich unvorbereitet. „Bella, du warst doch immer die Vernünftige von uns. Was ist denn los, Süße?“ Sie strich mir über meinen Unterarm. Als ich nicht antwortete, nahm sie mich in den Arm und drückte mich sanft an sich. Ich klammerte mich an ihr und unterdrückte die Tränen, die sich von meinen Augen lösen wollten. Ich werde nicht weinen! Sie strich mir zärtlich über das Haar und löste sich anschließend von mir um mich anzusehen.

„Also, Süße?“ Warum musste sie auch immer erkennen, wann es mir schlecht geht? Ich fuhr mir durch das Haar. Ich war nicht bereit zu reden. Kein Wort schien meinen Mund verlassen zu wollen. Ich war mir sicher, dass ich stottern würde. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und zum Vorschein kamen zwei gold- bis hellbraune Augen, die mich sanft musterten.

„IchwerdeamneuntenSeptembernachNewYorkCityfliegenunddortdasWochenendeverbringen!“ nuschelte ich in meinem nichtvorhandenen Bart, meinen Blick richtete ich nur zögernd auf ihr Gesicht. Sie hatte die Augenbraue hochgehoben und sah mich fragend an, mit einem Lächeln auf ihren Zügen.

„Kannst du das nochmal wiederholen?“ Sie pustete los und ich schloss mich ihr an.

„Am neunten September fliege ich nach New York und werde das ganze Wochenende dort verbringen. Auch den elften September.“ Meine Kopfhaut begann zu prickeln und widerstand mich zu kratzen, wie ich es tat, wenn ich nervös war.

„Oh, Süße!“ Ihre Stimme nahm einen traurigen Unterton, den ich nur zu gut an ihr kannte. „Bella, hör auf traurig zu sein. Du steckst mich damit an. Süße, ich weiß, dass du jedes Jahr um diese Zeit total down bist, beinahe am Boden zerstört. Aber du musst irgendwo eine Kraft finden, die dich auf die Oberfläche hält, sonst tauchst du unter und das werde ich nicht zulassen. Bella, dieser Tag ist in die Geschichte eingegangen. Es ist ein Tag, den kein Amerikaner jemals vergessen wird. Das kannst du mir glauben.“ Sie versuchte mich aufzumuntern. Ich wusste das zu schätzen, aber meine Traurigkeit nahm noch zu, als ich bemerkte, dass ich ihr Sorgen bereitete.

Ihre Worte trösteten mich nicht. Viele Menschen haben am 11.September 2001 jemanden verloren und konnten auch jetzt -vier Jahre danach- keinen Frieden finden und einfach loslassen. Ich war Eine von ihnen. Diese endlose Leere, innere Unruhe und der dumpfe Schmerz waren mit nichts anderem zu vergleichen. Die Zeit heilte keine Wunden, das wusste ich.

„Bella!“ rief meine Freundin plötzlich schrill und aufgeregt. „Ich glaube wir wurden verfolgt!“ Ihr panischer Blick wanderte von mir zu einem Fleck hinter meinem Kopf. Eine unangenehme Kälte kroch meine Wirbelsäule hinauf. Ich fühlte wie mir jemand Löcher in den Rücken bohrte und wusste plötzlich, dass sie Recht hatte.







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„Das Leben schreibt die besten Geschichten!“








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"Freiheit ist, sich nicht entschuldigen zu müssen." © Im Auftrag des Teufels

„Wer seine Träume verwirklichen will, muss erstmal aufwachen!“ -Unbekannter Autor

„Das Leben schreibt die besten Geschichten!“- Isabella Swan, Mister Bodyguard

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Mi niña, ¿dónde has estado? Tu madre se ha convertido en casi una locura. Tu padre se ha ido a buscar te y llamo a la policia. = Mein Kind, wo bist du gewesen? Deine Mutter ist beinahe verrückt geworden. Dein Vater ist losgegangen um dich zu suchen und hat die Polizei informiert.
¿Dónde estabas? ¿Estás bien? ¿Alguien te lastimó? Pero abla niña! = Wo warst du? Geht es dir gut? Hat dich jemand verletzt? Rede, Kind!

Gracias a Dios = Gott sei Dank
Buenas noches = Gute Nacht
Niña = (weibliches) Kind, im Gegensatz dazu das männliche Kind: Niño
Nana = Nanny, Amme

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