Mittwoch, 7. März 2012

Chapter 9: Leave marks.....


Chapter 9:Leave marks.....






Bella Swan POV:




Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht. - Leo N. Tolstoi, Anna Karenina

~MB~



Als Edward auf die Toilette verschwand, drehten sich plötzlich beide Tratschtanten aufgeregt zu mir und sahen mich gespannt an.
„Na, habt ihr euch schon geküsst?“ rief seine Schwester und sah mich schelmisch grinsend an. Ich schüttelte beschämt den Kopf, tat das abermals. Es war mir unangenehm mein Privatleben vor seiner Schwester auszubreiten. Was hatte es sie schon zu interessieren? Aber diese Frage klang für jeden zynisch, der Alice Cullen kannte. Sie interessierte einfach alles und ich fragte mich, von wem sie das wohl geerbt hatte. Soweit ich Esme und Dr. Cullen einschätzen konnte, war keiner von den beiden ein neugieriges kleines Ding, wie ihre Tochter es zu sein schien. Sie erinnerte mich viel zu sehr an Tinkerbell mit ihrem stacheligen, kurzen Haaren, obwohl Alice dunkles Haar hatte und Tinkerbell blonde. In ihrer Aufregung rammte Alice ihren Ellbogen Rose in die Rippen, die Alice mit einem Mörderblick bereicherte.
„Sie haben sich nicht geküsst!!!! Kannst du das glauben?“ Rose rollte die Augen und begann zu lachen.
„Gott, Alice. Lässt du die zwei auch mal alleine über ihr Leben bestimmen? Jetzt tust du aber so als würdest du deinen dämlichen Bruder nicht kennen!“ Rose machte eine beschwichtigende Handbewegung, die mich in Aufruhr versetzte.
„Mein Bruder ist nicht dämlich, er ist nur......altmodisch....“ versuchte Alice vom eigentlichen Thema abzulenken. Ich grinste.
„Ja, toll! Ist das ein Code für irgendwas?“ Der Blick den Rose der verwirrten Alice zuwarf, war einfach unbezahlbar. Wäre es nicht zu unhöflich gewesen, dann hätte ich schon meine Beherrschung verloren und würde mir köstlich lachend den Bauch halten. Aber es ging ja hier um …...nun ja.......Edward! Ihr wisst schon, der Verrückte, der mir immer überall hinfolgte und mich mit einem zärtlichen Blick betrachtete, der mein Innerstes zum schmelzen brachte.
„Ja, er......er....ist schüchtern!“ Das war der Zeitpunkt als mir Rose eine Grimasse zeigte, die weit aufgerissene Augen und einen sperrangelweiten Mund beinhaltete. Sie konnte es nicht glauben, genauso wenig wie ich. Edward und schüchtern? Pahh!
„Nein, Alice. Er ist nur verliebt. Du kannst das Wort ruhig aussprechen, es wird dich nicht beißen, wenn du es einfach sagst. Du weißt schon, Dracula wird dich nicht besuchen und dich entführen, damit er dann mit dir Kinder zeugen kann und du bei der Geburt stirbst, oder so.....“ Alice blieb einige Minuten nachdenklich, als würde sie sich Sorgen um ihren Bruder machen.
„Du meinst, er liebt Bella?“ schrie sie dann lauter als beabsichtigt. Ich war sofort diejenige, die den Zeigefinger an meine Lippen führte um Alice zu verdeutlichen, dass sie einen kleinen Aufstand machte ohne es zu realisieren. Zu rebellieren lag ihnen wohl in der Familie. Ich musste grinsen als ich einen rebellierenden Edward vor meinem inneren Auge sah. Er war einfach viel zu sexy, wenn er sich aufregte. Andererseits konnte ich auch nicht glauben, was Rose da von sich gab.
„Neeeeeeeeeeeeein, natürlich nicht. Warum sollte er sie lieben? - Sicher liebt er sie! Wo lebst du denn, Mädchen?“ Rose verdrehte wieder die Augen, als wäre Alice ganz irre, weil sie es bis jetzt nicht gemerkt hatte, dass wir zwei uns liebten. „Gott, Alice, hast du auch nicht bemerkt, wie sie sich mit ihren Blick vernaschen? Na, da brauchst du aber eine Brille mit doppelter Dioptrie. Sag mal Alice, hattest du schon einen Freund oder rede ich hier mit lauter Anfängern?“ Okay, ja, man konnte mich auch einfach ignorieren. Es war ja nicht ich über die sie redeten. Nein!!! Wer vernaschte da wen mit dem Blick? Rose sah auch Spinnen, wo keine waren. Okay, vielleicht vernaschte ich ihn manchmal, aber das war seine eigene Schuld. Wieso musste er auch so gut aussehen?
„Ja.....ich hatte einen Freund......was tut das nun zur Sache? Reden wir hier nicht über meinen Lieblingsbruder?“ Das Rot auf Alice Wangen war wohl verräterisch genug, aber genau weil sie so natürlich war, machte sie das nur sympathischer.
„Alice, wir reden hier über deinen einzigen Bruder!“ Ich schmunzelte, wollte nicht unhöflich erscheinen, aber es war schwer sich hierbei zu beherrschen. Das Gespräch zwischen den beiden war einfach zu köstlich. Gespannt lehnte ich mich zurück in meinen gemütlichen Sitz, blickte auf Edwards Zeitung, die er unordentlich zusammengefaltet hatte, als wäre er in großer Eile gewesen, seine sexy RayBan-Lesebrille mit dickem, schwarzem Rahmen lag über der Zeitung. Mein Herz begann höher zu schlagen als ich mich erinnerte wie er in meine Erdbeere hineingebissen hatte. Er hatte nicht Nein gesagt, mich nicht abgelehnt oder schräg angesehen. Es fiel mir schwer zu glauben wie freundlich Edward und ich miteinander sein konnten, wenn wir wollten.
Alice und Rose quatschen aufgeregt miteinander, redeten über Alice Exfreund und Emmett, tauschten ihre Ängste und Sorgen aus und lachten über mangelnden Charme mancher Männer. Da hörte ich aber längst nicht mehr zu, meine Gedanken schweiften zu einer bestimmten Person ab, die mich fühlen ließ, als wäre ich eine Königin. Edward war so romantisch und so wahnsinnig sanft, dass ich manchmal glaubte, es stünde eine ganz unbekannte Person vor mir. Eine Person, die mich schier wahnsinnig machte; die in mir Gefühle weckte, die mir bisher verborgen waren. Ich hatte nicht das Problem des mangelnden Charme´s. Edward hatte sogar eine Menge Reserven davon.

Als ich an unseren Nachmittag dachte, fühlte ich wieder einen warmen Schauer über meinen Rücken rasen, es kribbelte heftig in meinem Bauch und meine Augen wurden schwer, weil das schon bekannte Gefühl mich wieder einnahm. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass es Liebe war, obwohl ich wusste, dass ich Edward brauchte. Ihn wollte ich nicht missen! Er fehlte mir schon jetzt, obwohl er nur kurz auf der Toilette war.

„Deshalb hat meine Mum gesagt, „Sie ist perfekt für ihn!“ und sowas wie: „Dein Bruder ist zum allerersten Mal verliebt!“, ich dachte mir einfach nichts dabei und glaubte meine Mum hätte einfach zu viel Kaffee zum Frühstück, aber nein, er ist ja wirklich verliebt und das ist nicht das schlimmste.......“ Ab da schaltete ich Alice wieder aus und erhob mich. Mir reichte es langsam, Edward einfach im Stillen anzuschmachten und so tun als wäre ich wütend, weil ich es nämlich nicht war, und ich würde es auch nicht sein, denn er war für mich das Wichtigste in diesem Moment; in den ganzen letzten Tagen, vielleicht sogar ab dem Zeitpunkt als ich ihn zum allerersten Mal in der Männertoilette aufspürte. Schon allein diese Berührung auf meiner Hüfte und meinen Rücken reichte aus um mich in eine Trance zu versetzten, die mich auf den Rausch meines Lebens vorbereitete. Und als er mir eine Zigarette anbot ohne mich zu verurteilen oder mir zu sagen, dass ich meinem eigenen Körper schadete, hatte ich mich innerlich gewundert wie wunderbar dieser Mensch doch war. Er war wichtig für mich. Und ich wäre ein Feigling, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich seine Liebe deutlich spürte. Sie in seinem liebevollen Blick sah und fühlte, wenn er mich beobachtete. Für mich würde er alles stehen und liegen lassen, das hatte er mir immer und immer wieder bewiesen. Ich hatte versucht die Gefühle in mir niederzukämpfen, sie zu ignorieren, aber sie waren einfach zu stark. Es war bereits zu spät, etwas zu leugnen, was schon hier war und sich wunderbar anfühlte.
Der ganze Tag war so geladen und elektrisiert, dass ich ständig auf etwas wartete. Als ich hörte, wie Alice sagte, Edward würde mich lieben, da rührte sich etwas in mir und ich entschied mich, dass ich etwas tun musste. Ihr wisst bereits über meine Faszination für Edward, aber das was ich fühlte war viel mehr, es entwickelte sich zu einer Schwäche, zu einer Sucht, die uns innerlich verzehrte. Also entschied ich......einfach einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Ich war Gefangene meiner eigenen Gefühle und es fühlte sich wunderbar an, einfach jegliche Zweifel über Bord zu werfen und nicht schauspielern zu müssen, dass man jemand anders war, der man eigentlich nicht sein wollte. Er akzeptierte mich so, wie ich war und ich ihn auch genauso wie er war. Ich wollte ihn gar nicht anders.

„Edward?“ fragte ich. Meine Hände waren plötzlich eiskalt und ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinab. Was wenn er nicht so fühlte wie ich denke, dass er fühlt?
„Ich bin hier drinnen!“ antwortete er irgendwie.....verwirrt? Ja, das traf es wohl am ehesten.
„Ja, das weiß ich.“ erwiderte ich, lachte über seine Verwirrung oder einfach wegen meiner eigenen Nervosität. „Lässt du mich rein?“ fragte ich so ruhig wie möglich, obwohl in meinem Inneren schon ein Sturm tobte. Als er schließlich zögernd die Tür aufschloss, grinste ich ihn breit und glücklich an. Seine Augen waren groß, sein Gesicht drückte Gefühle aus, die ich noch nie an ihm gesehen hatte und er sah mich unglaublich süß an.
„Be...“ setzte er an, aber ich ließ ihn verstummen als ich meinen Zeigefinger auf seine halbgeöffneten Lippen legte, seinen heißen Atem an eben diesem fühlte.

„Shhtt, mein Herz“ murmelte ich sanft. Obwohl ich diese Szene in meinem Kopf sehr oft abgespielt hatte, war dieser Moment einfach entwaffnend. Ich schloss die Toilettentür mit meinem Rücken, lehnte mich gegen diese kurz bis sie wirklich geschlossen war, dann wanderte meine Hand zu seinem Oberarm, tastete sich langsam aber sicher über sein Bizeps zu seinem Unterarm. Er überraschte mich, als seine Finger mein Haar kämmten und sein Daumen meine Wange liebkoste. Wir harmonierten perfekt miteinander, als ich meine beiden Arme um seinen Hals schlang und mich auf meine Zehenspitzen stellte - er war immerhin mindestens einen Kopf größer als ich - und er mich fest an sich gedrückt hielt.

„Willst du, dass ich dich küsse?“ hauchte er gegen meine Lippen, machte mich wahnsinnig alleine durch seine heisere Stimme, seinen Duft und seinen Atem, der mir entgegen schlug. Am liebsten hätte ich ganz heftig und verrückt genickt, aber er hätte mich für eine Psychopathin gehalten, also antwortete ich ihm einfach so vernünftig wie es zu diesem Zeitpunkt ging.
„Ich weiß nicht worauf du wartest!“ Aufgrund meiner Gedanken lächelte ich, krallte zwischenzeitig meine Finger in sein weiches wunderbares Haar.
„Wenn das so ist, Ma´am.“ er lächelte mein Lächeln. Dieses schiefe atemberaubende Lächeln, das mir weiche Knie verpasste und bescherte mir damit eine massive Gänsehaut. Verdammt gutaussehender Bastard! Ich machte mir Sorgen, weil er meinen Herzschlag wohl überdeutlich hören konnte, aber ich bildete mir ein seinen Herzschlag genauso laut zu hören. So hart wie sein Herz schlug, war es auch kein Wunder. Wir begannen uns gegenseitig zu necken, indem wir unsere Lippen zueinander und wieder voneinander weg führten. Ich hatte meine Augen die ganze Zeit über geschlossen, erst als er mich fest gegen seinen Körper drückte, lächelte ich ihn an und öffnete meine Augen. Den Blick, den er in meinen Augen sah, musste ihm wohl gereicht haben, denn er beugte seinen Kopf über mich. Seine Lippen schwebten über die meinen.

„Weißt du, was das Beste an einem Kuss ist, meine Bella?“ fragte er mich mit heiser Stimme. Ich fand nur die Kraft meinen Kopf zu schütteln, sonst nahm ich meine Umgebung gar nicht mehr wahr. Da waren nur noch er und ich. Und die ganze Welt schien still zu stehen, als wären sie Zeugen dieses zauberhaften Moments.
„Die Vorfreude, mein Leben...“ Mein Gehirn nahm irgendwie noch seine Worte wahr und die Tatsache, dass er mich ´sein Leben´ nannte - was mir zweifellos gefiel -,  bevor er mich küsste. Seine Finger umschlossen mein Kinn, er hob meinen Kopf an und ließ mich die Luft anhalten. Ich nahm einfach nichts anderes wahr als Edward Cullen aka Mister Bodyguard aka mein Herz aka mein König.... Die Liste war unendlich lang.

Seine Lippen bewegten sich fordernd und doch so sanft auf meinen. Meine Hände fuhren sanft durch sein Haar, verwoben die Finger damit und massierten seine Kopfhaut. In meinem Bauch rumorte es stark und laut, als wären dort alle Schmetterlinge - auch die von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte -, zum Leben erwacht. Dieser Kuss war so unbeschreiblich, das meine Gedanken einfach wie weggefegt waren und ich mich auf nichts anderes konzentrierte als ihn. Er war überall und ich fühlte mich ihm so unglaublich nahe wie in keinem Moment meines Lebens zuvor. Sein 3-Tage-Bart kratzte über die Haut meines Gesichts, als sich unsere Lippen langsam und gefühlvoll aufeinander bewegten, was mich wahnsinnig machte und ein Feuerwerk zwischen uns explodieren ließ. Zumindest glaubte ich ein Feuerwerk hinter meinen geschlossenen Lidern zu sehen. Mister Bodyguard raubte mir den Atem. Ihn so leidenschaftlich zu sehen, war einfach ein Erlebnis für jede Frau......aber diesmal war ich nicht nur irgendeine Frau. Ich war die Frau, die er küsste. Und ich war mir sicher, dass es überall auf mir kreuz und quer in Blockbuchstaben stand, wem ich mit Haut und Haar gehörte. Als seine linkte Hand in meinen Nacken wanderte, presste er mich gegen die Tür, verwob unsere Finger anschließend miteinander und hielt unsere Hände über unsere Köpfe gleiten. Dann nahm er meine Unterlippe zwischen die Zähne, knabberte sie an und leckte besänftigend mit seiner Zungenspitze darüber. Ich konnte von ihm nicht genug bekommen, von seinem Geschmack – er schmeckte irgendwie rau, aber dennoch so süß, nach Erdbeeren und Schokolade und Zigaretten.....alle drei Dinge, die ich mochte. Doch da war auch sein Eigenduft, der mene Sinne völlig vernebelte. Gefangen zwischen der Tür und seinen Muskeln, drückte ich meinen Körper gegen seinen und er stöhnte ihn meinen Mund, brach langsam den Kuss ab, lehnte aber seine Stirn gegen meine, so wie er es immer tat.

Einen kurzen Moment brauchten wir um zu Atem zu kommen, aber dann sah ich wie er seine Augen öffnete und mich aus dunklerem Blick als zuvor betrachtete, wobei sich einen zauberhaftes Lächeln auf seinen Lippen bildete, die von unserem Kuss rötlich schimmerten.

„Du hast mich geschafft, Mädchen!“ gespielt entrüstet über unsere gegenseitige Attacke sah er mich an, küsste schmunzelnd meine Stirn und ließ unsere miteinander verwobenen Hände langsam sinken. Ich fühlte die Röte in mir aufsteigen und machte Anstalten mich von ihm zu lösen, weil ich einfach nicht wusste, was in mich gefahren war, aber er verhinderte es und presste mich gegen seine Brust, küsste meinen Haaransatz und schlang seine Arme fest um mich. Genauso wie ich es brauchte.
„Edward, du......bist das beste, das mir jemals passiert ist.“ Ich schloss fest die Augen und nahm seinen berauschenden Duft in mich auf.
„Bella, bitte.....denk nicht, dass ich gut bin. Du weißt gar nicht, was für schreckliche Dinge ich getan habe und wie viele Fehler es in meinem Leben gab, die ich niemals wiedergutmachen kann. Du.....“ Seine Bescheidenheit war einfach bewundernswert und nach seinen Worten schaffte er nur, dass ich ihn mehr liebte.
„Ich weiß....Aber für mich bist du perfekt, Edward.“ Ich grinste als er das Gesicht wegen meiner Wortwahl verzog. Ehrlich gesagt, mochte ich dieses kleine Wort ´perfekt´ auch nicht wirklich, aber ich fand kein anderes Wort, mit dem ich beschreiben konnte, was Edward für mich war. Er war einfach alles für mich.
„Bella....“ sagte er mit einer honigsüßen Stimme aus der man Entzückung, Rührung und Bewunderung heraushören konnte. „Du bist jetzt mein Leben, kleines Mädchen. Meine Königin, mein Liebes.“ Er drückte seine sanften Lippen auf meine Stirn und ließ mich verliebt grinsen. Aber dann wurde sein Blick ernst und man sah ihm seine Zweifel und Ängste an.
„Bella wir müssen miteinander reden, Kleines. So kann das nicht mehr weitergehen!“ Er wandte den Blick von mir ab, sah schuldbewusst zur Seite und fuhr sich verzweifelt durch das Haar. „Es war sehr unprofessionell von mir dich zu küssen.“
„Dann lass uns zusammen unprofessionell sein.“ ich zwinkerte ihm zu und er lachte herzhaft.
„Was schlägst du vor, du kleines Biest?“ fragte er mich schief grinsend.
„Ich schlage vor, dass du mich jetzt küsst, Mister Bodyguard, dann sehen wir weiter....“ Er grinste mich wieder mit seinem atemberaubenden Lächeln an und küsste mich immer und immer wieder, bis ich endlich realisierte, dass ich ihn Wirklichkeit bisher einen Alptraum gelebt hatte. Die Liebe machte andere Menschen aus uns. Ich wusste nicht, ob ich deswegen lachen oder weinen sollte. Aber mir gefiel was wir hier hatten. Es gefiel mir sehr. Ich wollte in diesem Moment gar nicht darüber nachdenken, was am nächsten Morgen auf uns warten würde. Die Welt passierte an uns vorbei und hielt nicht für uns an. Für uns zwei reichten wir aus um glücklich zu sein. Liebe ist ein Gefühl, das man nicht gleich brechen und für nichts erklären konnte. Liebe war da, ob wir wollten oder nicht. Sie nahm uns ein, gab uns Glück und Leid, Unglück und Zuneigung. All das, was keinen Preis hatte und nicht zum Verkauf stand. Abgesehen davon, wer oder was wir waren. Edward Cullen und Isabella Swan. Wir waren einfach ein Mann und eine Frau, die sich liebten und einander brauchten. Heute. Morgen. Vielleicht auch länger. Vielleicht nicht.
















Kaum landeten wir um Mitternacht am J.F.K. - Airport, sahen wir schon vom Weiten Emmett in der Flugzeughalle auf uns warten. Schon so lange hatte ich meinen Bruder nicht mehr gesehen und jetzt war er einfach da und wartete auf mich. Er war ein Drittel des Ganzen, das wir einmal waren. Linda war nicht mehr da, aber wir waren es und mussten zusammenhalten, so gut es eben ging. Ich trug die braune Lederjacke meines Bodyguards, der insgeheim meine Hand hielt und so tat, als gäbe es nichts zwischen uns, damit wir nicht verdächtig aussahen, weil wir nicht wollten, das die anderen über uns erfuhren. Der Grund war einfach. Wenn man einen Senator als Vater hatte, war für einen nichts mehr leicht. Nicht einmal eine Beziehung öffentlich zu führen. Ich wollte die Presse aus meinem Leben raushalten. Wollte keine Skandale verursachen oder meinem Vater schaden, nur weil ich Edward liebte. Wir mussten einen Mittelweg finden, auf welchem wir niemanden verletzten und auch selbst keinen Schaden davontrugen. Alice und Rose ahnten nichts von den Ereignissen in der Flugzeugtoilette. Für sie war das alle irgendwie ein Spaß. Sie lachten und scherzten über Edward und mich, aber eigentlich hatten sie keinen blassen Schimmer, dass da etwas wirklich zwischen uns lief. Etwas Richtiges, Greifbares, das sie eigentlich erraten hätten, wenn sie nicht so sehr mit den Scherzen beschäftigt wären, die eigentlich voll und ganz stimmten. Die richtige Zeit würde kommen, wenn sie erfahren würden, wie Recht sie doch hatten mit allen ihren Vermutungen.

Das erste, das ich tat, als ich meinen Bruder sah, war Edwards Hand loszulassen und zu rennen. Ich hörte wie er meinen Namen schrie, doch Rosalie musste ihn aufgehalten haben, denn er rannte mir nicht hinterher.

Mein Bruder lächelte sein Mega-Watt-Lächeln und breitete die Arme aus, als er mich zu ihm rennen sah. Mein Herz wollte beinahe aus meiner Brust springen, weil dort ein Teil von Linda stand. Sie hatte mir so viele gute Dinge hinterlassen und Emmett war eines von ihnen. Ich vermisste ihn. Ständig.

„Emmett!“ rief ich und er rannte mir auch entgegen. Auf dem Mittelweg trafen wir uns, er schlang die Arme fest um meine Taille und wirbelte mich in der Luft herum. Meine Hände fanden den Weg zu seinen Wangen und ich lächelte ihn ebenfalls breit an. Dann ließ er mich beinahe auf gleicher Augenhöhe mit ihm sein, obwohl ich den Boden noch nicht berührte.
„Wenn das nicht meine kleine Bella ist!“ Schon wieder dieses breite Emmett-Grinsen. Als sich zwei Drittel des Ganzen wiedertrafen und ich das realisierte, begann ich unkontrolliert zu schluchzen. Linda hatte uns für immer verlassen!
„Awww! Nicht weinen, Schwesterchen. Ich bin ja da. Ist ja gut!“ Er ließ mich am Boden ab und schlang seine durchtrainierten Arme um mich herum, sprach mir tröstende Worte zu und fuhr mit einer Hand beruhigend über meinen Rücken. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, wischte mir die Tränen ab und wandte mich wieder meinem Bruder zu.
„Tut mir leid. Ich …...... hab dich nur vermisst.“ Schüchtern lächelte ich ihn an und er grinste, winkte ab und fuhr sich mit einer Hand durch seine dunkelbraunen Locken.
„Ich hab dich auch vermisst, Schwesterchen.“ Er legte seinen Arm um meine Schultern, führte mich langsam zu den anderen, die uns unseren Freiraum gaben, wofür ich ihnen sehr dankbar war.
„Emmett, warum hast du mich wortlos zurückgelassen? Warum?“ Vorsichtig sah ich ihn an. Meine Augenbraue wanderte fragend in die Höhe. Emmett schwieg zuerst. Er war ruhig und gelassen von außen, aber ich kannte ihn besser. Ich kannte meinen Bruder besser als jeder andere.
„Bella, können wir später darüber reden, wenn wir unter uns sind. Es dauert nicht mehr lange bis die Presse weiß, wo sie dich finden kann. Wir sollten lieber ganz schnell von hier verschwinden. Aber zuerst muss ich mein Mädchen begrüßen, wenn du keine Einwände hast.“ Ich schüttelte den Kopf und er küsste meine Stirn.
„Gut!“ er rieb sich aus Vorfreude die Handflächen aufeinander und grinste mich schelmisch an. Dann drehte er sich um und breitete die Arme für Rosalie aus, die mit langsamen Schritten auf ihn zuging, das blonde Haar zurückwarf und ihm flirtend zuzwinkerte bevor sie ihn erreichte. Ganz geduldig und geschmeidig ging Rose auf ihn zu, bevor sie die Beherrschung verlor, ihre Arme und Beine um meinen Bruder schlang und sein Gesicht in beiden Händen hielt, nur um ihn vor aller Mannschaft zu küssen. Dabei handelte sich wohl um den süßesten Kuss, den ich jemals gesehen hatte.







~MB~








Spät nach Mitternacht erreichten wir das Plaza-Hotel in Manhattan. Ich muss gestehen, dass sogar mir die Spucke wegblieb, als ich das riesige und königliche Hotel sah. All die Lichter, die es beleuchteten und ihm einen märchenhaften Schleier verliehen. Einfach unglaublich. Alice neben mir hatte den Mund weit aufgerissen und ihre Nasenspitze klebte am Seitenfenster der Limousine, die uns vom J.F.K abgeholt hatte. Speziell vom Plaza für uns geschickt. Das waren wohl die Vorteile, wenn man die Tochter des Senators von Amerika war. Man wurde in einer Limousine mit getönten Scheiben gefahren, wo man Champagner trinken konnte und sogar eine Glotze eingebaut worden war. Ich fühlte mich ganz und gar wie eine Königin, als ich das hohe Gebäude vor mir hatte. Doch es lag höchstwahrscheinlich an dem Mann neben mir, der mir immer wieder kleine Blicke zuwarf, wenn er sich unbeobachtet vorkam. Ein Page öffnete mir die Tür und half mir beim Aussteigen. Ganz wie aus einer anderen Welt. Nicht, dass ich das nicht zuvor erlebt hätte, aber das Hotel selbst verlieh der ganzen Umgebung einen Feen-Zauber und benebelte die Sinne der Menschen. Sowie meine Sinne auch benebelt waren. Als ich Alice sperrangelweit geöffneten Mund sah, wusste ich, dass ich nicht die Einzige war, die diese Gedanken hatte. Sogar Edward stand kurz vor dem Hotel, legte seine beiden Hände um Alice und mich und grinste.

„Willkommen in New York, Ladies!“ er zwinkerte mir zu und führte uns in das Hotel-Innere. Uns wurden Türen offengehalten, wir wurden freundlich begrüßt und nett angelächelt. Als mir zu guter Letzt der Hotelmanager entgegen kam, war ich komplett entwaffnet und starrte den Mann etwas überwältigt an. Er wusste sogar meinen Namen! Wie krass war das denn? Ja, mein Vater war der Senator, aber wieso kannten mich alle hier. In der Smaragdenstadt konnte ich die Menschen noch sehr gut austricksen, aber in New York schienen sie daran gewöhnt zu sein, berühmte Persönlichkeiten zu treffen. Nich, dass ich mich für besonders berühmt hielt. Nein!

„Miss Swan, Sie wissen nicht welche Ehre ihr Aufenthalt in unserem Hotel für uns darstellt. Eine so junge, talentierte Frau bei uns zu haben, ist einfach eine Bereicherung für das Plaza und auch für New York.“ Verträumt lächelnd sahen mich die Angestellten an, beneideten mich um meine Position, was ich teils verstand, aber teils nervte es mich. Ein Mensch war nicht nur auf das zu reduzieren, was er tat, welche Nationalität er hatte oder ob er reich oder arm war.

„Genauso ist es eine Ehre für mich hier zu sein, Mr. ...“ schnell warf ich einen Blick auf sein Schildchen auf der rechten Brustseite. „Bright!“

„Sollten ihrerseits noch Fragen bestehen, stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.“ Der ältere Herr, dessen Haare beinahe vollständig ausgefallen waren, lächelte mich mit einem breiten großvaterhaftem Grinsen an. Ich mochte ihn auf Anhieb.

„Darauf können Sie sich verlassen. Wenn es Sie nicht stört, würden wir gern auf unser Zimmer gehen.“ sagte ich entschuldigend, er machte mit der Hand die Geste, mit der er mir deutete, dass ich ruhig gehen konnte.

„Ihr Gepäck wird von unseren Pagen in die Suite gebracht.“ benachrichtigte mich die Empfangsdame, strich ihr dunkelbraunes Haar zurück und warf suspekte Blicke zwischen Edward und mir. Irritiert sah ich sie an und hob meine Augenbraue in die Höhe.
„Miss Swan, werden ihre Angestellten in ihrer Suite bleiben, oder soll ich schnell checken, ob wir etwas Adäquates für sie finden?“ Allein schon ihre Tonlage ließ mich irritiert schaudern. Ich konnte es nicht fassen, dass sie versuchte meine Freunde so respektlos zu behandeln. In meinem Inneren sammelte sich schon das Lava, welches ich wie ein Feuer speibender Drache auf sie versprühen würde.
„´Meine Freunde´ bleiben bei mir, machen Sie sich keine Sorgen. Sollten wir etwas wünschen, werden wir nicht zögern Sie zu benachrichtigen.“ Mit einem verfälschten Grinsen machte ich mich auf dem Weg zum Aufzug. So war es in meiner Welt, sie behandelten dich wie Dreck, manche offensichtlich, andere hinterhältig, doch das Einzige, was du tun kannst, ist zu lächeln und sie in Gedanken zurückzuschimpfen. Erleichtert atmete ich durch, als sich die Aufzugtüren hinter uns schlossen und wir in den 13 Stockwerk befördert wurden.
„Bella, ich hätte auch ein kleines Motel in der Nähe finden können, damit du deine Ruhe hast.“ Entsetzt drehte ich mich zu Alice und sah sie entschlossen an. „Nein, Alice. Du bist mein Gast, du wirst bei mir in der Suite bleiben. Außerdem hat sie zwei King Size Betten, die einfach nur fantastisch sind.“ Enthusiastisch lächelte ich sie an und sie ließ es sich nicht nehmen, einfach mal aufgeregt zu sein, weil sie im schönsten und märchenhaftesten Hotel in New York war. Ich grinste und Edward schüttelte den Kopf, weil seine Schwester anfing auf und ab zu hüpfen.
„Aw, ich freue mich sooooo!“ kreischte sie. Was würde sie machen, wenn sie erstmals die Suite von innen sah?

Als wir vor der Suite 1340 standen und Edward die Chipkarte in das Lesegerät steckte, sprang die Tür mit einem Ruck auf. Das erste, das ich sah war der hochglanzpolierte Parkettboden. Die teuren Vasen, die auf einzelgefertigten Kommoden standen, waren denen sehr ähnlich, die meine Mutter zuhause hatte. Die Wände waren hoch und eierschalenfarben, mit berühmten Malereien auf ihnen. Sofort zog ich mir meine Schuhe aus, als ich diesen makellosen Boden unter meinen Füßen hatte. Er fühlte sich kühl und nach diesem langen Flug einfach nur angenehm an. Als wir den Wohnbereich betraten, staunte Alice und schlug beide Hände vor ihren Mund. Sie ließ einen Schrei aus und begann unaufhörlich ´Oh mein Gott´ zu rufen.

„Ed, hast du das gesehen?“ fragte sie ihren Bruder, der sich ebenfalls im langen Flur die Schuhe und Socken ausgezogen hatte. Es gab etwas an seinen nackten Füßen, das mich ablenkte und gleichzeitig wahnsinnig machte.
„Was ist denn, Tinkerbell?“ stellte er die Gegenfrage. Er war sichtlich genervt und ich fühlte, als würde er mir die Schuld dafür geben. Er hatte mich zwar ins Hotel geführt, die Hand um meine Schultern gelegt, aber das hatte doch nichts zu bedeuten, genauso wenig wie unserer Kuss. Menschen küssten sich, weil ihnen danach war. Ich hatte mir eingebildet, dass Edward mich liebte, weil es meiner Wunschvorstellung entsprach. Allein schon den Gedanken an diesem Kuss nachzuhängen, ließ mich wie ein kleines zierliches Tier schaudern. Konnten Tiere überhaupt schaudern? Ich fühlte, wie ich die Stirn runzelte, als mir Alice lachend um den Hals fiel und eins ihrer gedehnten `danke` zuhauchte.

„Ich weiß nicht, was ich getan habe, aber gern geschehen, Alice!“ antwortete ich, zog Edwards Lederjacke aus und legte sie auf der Rückenlehne des Zweiersofas ab. Dann begab ich mich auf der Suche nach unseren Schlafzimmern. Eine riesige Holzdoppeltür lag bereits an der gegenüberliegenden Wand und ich drehte gespannt den Knauf, betrat das Zimmer, welches gehüllt in weißen Laken eher wie ein Zimmer für frisch Vermählte aussah. Mein Kopf wanderte interessiert zur linken Hälfte des Zimmers, wo ein kleiner Einzelsessel stand mit einem Hocker davor, zwei riesige Fenster mit gepolsterten Fensterbrettern, um gemütlich drauf sitzen zu können. Eine lange silberne Lampe reichte vom Boden bis über dem kleinen Einzelsessel, so vorgeplant, dass sie beim Lesen die Buchstaben erleuchtete. Mein Gefühl sagte mir, dass etwas fehlte. Als ich meinen Kopf wieder der rechten Hälfte zuwandte, sah ich wieder eine Doppeltür, die nicht so edel geschmückt und verziert war, wie die vorige, aber dennoch war sie in einem dunklen Braun lackiert, was einen den Drang verspüren ließ, mit den Fingern über den Lack zu kratzen.

„Edward, sieh dir das an, hier gibt es eine Minibar mit vielen verschiedenen Getränken und die Gläser hängen hier an diesem Ding. W-O-W, einfach Wow. Warte, ich muss Rose anrufen und sehen, ob Emmett und sie schon in Brooklyn angekommen sind.“ Das war Alice. Mir gefiel es sie glücklich zu sehen, weil sie dann über das ganze Gesicht strahlte und obwohl Edward vorgab, dass ihn Alice nervte, wusste ich, dass er sie sehr liebte. Als ich die dunkelbraun lackierte Doppeltür aufriss und sah, dass es dabei um einen riesigen Kleiderschrank handelte, seufzte ich enttäuscht.

„Bella!“ hörte ich nahe an meinem Ohr und sprang erschreckt zur Seite. Dann drehte ich mich zu Edward, der mich mit gerunzelter Stirn irritiert ansah. „Habe ich dich erschreckt?“ Die Hand, die ich erschreckt an mein Herz gelegt hatte, war wohl Beweis genug.

„Ist irgendwas los, Edward?“ fragte ich ihn und schüttelte dann meinen Kopf, um seine Frage zu beantworten. Natürlich  log ich und würde niemals zugeben, dass er mich erschreckt hat. Aber ich war stark, meistens jedenfalls. Er raufte sich das Haar, rieb sich mit seiner Faust über die rechte Wange, die sein 3-Tage-Bart zierte. Wie gebannt starrte ich darauf. Als es zu offensichtlich wurde, was meine Augen fixierten, lächelte Edward, schüttelte dann jedoch den Kopf und begann zu reden. „Ich dachte, es wäre besser, wenn ich Alice zu Jasper schicke. Seine Wohnung ist groß, dort könnte sie bleiben. Dann kannst du in Ruhe hier schlafen und ich dort auf dem Sofa.“ Gedanken verloren wanderten seine Augen zum Bett, an dessen vier Ecken weiße Vorhänge angebunden waren und einfach nur traumhaft aussahen. Für einen Moment dachte ich, dass Edward mich hier allein für sich haben wollte, aber dann sah ich in seine Augen. Er sah gequält aus, als würde er sich viele Gedanken über etwas machen, das uns beide betraf.

„Das musst du nicht tun. Alice kann mit mir hier schlafen.“ Eigentlich wollte ich ihm sagen, er solle hier bei mir bleiben. „Ich dachte, die Suite hätte noch ein weiteres Zimmer, das Alice dann für sich beanspruchen könnte.“ Ich sah ihn entschuldigend an. Einen kleinen Schritt machte ich auf ihn zu. Doch er ging einen zurück. Also blieb ich dann stehen.

„Edward,....“ seufzte ich schweren Herzens und sah ihn traurig an. „Ich weiß, dass das was passiert ist....“ Sollte ich mich entschuldigen? War es meine Schuld? Ging es ihm überhaupt darum, wer die Schuld trug?
„War in diesem Moment unglaublich, Bella. Aber unseretwillen sollte sich das nicht wiederholen. Du würdest leiden. Ich würde leiden. Du und ich, das kann niemals sein. Verstehe es, bitte!“ Bevor ich lachen oder weinen konnte, stürmte er aus dem Zimmer und ich setzte mich geschockt auf die Bettkante, griff mit zwei Fingern nach meinen Lippen, fühlte seinen leidenschaftlichen Kuss wieder an meinen Lippen. Ich hatte versucht mir einzureden, dass ich ihn nicht liebte. Sagte, er würde mir nichts bedeuten, weil er für meinen Vater arbeitete und mein Dad ihm verboten hatte, etwas mit mir anzufangen. Das wäre unprofessionell von ihm. Von uns beiden. Soweit ich wusste, hatte Edward nie viel Glück in seinem Leben gehabt und zum Teil war meine Familie daran schuld. Ich musste ihm also diesmal seine Chance lassen, einfach alles richtig zu tun. Ich durfte sein Leben nicht zerstören.

Langsam stand ich auf, ging geschmeidig in das Wohnzimmer, schleppte mich zum Glastischchen, wo eine ungeöffnete Jack Daniels Flasche stand. Ich hatte nie viel Alkohol getrunken. Ein Glas Champagner oder Martini auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und das war es auch gewesen. Aber diesmal muss ich mich auf Beinen halten. Ich durfte dem brechenden Gefühl in meinem Herzen nicht nachgeben. Edward und ich durften nicht sein. Dieser Gedanke war herzbrecherisch. Warum hatte er dann über seine Gefühle gesprochen, mir sein Herz offenbart? Als ich das Glas anhob und den ersten großen Schluck trank, brannte es entsetzlich in meiner Kehle, doch ich starrte nur gebannt auf die Mustern des Perser-Teppiches. Es verging eine Weile, in der ich Stimmen um mich herum hörte, sie aber gekonnt ignorierte.

„Bella!“ Zu meiner Enttäuschung war es diesmal Alice, die mich ansprach und sanft an meiner Schulter rüttelte. „Was ist denn los mit dir, dass du um Mitternacht Whisky trinkst?“ fragte sie mich und sah mich aus ihren grünen Augen an. Oh, Edward........ Ich werde seine grünen Augen ansehen, aber niemals mehr darin versinken dürfen. Seinen kirschfarbenen, sanften Lippen beim Sprechen zusehen, sie aber niemals mehr kosten.

„Es ist nichts, Alice. Mach dir keine Sorgen. Ich habe Schlimmeres durchgemacht.“ Ermutigend lächelte ich sie an. Ich nahm die Flasche Jack Daniel´s mit ins Schlafzimmer, riss mir mein Sommerkleid vom Leibe und legte mich flach aufs  Bett, die Decke bis zur Nasenspitze über mich gezogen. Alice kam mir, wie erwartet, nach, sah mich aus ihren traurigen Augen an, zog sich ihre Pyjamas an und legte sich auf ihre Hälfte des großen Bettes.

„Bella, es ist Edward, oder? Mein Bruder weiß, wie man jemanden das Herz bricht. Ich sollte das besser wissen, als jeder andere. Er ist so oft weggegangen, hat Mum und mich zurückgelassen und Dad wütend gemacht. Das heißt nicht, dass er verantwortungslos ist, aber er mag es einfach nicht, wenn ihm alles zu viel wird. Dann braucht er einfach eine Auszeit.“ Alice stützte sich auf ihren Ellenbogen und sah zu mir. Ich fühlte ihren Blick sehr deutlich. „Wenn es eine Frau gibt, die er mehr liebt als sein eigenes Leben, dann bist du das.“ Als sie das sagte, erntete sie einen entsetzten Blick von mir. „Ja, wirklich. Mein Bruder hat noch nie eine Frau so angesehen, als würde er sie am liebsten packen und vor der ganzen Welt beschützen. Du siehst das vielleicht nicht, weil du ihn selbst so verliebt ansiehst. Aber er liebt dich, wie keine zuvor. Du bist seine erste Liebe, Bella, und er schwor sich, dass er die Frau, die er eines Tages lieben würde, vor jedem und allem zu beschützen. Ich möchte vorweg schon sagen, dass ich deinen Dad respektiere, für all die guten Taten. Für das ganze Geld, das er auf Veranstaltungen für Krebskranke gesammelt hat, um ihnen ihre Chemotherapie zu ermöglichen. Das ist eine von der Menge guten Taten deines Vaters, Bella. Aber wir Menschen sind nicht einseitig. Wir haben auch unsere schlechten Taten und eine dieser schlechten Taten deines Vaters, war es wohl meinem Bruder das Leben schwer zu machen. Wahrscheinlich hatte dein Vater damals sogar Recht, als er sagte, Edward wäre kein guter Umgang für deine Schwester. Sie war Jahrgangsbeste und mein Bruder ein Problemkind, weil er Lehrern mitten ins Gesicht sagte, dass sie ihn hassten und ihn deshalb nachsitzen ließen oder anders bestraften. Aber deine Schwester und mein Bruder hatten in der Schule ein Projekt zusammen, damals waren sie noch in der Junior High School und lernten sich kennen. Seitdem waren sie unzertrennlich.“ Alice rutschte näher an mich heran, suchte unter der Decke nach meiner Hand, als sie sie fand, nahm sie diese in ihre und drückte sie.

„Edward hat mir erzählt, dass er mit Linda befreundet war.“ murmelte ich in Alice´ Richtung.
„Aber er erzählt niemandem, was er mit Linda alles erlebt hat, Bella. Linda hat ihn vor den Lehrern in Schutz genommen, im Gegenzug hat er sie vor allen männlichen Schülern beschützt. Ich kann mich erinnern, als ich noch etwas jünger war und Edward mit Linda in der Junior High ging, da hat er ein Mädchen geohrfeigt, weil sie deine Schwester gestoßen und diese sich die Hand geprellt hat.“ Alice grinste und ich tat es ihr gleich. Ich erinnerte mich, dass er Tom fast erwürgt hätte, weil er dachte, dass dieser mir schaden wollte.

„Mein Bruder ist so herzensgut, aber er ist dumm. Meistens jedenfalls!“ Mein Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
„Nein, wirklich. Anstatt das festzuhalten, was er liebt.“ Als sie sich in Rage redete, drückte sie meine Hand kräftiger und machte ein irrwitziges Gesicht, um ihren Ärger gegen Edward auszudrücken. „Drückt er es einfach von sich weg. Klar, er weiß, dass Senator Swan ihm die Hölle heiß machen würde, wenn du und er eine Beziehung aufbauen würdet, aber ihr müsst es nicht an die große Glocke hängen. Ihr könnt euch einfach im Geheimen lieben!“ Alice lehnte sich in ihrem Kissen zurück und gähnte.

„Bella, ich habe dich sehr gern und würde wollen, dass du meinen Bruder zur Vernunft bringst. Du darfst ihn nicht aufgeben. Er braucht dich! Obwohl ich dir jetzt die ganze Lebensgeschichte von Edward erzählen würde, bin ich unglaublich müde und muss ein Nickerchen halten. Sei mir nicht böse, Bella.“ nuschelte sie süß in meine Richtung. Ich drückte ihre Hand und lächelte sie an.

„Danke, Alice. Wenn du nicht hier wärst, würden dein Bruder und ich uns gegenseitig umbringen.“ Ich lächelte traurig und sie schüttelte vehement ihren Kopf.
„Würdet ihr nicht, weil ihr euch liebt.“

Wir hatten Gefühle füreinander, aber Liebe? Liebe war doch nicht so einfach. Um sich zu lieben, musste man sich gegenseitig gut kennen, wissen was der andere in jedem Moment denkt und warum er etwas tut. Bei Edward und mir war es leider nicht so. Diese Gefühle, die wir für einander hatten, waren nicht stark genug, um auch nur ein Unglück mehr auszuhalten. Wir schafften es nicht einmal 24 Stunden ohne uns zu hassen, zu beschimpfen und Schluss machen, obwohl wir gar nicht zusammen waren. Edward und ich, das durfte wirklich niemals sein. Er war mein Bodyguard und Angestellter meines Vaters. Wir mussten professionell handeln und die Gefühle vergessen, die wir füreinander hegten.


Wir haben keine andere Wahl.







~MB~








Am nächsten Morgen, - es war unglaublich früh für meine Verhältnisse - , schrubbte ich mir schon sehr fleißig die Zähne, wusch mir das Gesicht, bürstete mein Haar durch und sprühte meinen Lieblingsparfüm >>Femme<< von Jean Paul Gaultier auf meinen Hals und Handgelenke. Danach wanderte ich wieder ins Schlafzimmer, nahm mir meinen Morgenmantel aus dem edlen Kleiderschrank und ging geschmeidig in den Wohnbereich. Bisher war ich mir nicht im Klaren, wie viel Macht und Reichtum mein Vater hatte, dass ich eine wahre Prinzessin war, gar eine Königin, wie Edward mich nannte.

Ich war keine arme reiche Tochter eines Senators. Ich war nicht wirklich unglücklich. Ich war auch nicht gebrochen. Ich war richtig wütend, auf Linda, weil sie mich in diesem Chaos zurückgelassen hatte. Sie hatte mir nie erzählt, welche Probleme sie hatte, obwohl ich viel jünger war als sie, hätte ich es verstanden und vielleicht eine Lösung suchen können. Es wäre niemals so weit gekommen. Nun wachte ich auf und bemerkte, dass ich mein halbes Leben verschlafen hatte. Jetzt war es an der Zeit endlich anzufangen richtig zu leben.

Punkt eins: Ich musste dringen mit Cullen reden. - Ich vermied es ihn Edward zu nennen, damit ich ja nichts mehr Privates für ihn empfand. So distanzierte ich mich von meinen Gefühlen und handelte viel vernünftiger. Wollte ich zumindest hoffen, dass ich vernünftiger handeln kann.

Über Punkt zwei war ich mir noch nicht im Klaren, aber bald würde ich herausfinden, was nach Punkt eins auf der To-Do-Liste stehen sollte.

Als ich am Sofa – auf dem mich ein schlafender Edward erwartete, einem Engel gleich - vorbeiging, schaffte ich es beinahe ihn völlig zu ignorieren, aber im letzten Moment drehte ich meinen Kopf um und sah wie er seinen Kissen mit beiden Armen umschlungen hielt. Ich wünschte, ich wäre dieses Kissen in diesem Moment.

Danach begab ich mich – wie ein gutes amerikanisches Mädchen, welches ich auch war – in die Küche um Kaffee zu kochen. Ich persönlich liebte keinen Kaffee, aber Edw...... Cullen trank ihn für sein Leben gern und Alice auch, sonst wäre sie wohl kaum so aufgedreht und den ganzen Tag über so gut gelaunt. Ich traf nötige Vorbereitungen, schaltete die Kaffeemaschine ein. Danach streckte ich mich um aus dem obersten Schrank zwei Tassen und Untertassen zu holen, nur der Schrank war zu hoch – ich schloss sofort die Möglichkeit aus, dass ich zu klein war - , versuchte es auf eine andere Art, indem ich eine Hand auf dem Tresen abstützte und die andere hoch in die Luft ausstreckte.

„Verfluchter Mist, das kann jetzt wohl nicht wahr sein!“ In Gedanken stampfte ich sogar auf und ärgerte mich über diesen doofen Schrank.
„Guten Morgen, Bella!“ Aww, diese Stimme. Ich schloss die Augen und saugte sie tief ein, vergaß ein bisschen zu atmen, zuckte danach die Schultern und warf ihm einen zuckersüßen Blick über die Schultern.
„Guten Morgen, Edward. Hast du gut geschlafen?“ Er sollte sehen, wie es ist, wenn man freundlich zu ihm war. Das hieß, nur freundlich, nicht anbetend oder vergötternd, sondern nur freundlich. Sogar meine Oma könnte freundlich zu ihm sein. Es machte also keinen Unterschied, ob ich oder jemand anderer zu ihm freundlich war. Zumindest sollte es laut meinem Plan keinen Unterschied machen. Dieser Plan war nicht völlig durchdacht, aber ich war mir sicher, dass er funktionieren würde.
„Wie ein Baby.“ nuschelte er leise an meinem Ohr und ich schauderte sofort unglaublich, zwang mein Herz nicht laut und schnell zu schlagen, sich zusammenzureißen und sich nicht schmerzhaft zusammenzuziehen, wenn er da war, ich ihn aber nicht haben durfte. Er brauchte sich nicht einmal zu strecken, schaffte es ohne zu zögern mir eine Tasse zu reichen und grinste mich schief an, als ich ihn schmachtend ansah.
„Noch eine, bitte!“ Ich versuchte ihn nicht anzusehen und schaffte es auch, weil ich mich auf die lila Orchideen hinter Edwards Rücken konzentrierte. Als er mir auch diese reichte, bedankte ich mich freundlich und versuchte die Wärme, die er ausstrahlte einfach zu ignorieren. Seinen betörenden Duft und seine Nähe, die mich verrückt machten, ebenso.

„Nach dem Frühstück werde ich zu meiner Granny fahren, sie lebt in New Jersey.“ teilte ich ihm ungezwungen mit.
„New Jersey ist 40 Minuten von hier weg.“ kommentierte er auf die Art eines Klugscheißers, der er auch war.
„Hast du ein verdammtes Problem damit?“ rief ich aufgebracht, pustete mir eine lästige Strähne aus dem Gesicht und sah ihn zornig an.
„Ich sorge nur für deine Sicherheit, mir kann es egal sein, wo du hinfährst und mit wem du dich triffst. Ich bin nur ein Angestellter deines Vaters, mehr nicht.“ Bullshit......Bullshit, verdammter Bullshit. Bist du nicht! Du bist der Mann, den ich liebe, wollte ich sagen. Aber ich war so wütend auf ihn, dass ich nichts zustande brachte außer meine Zähne hart aufeinander zu pressen und ihn wütend anzusehen. Ihm eine Grippe an den Hals zu wünschen, die ihn bettlägrig machen würde, damit ich ihn dann pflegen konnte. Edward war nur auszuhalten, wenn er schlief. Professionell bleiben, Bella. Du musst professionell bleiben!, redete ich mir ein.
„Gut, dass wir uns einig sind.“ sagte ich stattdessen und goss ihm die siedende schwarze Brühe in die weiße Porzellantasse. Gab einen Schuss Milch dazu und zwei Würfel Zucker, dann stellte ich ihm die Tasse auf den Tresen und ging ins Schlafzimmer um mich anzuziehen. Ich wusste, wie er seinen Kaffee mochte. Insgeheim fühlte ich mich so unglaublich stolz auf mich, weil ich wusste wie er seinen Kaffee trank. Das kam daher, dass er mir nie etwas über sich selbst erzählte.

Wir schafften es nicht. Wir schafften es einfach nicht, miteinander auszukommen ohne uns zu beschimpfen, die zerfetzende Wut am anderen auszulassen, weil wir hin und her gerissen waren. Ich war hin und her gerissen, weil ich nicht wusste, was mein Wunsch und was meine Pflicht war. Nun fühlte ich mich, als hätte ich eine verbotene Linie überschritten und damit eine Folge von Ereignissen heraufbeschworen, die keiner aufhalten konnte.

Die letzten 24 Stunden hatten mir gezeigt, wogegen ich die ganze Zeit gekämpft hatte. Gegen die Wahrheit. Diese Zeit hatte mir gezeigt, warum ich so wütend war, als ich herausfand, dass er mein Bodyguard war. Jetzt war es schlicht und einfach, den Tatsachen ins Gesicht zu blicken, aber damals war es für mich unglaublich schwer gewesen, mein eigenes Verhalten durchzuschauen. Ich liebte Edward und konnte nicht zulassen, dass er mir wie feinkörniger Sand durch die Finger glitt, weil ich ihn nicht verlieren wollte. Ich brauchte ihn einfach.

Ich war mir noch nicht bewusst, wie sehr ich ihn brauchte.







~MB~








„In fünf Minuten sind wir da, Miss Swan.“ benachrichtigte mich der Fahrer überaus freundlich, so wie sie es in New York üblicherweise nur taten, wenn jemand sie später großzügig mit dem Trinkgeld belohnen würde. Zugegeben, wusste ich nicht viel über New York, was ich aber wusste, reichte wohl irgendwie aus um einzuschätzen, welche Art von Menschen hier lebten. Da der doofe Mister Bodyguard einen Teil seines Lebens hier verbracht hatte, musste die Stadt etwas Außergewöhnliches bieten.

Ich war unverantwortlich gewesen, hatte mich weder bei meiner Mutter, noch bei meinem Vater gemeldet. Zuerst einmal wollte ich die Wahrheit über meine Eltern und die Menschen in meiner Umgebung erfahren, weil ich mir über keinen sicher war, dass er der war, der er auch vorgab zu sein. Es war verwirrend, weil man diese Menschen sein ganzes Leben kannte und doch nur wenig von ihnen wusste. Ich kannte die Probleme meiner Eltern nicht. Ich hatte ihre Loyalität nie in Frage gestellt, hatte nie an der Richtigkeit ihrer Worte gezweifelt und mir Gedanken gemacht, dass sie mich betrügen könnten. Es schmerzte dies zu wissen, aber die Zweifel in mir  waren viel schlimmer. Allein die Vorstellung, meine Mutter könnte ein besserer Mensch sein, als ich sie jahrelang einschätzte, versetzte mir einen spitzen Schmerz in der Brustgegend. Sie hatte mich großgezogen. Sie hatte mich neun Monate in sich getragen. Es gab Dinge, die man nie vergessen konnte, auch wenn man glaubte, dass diese Person unglaublich schlecht war und nach Strich und Faden log. Wann hatte ich aufgehört mich nach ihrer Nähe zu sehnen? Wann hatte ich angefangen Renée zu hassen? Hasste ich sie überhaupt? Ich warf mein Gesicht in die Hände, ignorierte das Kribbeln auf meinem Nacken, da ich wusste, dass Edward mich ansah. Tief atmete ich ein paar Mal durch und lehnte mich danach wieder zurück.

Je länger ich über diese Dinge nachdachte, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass ich nicht den vollen Überblick über die Situation hatte. Ich hatte Teile, nur Bruchstücke der Wahrheit, aber mir fehlte der entscheidende Teil. Sollte ich wirklich an meinem Vater zweifeln? An dem Mann, der mich gefüttert, gebadet, eingekleidet und erzogen hatte? Er war mein Held. Ich liebte meinen Dad. Ich liebte ihn über alle Zeit und Raum hinweg. Ich vertraute ihm. Vielleicht war das auch mein Fehler. Aber Dad hatte immer alles richtig gemacht. Für mich war er der beste Dad, den man sich wünschen konnte.

Sollte ich an Dad´s Loyalität zweifeln, weil ein äußerst gutaussehender Typ mir den Verstand verdrehte? Nein, Edward war nicht nur ein Typ, der mir den Verstand verdreht hatte. Er war so viel mehr. Mein Dad hatte manchmal ein merkwürdiges Verhalten, vor allem Renée gegenüber. Außerdem hatte er meine Reise nach New York absagen wollen. Natürlich konnte ich an meinen Vater zweifeln.

„Bella!“ hörte ich links von mir. Schon wieder diese Stimme, die meinen Verstand einschläferte, aber alle meine Sinne überreizte. „Was?“ gab ich bissig von mir. Ich brauchte eine verdammte Zigarette. So ging das doch nicht weiter! Seine Augen sahen aus wie ein ungeschliffener Smaragd, ganz wild und ursprünglich. „Wir sind schon hier, Kleines.“ Ich nickte langsam. Verstand.....Verstand warum mein Vater immer gesagt hatte, ich wäre naiv. Weil ich nie die Situation überblicken konnte. Sie erzählten mir nie die Wahrheit über die Vorfälle im Haus. Wie ein blinder Vogel, dem man die Augen ausgestochen hatte, der aber im goldenen Käfig saß und vorgab der schönste und beste zu sein, hatte ich in meinem Käfig gesessen und in einer Richtung geblickt, hatte alles von mir gegeben, ihnen das schönste Lied vorgezwitschert, doch sie waren nur von meinem Äußeren geblendet, nicht von meinem Gesang. Ich hatte versucht die Welt durch ihre Augen zu sehen, aber stattdessen war ich mir nicht klar, wie falsch diese Ansicht war und wie blind ich eigentlich war.

Als mir Edward seine Hand entgegenhielt um mir beim Aussteigen zu helfen, saß ich ihn unglücklich an und ergriff seine Hand, versuchte den Stromstoß zu ignorieren, der uns bei der Berührung durchzuckte. Ich hielt in diesem Moment die Luft an und er schien mich mit seinem Blick förmlich einzusaugen. Ich hörte ihn den Geruch meines Haares einatmen, nachdem ich an ihm vorbeiging. Aber ich redete mir ein, dass es eine Einbildung war. Genau solche Taten verwirrten mich, aber ich erinnerte mich an Alice Worte, ich solle ihn nicht aufgeben.

„Soll ich hier warten, oder mitkommen?“ hörte ich dann seine samtene Stimme. Ich drehte mich herum, sah zwischen dem gepflegten Garten meiner Granny und Edward hin und her. „Du musst für meine Sicherheit sorgen, vielleicht greift mich meine Granny mit einem Messer an und du musst mich beschützen.“ verspielt lächelte ich ihn an und er schüttelte den Kopf, folgte mir aber.
Gerade als ich das Haus betreten wollte, mich wunderte warum es hier denn so still war, kam meine Granny mit einer Gartenschere und grünen Handschuhen um das Haus herum.

„BELLA! Oh, lieber Gott. Du bist wirklich hier?“ Die weißen Haare kunstvoll nach hinten gekämmt, das Gesicht von ihrer Schönheit trotz ihres Alters gezeichnet, kam meine Granny mir entgegen und schloss mich in ihre Arme. Ich vergrub mein Gesicht an ihrer Halsbeuge und atmete ihren Duft ein. Es war so lange her, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Als sie sich von mir löste, hielt sie mich auf Armeslänge und betrachtete mein Gesicht.

„Kindchen, was ist denn los? Du siehst so traurig aus. Komm, ich werde euch einen Tee machen. Es gibt kein Problem, dass man nach einer Tasse Tee nicht lösen kann.“ Edward grinste und folgte uns in den Hintergarten, wo meine Granny eine Hollywoodschaukel stehen hatte. Neben ihrem kleinen Rosengarten standen vier Stühle um einen kunstvoll verzierten Tisch herum. Ich ging ihnen voraus und setzte mich wenig ladylike auf einen der Stühle, den Blick gegen die Rosenbeete gerichtet, wo ich früher mit Linda gespielt hatte. Sogar meine Mutter war damals glücklich. Sie hatte im Gras mit Linda und mir herumgelegen und mit uns gelacht, uns französische Zöpfe geflochten, mit uns den Tisch gedeckt. Bis wir älter wurden und sich alles irgendwie änderte und das nicht zum Besseren. Mit der Zeit war auch ihre Lebensfreude verschwunden. Die Zeit hatte sie gezeichnet. Wie traurig dieser Gedanke mich doch stimmte.

„Edward, ich bin froh dich zu sehen, Kind. Mir wurde gesagt, dass du irgendwann hier auftauchen würdest und ich habe die Aufgabe dir etwas zu überbringen.“ Das war es, was meine Aufmerksamkeit von meiner Vergangenheit auf die Gegenwart lenkte. „Beth, ich habe keine Ahnung, worum es sich handelt. Mir wurde nichts gesagt!“ ungezwungen setzte er sich auf den Stuhl mir gegenüber und sah mich fragend an. Ich zuckte die Schultern.

„Weißt du was, Granny, ich werde uns den Tee kochen und ihr zwei könnt euch aussprechen.“ ich stand auf und wurde mir des bewundernden Blickes bewusst, den mir Edward zuwarf, als würde er nicht glauben, dass ich Tee kochen konnte. „Bleibt ihr zum Mittagessen?“ rief mir meine Granny zu als ich den Rasen überquerte und ich lachte, rief ihr ein „Ja“ zu und schlenderte ins Hausinnere.

Bis ich mich wieder orientieren konnte, mich erinnerte, wo sich alles Nötige befand, brauchte ich meine Zeit. Ich öffnete sämtliche Schränke und Kommoden bis ich den alten Kessel fand, in dem meine Granny immer den Tee kochte. Die blauen Mustern darauf hatte ich nie vergessen. Wegen dem wunderschönen Kessel, der eigentlich sehr alt war, die Farbe war abgeblättert und die eine Hälfte völlig verwischt, hatte ich als kleines Mädchen Tee getrunken. Ich erinnerte mich wieder an meine Mutter, die sehr oft den Tee gemacht hatte. Ich weiß nicht einmal, ob ich damals fünf war – jedenfalls war ich noch ziemlich jung- , aber ich konnte mich genauestens erinnern, wie sie hier gestanden war, wo ich jetzt stand und für viele Personen Tee gekocht hat. Dann war ich immer zu ihr gehüpft und hatte ihre Taille umklammert, bis sie mich auf die Anrichte gehoben hatte und mich gewarnt hatte nicht mit dem Kessel zu spielen, weil er heiß war und ich mir die Finger verbrennen könnte. Ich hatte bereits die Tassen herausgesucht, wartete auf das kochende Wasser, damit ich den Tee in den Garten tragen konnte. Doch dann läutete plötzlich, wie aus dem nichts, mein Handy. Es war mein Vater. Ich wunderte mich, dass er überhaupt anrief, er sollte doch auf Verhandlungen oder Meetings sein.

Ich nahm den Anruf zögernd an. Plötzlich hörte ich eine Stimme, wie sie zu meinem Vater sprach.

„.....die Nacht deines Lebens erleben. Du weißt, ich bin immer für dich bereit, Charles. Ich bin loyal, Baby. Und ich liebe dich. Sie nicht. Sie hat dich nie geliebt.“ Die Küche drehte sich einmal in meinem Kopf und ich schloss die Augen.

Ich hörte ein schrilles Lachen und polternde Geräusche. Sie wälzten sich, ließen Dinge auf den Boden fallen, lachten und knutschten. Ich hörte es, hörte alles. Als ich mir das Handy vom Ohr nahm, hallten die Geräusche in meinen Ohren wieder. Ich lief in den Foyer, blieb dort stehen, vergaß was ich tun wollte und lief in den Garten hinaus. Sofort waren Edwards Augen alarmiert, als er mich sah. Er war sofort vom Stuhl aufgesprungen und hielt mir seine Hand entgegen.

„Was ist los?“ fragte er mich besorgt.
„Wie was ist los?“ entgegnete ich.
„Bella, geht’s dir gut?“ fragte er mich wieder, sah mir direkt in die Augen.
„Natürlich!“ log ich. „Ich wollte nur sehen, was ihr macht, während das Wasser für den Tee kocht.“

Als Edward mich besorgt ansah, fiel mir etwas ein. Diese Stimme war mir bekannt gewesen. Ich wusste zu wem sie gehörte. Es war Bree. Es war Bree mit der mein Vater schlief.

„Ich glaube das Wasser hat genug gekocht.“ gezwungen lächelte ich meine Granny an und flitzte wieder ins Haus. Als ich den Foyer wieder betrat, sah ich das Paar Schuhe, das ich zuvor nicht bemerkt hatte. Natürlich gehörten sie ihm, meinem Vater, dem Mann, der vorgegeben hatte alles für uns zu tun, doch heimlich auf sein Wohlbefinden und seine Wünsche am meisten achtete. Er war so egoistisch. Edward hatte Recht gehabt. Vermutlich mit allem.

Das Poltern setzte danach fort aus dem oberen Stockwerk, das siedende Wasser pfiff bereits, doch ich musste mit meinen Augen feststellen, was hier lief. Brauchte diese Bestätigung damit ich Edward endlich glaubte. Langsam, mit  einer unsagbaren Geduld von 100 Männern schritt ich die Treppe hinauf. Stufe für Stufe näherte ich mich der Wahrheit. Die Geräusche kamen immer näher, die Tür zu Bree`s Zimmer stand einen Spalt offen und ich sah, dass sie sich nicht dort befanden. Ihre Kleidung war jedoch am Boden verstreut und die Tür zum Badezimmer war geschlossen. Die Geräusche wurden nicht genug gedämpft um sie zu ignorieren. Aber ich hörte sie nicht wirklich. Ich konzetrierte mich auf das was ich sah. Die Rolex meines Vaters lag am Nachttisch zusammen mit seiner Krawatte, die über der Lampe hing. Sein Handy war im durchwühlten Laken. Es muss nur Zufall gewesen sein, dass sein Handy mich angerufen hatte. Ich vermied es auf ihre Kleidung zu steigen, übersprang sie gekonnt bis ich die Tür zum Badezimmer erreichte.

„Gott, Charles,......du machst mich wahnsinnig.“ Keuchen, Stöhnen und das wohlbekannte Poltern. Meine Sicht wurde von meinen Tränen getrübt, ich lehnte den Kopf gegen die Tür, versuchte mir einzureden, dass meine Fantasie mit mir durchging und das nicht stimmte. Bald würde ich aufwachen und mich in der Küche befinden, wo ich den Tee kochte und wie ein dummes Mädchen nachdachte.

„Halt die Klappe, Bree. Sonst hört uns deine alte Mutter!“ warnte mein Vater sie. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich hörte es sogar in meinem Kopf wie eine tickende Zeitbombe wiederhallen. Meine Hand schwebte über der Türklinge und ich drückte sie entschlossen hinunter.  Jedoch sehr langsam und geräuschlos, damit sie mich nicht entdeckten, ich sie aber beobachten konnte.

Sie.

Er.

Dort.

Das Geschäft verrichtend.

Ich schloss enttäuscht, verwirrt und entsetzt meine Augen. Bat Gott, dass das nicht wahr sein soll. Aber das Bild veränderte sich nicht, so sehr ich versuchte mir etwas anderes auszumalen. Er hielt sie nahe an sich gepresst, so wie sie ihn auch. Sie lachte, wie die Schlampe, die sie auch war. Und er war einfach nur das, was er war: Ein Mann, ein Verräter, ein Lügner. Die Tränen liefen mir bereits über die Wangen, aber ich gab nicht auf. Lief nicht schluchzend über die Treppe um es meiner Mutter und allen anderen zu sagen. Riss aber auch nicht die Tür auf um ihnen zu sagen, dass ich sie erwischt hatte. Meine Wut verleitete mich dazu, sie langsam und erfolgreich zu zerstören. Stück für Stück. Also zückte ich mein kleines Handy aus meiner Jeans, schaltete die Kamera an und filmte. Der ganze Ekel, der in mir aufstieg, war kaum zurückzuhalten, aber ich beherrschte mich. Linda zuliebe. Meiner Mutter zu liebe. Emmett und auch Edward zuliebe. Er hatte mich gewarnt. Er hatte meinen Vater dennoch respektiert, weil er mein Vater war. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden aber durch Charlie selbst bestätigt. Es gab keine Zweifel mehr.

Ich erinnerte mich an so viele Worte Edwards in diesem Moment. Aber was am meisten schmerzte, war, dass er sagte, mein Vater wäre Schuld am Tod meiner Schwester. Bree, die Schlampe, die sie auch war, begann lauter zu schreien, aber Charlie legte ihr seine Hand auf den Mund. Ich saß weg, hielt es beinahe nicht aus, fragte mich, ob Linda das gewusst hatte. Fragte mich, was die Ursache für ihren Selbstmord gewesen war.

Edward.

Er wusste es.

Er wusste alles.

Ich musste zu ihm gehen. Ich musste ihn anflehen mir die Wahrheit zu sagen. Er durfte mich nicht anlügen. Er durfte es nicht. Ich brauchte die Wahrheit. Schließlich entschied ich mich genug gesehen zu haben, klappte eilig mein Handy zu und ging langsam hinunter. Verdächtig zitterten meine Hände als ich das Geländer umklammerte. Das drängende Pfeifen des Kessels rauschte in meinen Ohren. Doch ich wollte nicht. Ich wollte keinen Tee kochen.

Ich war nicht Renée, ich konnte damit nicht umgehen. Ich war keine Frau, die wusste, dass sie betrogen wurde und es einfach aushalten konnte. Wusste sie? Wusste sie, dass ihr Ehemann und ihre Schwester sie so hintergingen, sie auslachten und sich über sie köstlich amüsierten? Wenn sie wusste, warum.........Warum blieb sie bei ihm? Diese Frage würde mir wohl unbeantwortet bleiben. Entsetzt stellte ich fest, dass er nicht nur Renée betrog und belog, sondern auch mich. Er missbrauchte mein Vertrauen. Und ich hatte ihn so sehr geliebt und ihm vertraut. So blind und naiv.

„Bella, deine Granny fragt schon, wo der Tee bleibt.....“ Edward kam lächelnd in den Foyer, doch sein Grinsen nahm ab, als er mich an der letzten Stufe wie angewurzelt stehen sah. „Bella....“ versuchte er es nochmal. Langsam, als hätte er Angst, ich würde ihn anschreien, oder er würde mich verschrecken, kam er auf mich zu.

„Du hast geweint!“ stellte er fest und baute sich vor mir auf. Ich vergrub meine Nägel so tief in meine Haut, dass es sehr wehtat, aber das lenkte von meinem inneren Schmerz ab. Ich war schockiert, konnte es fast nicht glauben. Aber ich hatte es gesehen, es war die Wahrheit, das wonach ich lang gesucht hatte. Ich hatte nicht geglaubt, dass mein Dad im Stande wäre......Ich schloss meine Augen und verdrängte jegliche Gedanken daran.

„Bella.....Kleines......“ setzte Edward fort, ergriff meine zur Faust geballte Hand und nahm sie in seine warme Hand. „Du bist ja ganz kalt. Bella, geht es dir nicht gut?“ fragte er mich besorgt, fuhr mir mit der anderen Hand über meine rechte Wange. Seine Berührung war tröstlich. Genau das, was ich brauche. Er ließ seine Hand in meinen Hinterkopf wandern und zog mich an sich. Mein Kopf ruhte plötzlich auf seine Brust und er hatte seine starken Arme fest um mich geschlungen.

Meine Hände vergruben sich in den Kragen seines Jacketts und ich sah ihn bittend an.
„Edward, bring mich weg von hier. Weit weg. Ganz weit weg. Irgendwohin.....“ Ich rieb meine Nase an der nackten Haut seiner Brust, da die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes geöffnet waren und er heute keine Krawatte trug. Er küsste mich aufs Haar.

„Baby, wo auch immer du hin willst.“ antwortete er.
„Halt mich fest, Edward. Ich brauche dich. Ich brauche dich wirklich.“
„Ich halte dich fest, Baby. Ich bin hier. Ich bin hier, Baby. Ich gehe nicht weg.“
„Fester, Edward. Halt mich fester.“
„Schon gut, Baby. Schon gut, Bella, ich halte dich.“
„Geh nicht weg. Geh nicht weg, Edward. Bitte!“
„Bella, ich bin hier und gehe nicht weg.“ er nahm meine Hände und legte sie auf seine Wangen. „Ich bin hier. Ich gehe nicht, bis du mich fortschickst.“
„Versprich es mir! Versprich mir, dass du immer bei mir sein wirst. Versprich es mir.“ drängelte ich.
Er sah mir fest in die Augen und versprach mir aufrichtig, dass er immer bei mir wäre.
„Du wirst mich niemals verlassen, Edward.“
„Nein, ich bleibe hier, solange du mich brauchst.“
„Ich werde niemals aufhören dich zu brauchen.“ versprach ich.
„Du weißt nicht was du redest, du meinst das nicht so.“ widersprach er mir.
„Doch, ich meine es so, Edward.“ Ich lehnte meinen Kopf wieder an seine Brust, sank erschöpft dagegen und atmete seinen Geruch ein. Er begann mir eine mir unbekannte Melodie vorzusummen und schaukelte mich hin und her in seiner Umarmung.

„Bringst du mich jetzt weg von hier? Irgendwohin......“ Doch er ergriff mein Gesicht mit beiden Händen, sah mir in die Augen, seine waren ungeschliffene Smaragde, die im Kern flüssig waren, doch außen von einer harten undurchdringbaren Schale umgeben wurden. Sein Blick ließ mich innerlich erzittern und ich schloss flatternd die Augen, damit er mich küsste. Ich wusste, er wollte es genauso wie ich. Doch stattdessen sank seine Stirn gegen meine.

„Komm, hauen wir ab!“ sagte er dann, streckte mir seine Hand entgegen, wartete darauf, dass ich sie ergriff und mit ihm abhaute. Weg von Charlie und Bree. Und hin in Edwards schützende Arme. Wo mich eine allumfassende Wärme erwartete. Zweifelnd, ob ich seine Hand auch ergreifen würde, sah er mich an. Doch ich hatte bereits beschlossen Alice Rat zu befolgen.

„Gib Edward nicht auf“ hatte sie gesagt. Und ich würde ihn nicht aufgeben. Niemals.








~MB~



Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter aussieht. ~ Ernst Bloch




*vorhang zu*



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